Interview: Tauwerk für Segler

Die Firma Lippmann German Ropes stellt in fünfter Generation Tauwerk her. Wie Seile entstehen und welches Tauwerk für welchen Einsatz geeignet ist, erklärt Geschäftsführerin Stefanie Lippmann

Welche Herstellungsarten für Yachttauwerk gibt es überhaupt?
Man unterscheidet zwischen geflochtenen und gedrehten Leinen. Manche sagen auch geschlagene Leinen. Der richtige Fachausdruck ist allerdings gedreht.

Stefanie Lippmann von Lippmann German Ropes

In welchen Aufbau-Kons­truktionen gibt es gedrehte Leinen?
Auf Freizeityachten wird in aller Regel Tauwerk mit drei Litzen eingesetzt.

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Gedrehte Leine mit mehreren Litzen (Kardeelen)

Sie sprechen von Litzen. Sind Litzen dasselbe wie Kar­deele?
Ja und nein. Der Ausdruck Kardeel wird von Seilern eigentlich nicht benutzt, hat aber Eingang in die Seglersprache gefunden. Erst wenn Litzen nochmals zusammengeschlagen werden, kommt es zu einem Kardeel. Das passiert normalerweise nur beim Kabelschlag.

Wie ist denn ein typisches gedrehtes Yachttauwerk überhaupt aufgebaut?
Den Anfang macht das Garn. Aus mehreren zusammengedrehten Garnen wird ein Zwirn, aus mehreren zusammengedrehten Zwirnen eine Litze, aus Litzen dann das typische gedrehte Yachttauwerk. Zunächst werden die Litzen stramm in eine Richtung gedreht, anschließend gegenläufig verdreht, was dem Tauwerk letztendlich seine Struktur gibt. Gleichzeitig sorgt diese Vorgehensweise dafür, dass sich die Drehung nicht wieder aufhebt.

Und wie wird geflochtenes Tauwerk aufgebaut und hergestellt?
Vor dem eigentlichen Flechten werden das Garn oder der Zwirn auf Spulen beziehungsweise Klöppel gewickelt. Drei Klöppel sind das Minimum, mit dem geflochten werden kann. Man kennt das vom Zöpfe flechten, wo auch drei Strähnen ineinander verwoben werden. Unsere Flechtmaschinen haben in der Regel viel mehr Klöppel, bis zu 48 Stück.

Um einen Kern wird ein Mantel geflochten

Worin liegen die Vorteile von gedrehtem Tauwerk?
Es lässt sich sehr gut spleißen.

Und die Nachteile?
Da ordentlich Drehung im Tauwerk ist, neigen gedrehte Leinen sehr zum Kinken.

Worin liegen die Vorteile von geflochtenem Tauwerk?
Diese Leinen sind drehungsfrei, haben glattere Oberflächen, sind besser in Beschlägen…

Aber es gibt auch hier Nachteile?
Ja, geflochtenes Tauwerk lässt sich schlechter spleißen oder sogar gar nicht, wenn der Mantel zu stramm am Kern sitzt.

Bekanntlich gibt es geflochtene Leinen mit Seele (Kern) und ohne…
Ja, die Leinen ohne Einlage nennen wir Hohlgeflechte. Man findet sie häufig bei Tauwerk aus reinem Dyneema. Diese Hohlgeflechte lassen sich besonders gut spleißen und werden vielfach als Stage eingesetzt. Soll eine Leine handlich beziehungsweise griffig sein, muss sie einen Kern erhalten. Der ist dazu da, das Tauwerk runder und kompakter zu machen. Beim Kern geht nicht unbedingt darum, die Haltbarkeit beziehungweise Bruchlast zu erhöhen, sondern dem Tauwerk Fülle zu geben. Außer bei Dyneema, da kommt die Bruchkraft aus der Einlage. Der Mantel hat hier Schutzfunktion.

Aus welchen Materialien werden moderne Seile gemacht?
Die allermeisten Seile für den Fahrtensegler sind aus Polyester. Daneben gibt es Polyamid, Polypropylen, Aramid (zum Beispiel Kevlar), Polyethylen und Hochmodul-Polyethylen, kurz HMPE genannt, wie es Dyneema und Spectra darstellen.

