Interview zur „Allianz deutscher Segelmacher“: „Es geht um Qualität“

Mehrere deutsche Segelmacher haben sich zur „Allianz deutscher Segelmacher“ zusammengetan. Wir trafen Simon Henzel von Jan Segel, Christian Tinnemeier von Faber + Münker und Jens Nickel von der Segelwerkstatt Stade zum Gespräch über die gemeinsame Initiative

Was ist die „Allianz deutscher Segelmacher“?
Jens Nickel: Die Idee kam als Tinne (Christian Tinnemeier, Anmerk. d. Red.) und ich uns unterhalten haben und wir feststellten, dass uns einige Dinge ärgern: Das eine ist die Außendarstellung des Wettbewerbs. Wir sind nur noch wenige Betriebe, die ausschließlich in Deutschland fertigen, und viele unserer Wettbewerber versuchen sich das Image zu geben, in Deutschland zu fertigen, obwohl sie in Billiglohnländern herstellen. Wir möchten den Endverbraucher dafür sensibilisieren, da wir deutliche Qualitätsunterschiede sehen. Wir bilden unsere Azubis drei Jahre lang aus, damit sie sich Hintergrundwissen aneignen, und wir bessere Segel bauen können. Das gibt es in den Billiglohnländern nicht und das sollte man kommunizieren.

Wir brauchen mehr Leute. Wir haben momentan sehr lange Lieferzeiten. Das ist nicht akzeptabel.

Der zweite Punkt ist, dass es zu wenig Segelmacher gibt. Wir brauchen mehr Leute. Wir haben momentan sehr lange Lieferzeiten. Das ist nicht akzeptabel. Wir wollen daher auf den Beruf Segelmacher aufmerksam machen und zeigen, dass es ein toller Beruf ist.
Christian Tinnemeier: Wir können nur vernünftig ausbilden, wenn wir in Deutschland fertigen. Wir werden oft gefragt, ob wir tatsächlich in Deutschland fertigen und wo wir fertigen.
Jens Nickel: Wir sind momentan fünf Segelmacher in der Allianz: Co-Segel, Latsch Segel, Jan-Segel, Faber + Münker und Segelwerkstatt Stade. Wenn man auf die Messen in Düsseldorf oder Hamburg geht, sind dort 40 Wettbewerber und viele fertigen nicht zu 100 Prozent, oder gar nicht in Deutschland. Das ist dem Segler aber oft nicht klar.

Soll die „Allianz deutscher Segelmacher“ auch ein Qualitätssiegel werden?
Jens Nickel: Absolut! Wir haben den Begriff „Made in Germany“ vermieden, aber darauf zielt es ab.
Christian Tinnemeier: Es ist nicht korrekt dem Kunden gegenüber zu sagen, dass man ein deutscher Segelmacher ist, und nicht in Deutschland produziert. Das muss man offen kommunizieren und das machen viele nicht. Das finden wir nicht in Ordnung.

Gibt es denn Auflagen um als Segelmacher dabei zu sein?
Jens Nickel: Die Auflage ist, zu 100 Prozent in Deutschland zu produzieren. Ansonsten freuen wir uns über jeden, der mitmacht.

Und die Zulieferer sind egal, zum Beispiel wo das Tuch herkommt?
Jens Nickel: Wir kaufen unser Zubehör weltweit ein. Dass mit Dimension-Polyant der größte Tuchlieferant der Welt in Deutschland sitzt, ist Zufall. Das machen wir nicht zum Maßstab. Das Problem ist die Verarbeitung. Ein Beispiel: Wenn ein Segel ausgeliefert wird, ist der Stand des Segels für den Kunden schwer zu beurteilen, und ist meistens auch gut. Aber wie schnell verändert er sich? Das hat bei einem radial geschnittenen Segel etwas mit der Bahnbreite zu tun. Ob ich jetzt aber 40 oder 25 Bahnen eingenäht habe, das ist in dem Moment kein Kriterium für den Endverbraucher. Das ist aber nach zwei Jahren ein extremes Kriterium. Auf diese Punkte wollen wir hinweisen. Wir fertigen in Deutschland ganz anders als in den Billiglohnländern.

