sail24-Autoren berichten über den ganz normalen Wahnsinn an Bord

Charterwahnsinn

Nach der Übernahme einer Charteryacht fand Jan Maas etwas ungewöhnliches im Kartentisch. Und das brachte ihn zum grübeln...

Als wir im letzten Sommer unsere Charteryacht übernahmen, erwartete uns in der Navi-Ecke eine Überraschung. Als Besteck standen ein Schulzirkel und ein Wanderkompass zur Verfügung. Zuerst wussten wir nicht, ob wir lachen oder weinen sollten. Im Laufe der Tage stellte sich dann heraus, dass wir ohnehin nur mit dem eigenen GPS-Handy navigierten und die Aufregung legte sich langsam. Bei der Übergabe waren wir bereits überzeugt, dass Zirkel und Kompass Ausdruck einer zukunftsweisenden Idee waren.

Warum sollten Vercharterer ihr gutes Geld in Ausrüstung investieren, die ohnehin niemand benutzt? Für Segler gibt es bekanntlich nur zwei Windstärken: zu viel und zu wenig. Das heißt: Die Segel werden ohnehin nicht verwendet. Also brauchen Segel gar nicht erst gekauft zu werden. Das senkt die Kosten für die Vercharterer, diese können die Ersparnis an ihre Kunden weitergeben und den Segelsport so für neue Schichten attraktiv machen. Das Nachwuchsproblem wäre bald erledigt.

Leider sehen nackte Bäume etwas unsportlich aus. Aber die Segelmacher – die in Zukunft wohl deutlich weniger Aufträge für neue Segel zu erwarten haben – können zum Beispiel statt eines Segels einen Persenninghalter (PH) anbieten. Die Basis-Variante für den schmalen Geldbeutel hält das Segelkleid einfach mit Draht in Form. Wer zusätzlich die Illusion eines echten Segels unter dem PH erwecken möchte, investiert ein paar Euro mehr in einen Push-Up-PH mit Schaumstoffpolstern an den richtigen Stellen.

Weniger Segel bedeuten zudem weniger Polyester – und das ist ein Beitrag zum Umweltschutz. In diesem Sinne lässt sich die Charteryacht noch weiter optimieren, wenn wir auf die Rettungswesten verzichten. Stattdessen können ablegte Badenudeln zum Einsatz kommen – die dann nicht in die Müll geworfen werden. Zur Befestigung einfach die alten Zeisinge annähen. Die werden ohnehin nicht mehr gebraucht. Wieder Geld gespart, der Preis kann weiter sinken.

Hat sich mal jemand Gedanken darüber gemacht, wie viele Tonnen teurer Stahl in den Ankerlasten von Charteryachten liegen? Man muss gar nicht auf den Anker selbst verzichten. Ähnlich wie mit dem PH kann man auch mit dem mitgeführten Anker die Illusion einer echten Segelyacht vermitteln. Aber ein Kettenvorlauf von ein, zwei Metern sollte dazu reichen. Als Leine reicht ein alter Festmacher. Da ohnehin niemand in die Ankerlast guckt, fällt es auch nicht auf, wenn er praktisch keinen Mantel mehr hat.

Wenn wir ehrlich sind: Wer hat eigentlich Lust auf die stundenlange Bunkerei vor dem Ablegen? Und wozu? Den Starthafen kennen wir ohnehin am besten. Hier bekommen wir alles, was wir brauchen. Im Prinzip brauchen wir ihn gar nicht zu verlassen. Das macht die Maschine zum letzten überflüssigen Kostenfaktor. Wenn die Maschine rausfliegt, ist auch endlich Platz für einen vernünftigen Kühlschrank. Seitlich einbauen, Zugang durch eine Tür in der Achterkabine und immer genug kaltes Bier an Bord. Oder gleich Platz für eine waschechte Zapfanlage schaffen.

4 Comments

  1. Recht so!
    Einsparen, aber ohne den Spass zu verpassen!!!

    Über dieses Thema hatte auch ich mir Gedanken gemacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass “Digital Marine Cruising”, also ein “Lehnstuhltörn”, das Chartern der Zukunft ist!

    Digital Marine Cruising – auch “Der Lehnstuhltörn” genannt = Automatic-Computing-Sailing.

    Man/n resp. die Chartercrew schickt nur noch nen USB-Stick mit den gewünschten Wegepunkten zum Vercharterer, und die gebuchte Yacht segelt eigenständig den Törn.
    Das dabei gedrehte Video bekommt der Kunde dann zum sicheren und entspannten Betrachten im Lehnstuhl.

    Die ganze Geschichte gibt es hier zu lesen:
    http://www.dmcreisen.de/media/files/Artikel/Der-Lehnstuhlt-rn—Glosse.pdf

    Macht diese Idee Schule?
    Welche Charterfirma ist die erste, die solche Yachten verfügbar macht?
    Wer hat schon nen Lehnstuhl-Chartertörn “gesegelt”?

    Freue mich auf Erfahrungsberichte!
    Hans

  2. Da ist selbst 2 Charteryachten habe, kann ich mir das nur damit erklären, dass leider viel geklaut wird. Selbst bei einem genauen Nachcheck lässt sich nicht alles kontrollieren. Es wurden sogar schon fast neue Rettungswesten gegen völlig überalterte der gleichen Marke ausgetauscht.

    Es ist einfach erstaunlich, was Menschen alles mitgehen lassen. Das ist schon enttäuschend. Und dann bringt man eben an Bord nur noch Gegenstände, die günstig zu ersetzen sind.

    Aus diesen Gründen verchartere ich nicht mehr Bareboat.

  3. Das ist doch ganz einfach, die Kaution noch 4 Wochen einbehalten,
    alles in ruhe Prüfen, fehlende oder defekte Teile ersetzen und von der
    Kaution abziehen mit einem entsprechenden Aufschlag natürlich.
    Dann hört das auf und die Chartercrew geht etwas sorgsamer mit
    Schiff und Inhalt um, denn es kostet ihr Geld.

  4. Wenn jemand ein Schiff chartert dann muss er bei der Schiffsübernahme sorgfältig Schiff und Ausrüstung auf Vollständigkeit UND Funktion prüfen. Wenn der Skipper mit dem mageren Navibesteck einverstanden ist, dann braucht er nicht mehr und er verdient auch nicht mehr. Gleiches gilt für alle anderen genannten Beispiele.
    Ich habe eine Studie über die Verwendung und das Alter von Seekarten auf Charterschiffen gemacht. Dazu wurden auch gerichtlich beeidete Sachverständige befragt. Das Ergebnis war erschreckend. Alle verlassen sich auf elektronische Seekarten und GPS. Niemand (fast) schaut noch Papierkarten an, geschweige damit zu navigieren. Aus den Ergebnissen dieser Studie habe eine Navigationsmethode entwickelt, welche die aktuellsten hydrogr. Daten verwendet, den geringsten finanziellen und zeitmäßigen Aufwand bedeutet und die höchst mögliche Bequemlichkeit auf einen Nenner bringt. Plus zusätzlich eine hohe rechtliche Absicherung gegen grobe Fahrlässigkeit bietet.
    Es ist erschreckend, wie “verstaubt” die Ausbildung heute ist. Prüflinge werden mit unnützen, praxisfremden Themen gequält, während gleichzeitig der Stand der Technik ignoriert wird. Das gilt auch für die Segel- und Hafenmanöver. Österreich ist da noch schlimmer als Deutschland!
    Handbreit
    Rudi Czaak
    https://sailing.czaak.at

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