Hochmodul bedeutet?
Vereinfacht ausgedrückt sorgt eine sehr aufwendige Herstellungsweise dafür, dass das Polyethylen außergewöhnlich gute Festigkeitswerte bekommt.

Wo genau liegt der Unterschied zwischen Dyneema und Spectra? Der Grundstoff ist doch derselbe.
Dyneema und Spectra sind Markennamen. Dyneema wurde in Holland entwickelt, Spectra kommt aus den USA. Die Eigenschaften der Materialien sind sehr ähnlich.

Sie selbst segeln eine Finngulf 33. Welche Leinen fahren Sie als Groß- und Fockschoten?
Groß- und Fockschoten sollten weich sein und nicht kinken. Vorgereckt müssen sie nicht sein, denn sie dürfen in der Böe gerne nachgeben. Die Fockschot darf einen robusteren Mantel haben, da sie um die Winsch gelegt wird. Persönlich bevorzuge ich einen glatten Mantel, weil der nicht so viel Wasser aufnimmt, wie ein flauschiger Mantel. Aber das ist Geschmackssache. Wenn eine Schot häufig aus der Hand gefahren wird, ist ein flauschiger Mantel natürlich angenehmer. Für Groß- und Fockschoten empfehlen wir in der Regel Kernmantelgeflechte aus Polyester.

Stichwort kinken. Wie schaffen es Hersteller, Schoten kinkenfrei zu bekommen?
Stefanie Lippmann: Gedrehte Leinen kinken immer, geflochtene können jedoch durch eine ausgetüftelte Flechttechnik, die weiche, schmiegsame Leinen produziert, weitgehend kinkfrei werden. In jedem Fall sollte man wissen, dass auch diese Leinen Kinken bilden, wenn sie falsch aufgeschossen werden. Sobald man über die Hand aufschießt, gibt man automatisch – und natürlich unbewusst – eine Drehung in die Leine hinein, weil man es so gelernt hat. Besser ist es, die Leine langsam und in großen Schlaufen auf den Cockpitboden oder aufs Deck abzulassen. Dann sucht sie sich selbst ihren Weg, meist in Form einer Acht. Durch diese Technik kommt keine Drehung in den Tampen hinein und damit auch keine unerwünschte Kinkenbildung.

Vorgereckt ist das zweite Stichwort: Was versteht man unter vorgereckten Leinen, und wozu werden sie benutzt?
Konstruktionsbedingt geben sowohl gedrehte als auch geflochtene Leinen unter Zug nach, gedrehte mehr als geflochtene. Abhängig von Flechtart und verwendetem Material hat jedes Seil Reck. Um den Reck-Prozentsatz beim fertigen Produkt möglichst gering zu halten, wird das Seil schon von der Fabrik vorgereckt. Dyneema reckt materialbedingt deutlich weniger als Polyester. Auch andere bekannte High-Tech-Materialien, wie zum Beispiel Kevlar, haben extrem wenig Reck. Als Aramid-Faser, die eine schlechte UV-Beständigkeit hat, muss Kevlar allerdings immer ummantelt werden, kann also nicht wie Dyneema als Hohlgeflecht für Stagen dienen. Wir fahren sie als Achterstag, dort kommt es nicht so sehr darauf an, dass sie besonders dünn ist.

Und welches Material ist besonders gut für Fallen geeignet?
In jedem Fall vorgereckte Seile. Kernmantelgeflechte aus Polyester mit Dyneema-Kern sind empfehlenswert. Je größer die Strecke ist, die ein Fall zurücklegen muss, desto länger wird natürlich auch der Reckweg. Bei hohen Masten kann da schnell ein Meter oder mehr zusammenkommen, wenn das Tauwerk von minderer Qualität ist. Ganz ohne Reck wird man nicht auskommen, aber die Materialentwicklung macht weitere Fortschritte. Bei Dyneema hat man allerdings nur noch einen Bruchteil des Recks. Man kann es als Stagen einsetzen und spart damit ordentlich Gewicht im Vergleich zum Draht-Stag. Allerdings zahlt man dafür einen deutlich höheren Preis.

