Falträder für den Bordgebrauch

Falträder sind gerade an Bord praktisch, um das Hinterland des Hafens zu erkunden. Wir haben uns die gängigsten Räder mal genauer angesehen, erklären die wichtigsten Komponenten und worauf beim Kauf geachtet werden sollte

Nicht immer liegen Supermarkt oder Bäcker direkt am Hafen. Auch der nächste Spielplatz oder das Ausflugsziel für ein abwechslungsreiches Landprogramm befinden sich in der Regel einige Kilometer vom Liegeplatz entfernt. Wer mehr als nur den Hafen sehen und sich nicht die Füße plattlaufen möchte, schwingt sich am besten auf ein Fahrrad. Schließlich radelt es sich viermal schneller, als einen die Füße tragen. So gesehen, stellt das Radfahren die effizienteste Methode dar, sich fortzubewegen. Obwohl in vielen Häfen Leihräder zur Verfügung stehen, bietet es sich an, sein eigenes kleines Velo in der Hundekoje oder Backskiste mit auf den Törn zu nehmen.

„Das Wort ‚Backskiste’ hören wir hier sehr oft“, sagt auch Maren Blum, Inhaberin des Brompton Store in Hamburg, in dem nur die namensgebenden Falträder angeboten werden. Das Brompton wird seit 30 Jahren beinahe unverändert gebaut und stellt noch immer die Referenz im Faltmaß dar. Kein Rad in unserem Test ließ sich so kompakt falten wie das Rad aus England. Dabei bekam es in den letzten Jahren zunehmend Konkurrenz. Kauften früher vornehmlich Segler und Wohnmobilfahrer die platzsparenden Velos, hat sich das heute geändert: „Mittlerweile haben wir eine deutlich urbanere Zielgruppe“, sagt Maren Blum. Gerade in Großstädten verkaufen einige Einwohner ihr Auto und nutzen als Alternative Car-Sharing-Modelle in Verbindung mit den faltbaren Rädern. Das Faltrad passt in jeden Kofferraum und darf sogar ohne Zusatzticket in den öffentlichen Verkehrsmitteln mitgenommen werden. Vor allem Pendler nutzen die Räder, um die letzten Kilometer zwischen S-Bahn und Arbeitsplatz zu überbrücken.

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Gut für Segler

So hat die Eroberung der Stadt auch positive Auswirkungen auf die Erkundungen des Hafenhinterlandes, denn die Räder werden konsequent weiterentwickelt. Weltmarktführer Dahon listet gleich 25 verschiedene Modelle im aktuellen Katalog auf. Sohn und Ex-Frau des Dahon-Gründers schufen vor einigen Jahren aus dem Nichts die Firma Tern, die beinahe 30 verschiedene Räder anbietet. Zusätzlich zu den großen Markenherstellern führen Wassersportausrüster wie A.W. Niemeyer, SVB und Compass24 eigene Falträder. Gerade diese günstigen Räder sind bei Seglern anscheinend sehr beliebt.

Stahl oder Aluminium

Dass Stahlrahmen schwerer als ihre Pendants aus Aluminium sind, stimmt nur bedingt. Stahl ist zwar tatsächlich schwerer, aber um die gleiche Festigkeit des Rahmens zu erreichen, muss Alu großzügiger dimensioniert werden. Bei herkömmlichen Diamant­rahmen lässt sich das Material auf den ersten Blick identifizieren: Filigrane Rahmen mit kleinem Rohrdurchmesser sind aus Stahl, größere Durchmesser aus Aluminium. Falträder bilden allerdings eine Ausnahme, denn anders als bei einem Diamantrahmen trägt nur ein einziges Rohr die auftretenden Kräfte – noch dazu trennt ein Scharnier den Rahmen. Um die Konstruktion zu versteifen, wählen die Hersteller große Durchmesser und passen teilweise die Geometrie an. Bei unseren Testrädern konnten wir keinen Gewichtsunterschied zwischen Stahl und Aluminium feststellen. Gegen Aluminium spricht eine größere Anfälligkeit gegenüber mechanischer Beanspruchung. Beulen und Macken am Rahmen sollten sorgfältig beobachtet werden, da Alu an diesen Stellen unvermittelt brechen kann. Stahl ist zäher und verzeiht ein Anecken in Backskisten eher. Allerdings kann Stahl gerade in der Nähe von Salzwasser rosten, wenn die Pulverbeschichtung Lücken aufweist.

Antrieb

So gut wie alle Fahrräder verfügen über eine Gangschaltung. Die Übersetzung ermöglicht es auch, dass die Räder trotz ihrer kleinen Laufräder auf Touren kommen. Damit die Füße nicht ab Schrittgeschwindigkeit ins rotieren kommen, ist das Kettenblatt wesentlich größer als bei einem 28 Zoll-Trekkingrad. Zusätzlich ist die Übersetzung durch eine Kettenschaltung mit mehreren Ritzeln oder eine Nabenschaltung abgestuft. Ab drei Gängen wird das Radfahren wesentlich komfortabler und kleine Touren sind möglich. Allerdings zeigte sich, dass die Spreizung der Gänge bei den Rädern mit 3-Gang-Schaltung nicht ausreicht. Neue Geschwindigkeitsrekorde lassen sich mit den Rädern ebenfalls nicht aufstellen. Selbst im höchsten Gang der 7- oder 8-Gang-Schaltungen knacken die Falträder auf ebener Strecke nur so gerade eben die 30-Stundenkilometermarke.