Worauf sollte ich achten, wenn ich ein qualitativ hochwertiges Segel haben möchte?
Christian Tinnemeier: Auf das Material zum Beispiel. Die Betriebe, die in Deutschland fertigen, machen das ganz deutlich: Die kaufen bei Dimension-Polyant oder Contender. Das sind die Hauptlieferanten. Das sind beides Betriebe, die in Deutschland fertigen oder teilfertigen lassen. Wenn man in Fernost kauft, kauft man manchmal „China-Ware“. Diese Produkte sind meist aus einfachem Polyester, einfach beschichtet und grob strukturiert. Dann ist es eine Frage weniger Jahre, bis das Material nicht mehr das leistet, was es leisten soll und trotzdem wird dem Kunden verkauft, dass es sich um hochqualitatives Tuch handelt.

Macht sich Qualität auch am Service fest?
Simon Henzel: Oft können Mitbewerber keinen guten Service mit Fachkenntnissen bieten. Die haben viele Verkäufer, die Segelsport betreiben, aber über die Fertigung an sich gibt es kaum Wissen. Wenn nicht ausgebildet wird, gibt es irgendwann nur noch Verkäufer mit kaufmännischer Ausbildung.
Jens Nickel: Wobei das eben ein interessanter Punkt ist: Viele gute Segler glauben, dass sie Ahnung vom Segelmachen haben. Das ist Zweierlei: Es ist Grundvoraussetzung ein guter Segler zu sein, um Segelmacher zu werden. Wenn man ein guter Segler ist, weiß man aber nicht zwangsläufig, was da beim Segelmachen passiert. Das ist ein sehr vielschichtiges Thema.
Christian Tinnemeier: Auch die Beratung ist ein ganz wichtiges Merkmal. Wenn wir potenzielle Kunden beraten können, dann werden sie später eigentlich zu 90 Prozent auch unsere Kunden. Wenn sie nur online anfragen, fallen wir durch die Preisschiene erstmal durch das Netz und kommen sowieso nicht zum Zuge. Aber gute Beratung heißt eben nicht das teuerste Produkt verkaufen zu wollen, sondern das Produkt, was für denjenigen richtig ist. Da gibt es aber genug Firmen, die empfehlen den Kunden lieber das teure Produkt – gibt ja mehr Umsatz.

Wie sieht das mit dem Preis aus?
Christian Tinnemeier: Er ist ein Thema, aber er ist nicht das Thema. Die Kunden, die bewusst fragen, wo wir fertigen, sind auch bereit mehr Geld auszugeben. Wenn es um zehn Prozent geht, sind die bereit das zu zahlen, wenn sie wissen, dass wir in Deutschland fertigen, sie einen vernünftigen Service bekommen, sie jederzeit anrufen und sagen können: „Ich habe ein Problem. Könnt ihr mir helfen?“ Und bei der Allianz ist die eine Idee auch zu sagen: „Liebe Kunden habt keine Angst, ihr könnt bei Simon, bei Jens oder auch bei mir anrufen.“ Und dann wird den Kunden geholfen. Unser aller Interesse ist, dass der Kunde glücklich ist, viel segeln kann und einen tollen Sommer erlebt. Das ist und muss unser Interesse sein. Das kriegen wir nur hin, wenn wir uns da mehr vernetzen und besser aufstellen.
Jens Nickel: Wir stellen ja hauptsächlich Unikate her, da kann keiner behaupten, er baut immer alles perfekt. Wenn jetzt vielleicht mal ein Mastrutscher verkehrt angenäht ist und das Schiff des Kunden liegt in Kiel, rufe ich Tinne an und sage ihm, dass er sich bitte ins Auto schwingen soll und sich um den Kunden kümmert. Dann spare ich mir vier Stunden Autofahrt und der Kunde ist glücklich. Und warum soll man so was nicht machen? Das war vor 20 Jahren unvorstellbar.

Wie geht es weiter, was sind eure Pläne für die Allianz?
Jens Nickel: Ich sage es mal so, wir sehen eigentlich noch zwei oder drei Firmen, die wir gerne in der „Allianz deutscher Segelmacher“ dabeihätten. Dann ist unser Kontingent, was wir an Mitbewerbern reinbekommen möchten, erschöpft.
Christian Tinnemeier: Theoretisch produzieren zehn Segelmacher im Sinne unserer Betriebsgröße in Deutschland. Es gibt auch noch, gerade im Osten und im Süden, viele Ein-Mann-Betriebe – das darf man nicht vergessen. Die sind aber nicht unbedingt das, was wir in der Allianz haben wollen, weil die zum Beispiel nicht ausbilden.

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