Dyneema hat unumstrittene Vorteile. Wie sieht es mit Nachteilen aus?
Die gibt es auch. Hohe Dauerlast und Wärme sorgen dafür, dass das Material zu ‚fließen‘ beginnt. Die Struktur ändert sich, und damit auch ihre Eigenschaften. Leider kann man nicht erkennen beziehungsweise sehen, wann die Leine Gefahr läuft, zu brechen. Inzwischen sind aber schon Dyneema-Leinen auf dem Markt, die kaum noch fließen. Zu extrem hohen Preisen allerdings.

Wie kann ein Laie entscheiden, welche Leine aus welchem Material und in welcher Stärke benötigt wird?
Er sollte sich an einen Fachhändler wenden. Es gibt sehr viele Material-, Qualitäts- und Strukturunterschiede, die nur von Experten erkennbar sind. Die Fachleute beraten auch in Bezug auf erforderliche Tauwerksdurchmesser und Bruchlasten.

Welche Leinen würden Sie als Festmacher empfehlen?
Bitte keine alten Fallen verwenden. Festmacher sollten Reck haben. Gedrehte Polyester-Leinen sind gut, weil sie sehr gut dehnen. Polyester-Kernmantelgeflechte eignen sich auch gut. Polyamid dagegen hat zwar eine hohe Dehnung, wird aber durch Wasser und UV-Strahlung innerhalb von nur drei bis vier Monaten hart, außerdem schrumpft es. Um beides zu verhindern, werden Polyamid-Seile thermofixiert, aber ganz verhindern lassen sich die negativen Eigenschaften nicht. Für Urlaubstörns haben wir leichte, schwimmfähige Festmacher an Bord. So können wir die Leinen nach dem Ablegen loswerfen, ohne fürchten zu müssen, dass sie in den Propeller geraten. Schwimmfähig sind Festmacher aus Polypropylen, wobei man differenzieren muss: Billige Polypropylen-Seile, die schon nach kurzer Zeit stachelig werden, eignen sich natürlich nicht, wohl aber hochwertige.

Und was nimmt man als Ankerleine?
Selbstverständlich kein schwimmfähiges Material. Im Gegenteil, es sollte möglichst schwer sein, aus Polyester zum Beispiel. Dabei ist es egal, ob die Leine gedreht oder geflochten ist.

Man liest und hört immer wieder, dass spezielle Ankerleinen mit Bleikern hergestellt werden. Was halten Sie von derartigem Tauwerk?
Blei bringt man nicht ins Wasser! Ein Kettenvorläufer ist der viel bessere Weg.

Um Fender anzubringen, Flaggen zu hissen, einen Bändselvorrat anzulegen, sollten zusätzliche Leinen an Bord sein. Welcher Art?
Da gibt es unterschiedliche Materialien. Flaggenleinen und Sorgeleinen sind häufig aus Polyethylen, aber auch aus Ployester.

Und wie sieht es mit Takelgarn aus?
Takelgarn ist aus Polyamid. Polyamid hat, wie vorher schon erwähnt, gute Dehnung, mit dem Vorteil, dass man das Garn stramm um das Tauwerks­ende wickeln kann. Ist es zudem noch gewachst, schmiegt es sich besonders glatt an die Leine. Wichtig ist aber, das Abtakeln überhaupt durchzuführen. Abbrennen allein reicht nicht, um das Auswandern des Kerns zu verhindern. Wandert der Kern, ist das gesamte Tauwerksystem kaputt. Dass sollte man wissen.

2 Comments

  1. Blei bringt man nicht ins Wasser!……. mir welcher Begründung bitte? Weils Lippmann nicht im Sortiment hat?!

    • Für Frau Lippmann kann ich nicht antworten.
      Ich denke, es bezieht sich darauf, dass Blei giftig ist. In vielen Bundesländern ist beispielsweise bleihaltige Jagdmunition bereits verboten.

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