Interview: Unterschiede in der Qualität von Segel­tuchen

Dimension-Polyant gehört zu den größten Segeltuchproduzenten der Welt. Am Standort Deutschland werden alle Segel­tuche gefertigt. Doch wo liegen die Unterschiede in der Qualität? Wir sprachen mit Robert Kühnen von Dimension-Polyant

Ein Großteil der von Segelmachern verwendeten Segeltuche stammt von Dimension-Polyant. Wo liegt der Vorteil von DP gegenüber den Mitbewerbern?
Unser größter Vorteil gegenüber anderen Tuchanbietern ist unser Set-up, dass wir unsere Produkte von Anfang an selber in unseren eigenen Werken herstellen. Das ist ein absolutes Alleinstellungsmerkmal von Dimension-Polyant, denn wir sind weltweit der einzige Segeltuchlieferant mit einer eigenen Produktion. Das hat uns immer die beste Voraussetzung gegeben, eine gleichbleibend hohe Qualität zu erreichen, und höchst innovativ sein zu können.

Robert Kühnen von Dimension-Polyant (Bild: Jan Maas )

Entwickelt Ihr eure Tücher selber, oder holt Ihr Euch Spezialisten hinzu?
Auch das passiert unter unserem Dach, es gibt keine besseren Spezialisten als unser eigenes Team. Der Input kommt natürlich zum größten Teil von unseren Segelmacherkunden. Entweder sprechen Sie uns gezielt auf Problemstellungen oder Wünsche an, oder es ergeben sich Ansatzpunkte in unseren gemeinsamen Gesprächen. Wie so häufig, erstmal ist gutes Zuhören angesagt. Ja, und dann arbeiten wir an einer entsprechenden Umsetzung.

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Was betrachtet Ihr als die größten Innovationen?
Im Gewebebereich die Square Tuche, Hydra Net und Hydra Net radial und bei den Laminaten die Insert- und die X-Ply Technologie. Diese Entwicklungen sind auch alle patentiert gewesen. Um Produkte wie Hydra Net radial herstellen zu können, haben wir beispielsweise in spezielle Webmaschinen investiert. Das geht eben nur, wenn einem der Betrieb gehört.

Aber gibt es nicht mittlerweile ähnliche Produkte von anderen Anbietern?
Oberflächlich betrachtet: ja. Aber wenn man genauer hinschaut, gibt es deutliche Unterschiede. Hydra Net radial hat mit Abstand den höchsten Anteil an Ultra-PE Garnen. Die speziellen Webmaschinen, von denen ich sprach, ermöglichen uns die Vorspannung der Ultra-PE Garne und der Polyester Garne separat zu steuern. Das hat zum Ergebnis, dass unsere Tuche später im Segel nicht schrumpfen. Natürlich hat das seinen Preis, aber wenn sich ein Segler für das hochwertigste gewebte Segeltuch entscheidet, dann sollte er auch die bestmögliche Qualität bekommen, denn er muss schon tief in die Tasche greifen.

Ärgert Ihr euch nicht über solche Nachahmer?
Nein, nicht grundsätzlich. Da muss man mit leben. Aber es ist sehr bedauerlich, dass Segler immer wieder in die Irre geführt werden. Aktuelles Beispiel: seit kurzem ist ein neues Tuch auf dem Markt, ein Mix aus Ultra-PE und Polyester. Aber im Gegensatz zu Hydra Net radial ist es schussorientiert, als für Cross Cut. So weit, so gut. Aber überhaupt nicht okay ist, dass dieser Anbieter in seiner Werbung sein Produkt als besonders hochwertig darzustellen versucht, indem er die Schußwerte seines Tuches mit den Kettwerten von Hydra Net radial vergleicht. Es wird zwar erklärt, dass die Primärrichtungen vergleichen werden, aber solch eine Gegenüberstellung ist einfach Unsinn.

Inwiefern?
Das hat mit dem Webprozess zu tun. Die Kettfäden haben immer eine gewisse Einarbeitung – man spricht hier fachlich von Crimp – wohingegen die Schußfäden grundsätzlich völlig gerade in einem Segeltuch liegen. Vergleicht man zwei Tuche gleicher Art und gleichen Gewichts, sagen wir mal ein 300 g/m² Dacrontuch, eines kettorientiert für Radial-Schnitt und das andere schußorientiert für Cross-Cut oder Horizontal-Schnitt, dann wird der Schuß im schußorientierten Tuch immer einen höheren Dehnungswiderstand haben als die Kette im kettorientierten Tuch. Das ist technisch gar nicht anders möglich.

Worauf sollte ein Eigner bei der Tuchwahl achten? Kann er Unterschiede in der Qualität von Tüchern erkennen?
Optisch erkennen, eher nicht. Aber er hat durchaus Möglichkeiten, sich ein Bild zu machen. Da ist in erster Linie der Segelmacher seines Vertrauens. Klingt vielleicht ein bisschen pathetisch, aber es ist durchaus was dran. Ein guter Segelmacher kann eine Menge über die Tucheigenschaften erzählen. Er wägt auch gut ab, was er seinem Kunden empfiehlt, denn er möchte einen zufriedenen Kunden haben, der möglichst noch weitere Segel bei ihm kauft. Ich persönlich würde mir nie ein Segel über das Internet bestellen, und wenn es noch so preiswert ist.
Der Segler kann sich auch Informationen direkt beim Tuchhersteller holen. Aus diesem Grund gehen wir auf Messen, die Hamburg Boat Show oder die boot in Düsseldorf. Oder wir sind mit einem Zelt auf der Kieler Woche. Wir informieren gerne über unsere Produkte und deren Eigenschaften.

Dimension-Polyant hat sich vor einigen Jahren aus der Membranfertigung zurückgezogen. Wie seht Ihr diesen Markt heute?
Das ist so nicht ganz richtig. Wir haben zwar die D4 Technologie an einen großen französischen Segelmacher verkauft, aber wir fertigen immer noch große Mengen an Komponenten. Insofern sind die Membranen auch für uns ein interessanter Markt geblieben. Es ist eben nur nicht so offensichtlich, was hier von Dimension-Polyant kommt. Membransegel haben sicherlich ihren Platz im Segelmarkt, vor allem im Regattabereich. Fahrtenseglern rate ich nach wie vor genau abzuwägen, ob sie sich ein Membransegel anschaffen sollten. Technische Vorteile gegenüber traditionellen Laminatsegeln sind sehr begrenzt, ganz besonders bei Booten unter 45 Fuß. Und dafür soll der Segler eine längere Haltbarkeit eintauschen? Da kann ich nur sagen: Gut abwägen!

Was sind die Segel von morgen?
Die unvermeidliche Frage! Ich glaube nicht, dass es erdrutschartige Neuerungen geben wird, jedenfalls nicht mittelfristig. Es wird das eine oder andere neue Nischenprodukt geben und vorhandene Materialien werden noch weiter optimiert. Aber auch in Zukunft werden Fahrtensegler Wert auf eine akzeptable Lebensdauer legen, aber auch auf eine ansprechende Performance.
Bei Regattasegeln wird natürlich weiterhin die optimale Performance und der bestmögliche Speed an erster Stelle stehen. Hier wird dann bestimmt auch in allen möglichen Richtungen experimentiert.

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