Bei den Schaltungen konkurrieren die Naben- und die Kettenschaltung miteinander. Die Nabenschaltung besitzt für den Gebrauch als Bordrad einige Vorteile. Sie muss nicht regelmäßig gewartet werden und da kaum Bauteile wie Kettenwerfer abstehen, kann sich beim Stauen in der Backskiste und während des Segelns nichts verstellen oder gar verbiegen. Nachteile sind der höhere Preis und das ebenfalls hohe Gewicht des Getriebes. Eine gelungene Alternative hat sich Brompton ausgedacht. Sie kombinierten eine 3-Gang-Nabenschaltung mit einer 2-Gang-Kettenschaltung, sodass insgesamt sechs Gänge zur Verfügung stehen. Dennoch kommt der gesamte Schaltapparat sehr klein daher.

Seit einigen Jahren setzt sich außerdem der Gates-Riemen als Alternative zum Kettenantrieb durch. Im Zahnriemen laufen Fasern aus Kohlefaser, die verhindern, dass sich der Riemen dehnt. Der Riemen läuft leiser und muss nicht gefettet werden, was nicht nur für die Hosenbeine von Vorteil ist. Allerdings muss der Riemen immer eine gewisse Vorspannung aufweisen. Dadurch werden die Lager in den Naben angeblich zusätzlich belastet, so­dass sie Schaden nehmen. Das Bernds-Rad benutzt eine dünnere Eigenanfertigung, die laut Hersteller ohne Vorspannung auskommt. Eine Ausstattung mit Riemen treibt auch den Preis hoch, da zusätzlich noch spezielle Kettenblätter und Ritzel montiert werden müssen. Zudem lässt sich der Antrieb nur mit einer Nabenschaltung kombinieren. Deshalb werden Falträder fast ausschließlich mit einer Kette geliefert. Doch Neuentwicklungen setzen vermehrt auf einen Riemenantrieb.
Bei den schmierigen Ketten verwunderte uns außerdem, dass bis auf Brompton viele Hersteller den Faltmechanismus so angebracht haben, dass die Kette nach dem Falten außen und nicht innen liegt.

Beleuchtung

Der Nabendynamo verdrängte den Seitenläuferdynamo in den letzten Jahren vollständig. Zusammen mit Hochleistungs-LEDs eine der bedeutendsten Neuerungen bei Fahrrädern. Der Naben­dynamo läuft leiser und zuverlässiger, während LEDs die Straße großräumig hell ausleuchten und anders als Glühlampen nicht kaputt gehen können. Noch dazu sind die modernen Beleuchtungssysteme nahezu wartungsfrei. Bei Dahon und Tern versorgt der Nabendynamo allerdings nur die Frontleuchte mit Energie, das Rücklicht leuchtet nur über eine Batterie. Bei Brompton und Bernds betreibt der Dynamo hingegen Front- und Rücklicht.

Bremsen

Zumindest bei den Bremssystemen unterscheiden sich die Räder wenig. Bis auf das Rad von Bernds mit Scheibenbremsen, schicken fast alle Hersteller ihre Räder mit Felgenbremsen los. Leider mit teilweise großen Unterschieden. Gerade bei günstigen Bremsbelägen dauert es, bis das Rad steht. Bei den Rädern über 300 Euro sprechen die Bremsen insgesamt schneller und griffiger an. Mit neuen Bremsbelägen lässt sich das Stoppen mit Sicherheit verbessern, allerdings federn die Hinterradgabeln sichtbar, wenn der Bremshebel gezogen wird.

 

Fazit

Für den Weg zum Bäcker oder eine Runde durch den Ort eignen sich die Eigenmarken allemal, doch kleine bis große Radtouren werden schnell ermüdend. Zudem patzen sie in der eigentlichen Paradedisziplin: dem Falten selbst. Zwar lassen sich die Räder schnell zusammenklappen, doch das fertige Paket droht wieder auseinanderzufallen. Für das Stauen in der Backskiste ist es nicht ideal, wenn sich das Rad während des Rauswuchtens entfaltet. Ein anderes Bild ergibt es sich bei den Rädern über 300 Euro. Einmal zusammengefaltet, wackelt an den Rädern nichts mehr, und sie lassen sich gut tragen. Nur das Bernds fällt etwas aus der Reihe, da sich der Rahmen nicht falten lässt und Lenker und Sattel gezogen werden. Auch längere Touren lassen sich auf den Velos unternehmen, ohne schweißgebadet und mit Knieschmerzen an den Zielort zu gelangen.

 

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