Reportage

Wie eine Seekarte entsteht

In Eckernförde ist einer der größten, privaten Seekartenhersteller der Welt zu Hause: der NV.Verlag. Ein Besuch bei Familie Scheidt, um zu erfahren, wie Seekarten entstehen

Ein nasskalter Wintertag in Norddeutschland. Über die Eckernförder Bucht ziehen tief hängende Regenwolken. In einem denkmalgeschützten, roten Backsteingemäuer, vormals ein Mannschaftsquartier der Marine, sitzt die Nautische Veröffentlichung Verlagsgesellschaft, kurz der NV.Verlag. Ortstermin mit Jeppe Scheidt, dem ältesten von drei Söhnen der Verlags-Gründer Cornelia und Hasko Scheidt. Wie werden eigentlich Seekarten produziert? Und was ist dazu notwendig? Bereits seit 1979 stellt der NV.Verlag Spezialseekarten für den Sportbootbereich her, ist der Marktführer in Deutschland und einer der größten privaten Seekartenverlage der Welt. Wer wäre also besser geeignet, Einblicke in den Herstellungsprozess dieser unersetzlichen Naviga­tionshilfen zu geben?

Das Verlagshaus in Eckernförde
(Bild: Nikolas Woeckner)

Revierkenntnis

„Am Anfang der Kartenherstellung steht immer die Bereisung des Reviers. Es ist sehr wichtig, ein Gefühl für das Seegebiet zu bekommen.“, sagt Jeppe Scheidt. Die Lage von Marinas und Landmarken, das Wissen über Strömungen und Tiden im jeweiligen Gebiet sind entscheidend für die späteren Entscheidungen über Maßstäbe und Abdeckungen. „Revierkenntnis ist ein großer Bestandteil unseres Know-hows“, sagt Jeppe Scheidt und nimmt die Treppe in den ersten Stock, in das Herz des Verlags. Hier sitzen die zwei Abteilungen, die für die Herstellung der Seekarten verantwortlich sind und die eng miteinander verzahnt arbeiten: Die ‚Nautik’ und die ‚Kartographie’. Jeppe studierte selbst Nautik, genau wie sein Vater Hasko. Neben Nautikern beteiligen sich aber vor allem Kartographen, Hydrographen und Geographen an der Entstehung der Seekarten. Zwei Dinge haben sie unabhängig von ihrer Ausbildung alle gemein: die Liebe zum Wasser und die Begeisterung für Seekarten.

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Die Korrekturen, die von der nautischen Abteilung in die Karte eingetragen wurden, werden in der Kartographie eingearbeitet
(Bild: Nikolas Woeckner)

Aus Zahlen werden Karten

In der Kartographie geschieht dann etwas ‚Magisches’: Aus Rohdaten von unterschiedlichen Quellen entstehen am Computer die eigentlichen Karten. Schier endlose Tabellen mit Positionsangaben von Wassertiefen, Tonnenlagen oder dem Verlauf von Küstenlinien verwandeln die Kartographen in Seekarten. Die Tiefen­angaben erhält der Verlag meist von den nationalen Hydrographischen Instituten, wie in Deutschland dem Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH). Hierfür zahlt der Verlag Lizenzgebühren. Die Tiefenangaben können aber auch von Ingenieursbüros stammen oder werden dort, wo die Datendichte nicht ausreicht, vom NV.Verlag mit eigenen Vermessungsbooten selbst erhoben. Die Lage der Seezeichen stammt von den jeweiligen nationalen Behörden.
Aber natürlich müssen auch die Angaben der Landseite stimmen, sind doch zum Beispiel Landmarken wie Kraftwerksschornsteine, Windräder oder Kirchen wichtige Navigationshilfen. Diese Daten bezieht der NV.Verlag von Vermessungsämtern und aus Analysen von Luftbildern. Weitere Daten, die Einzug in die Seekarte halten, recherchiert die nautische Abteilung. Dies können Informationen über Tiden und Strömungen oder nautische Hinweise sein.

Aus den Rohdaten entsteht später die Seekarte
(Bild: Nikolas Woeckner)

Hier zeigt sich, wie flexibel der Verlag auf die Wünsche der Kunden eingehen kann: Seit Kurzem werden zum Beispiel in den Seekarten auch die Positionen von Golfplätzen vermerkt, da immer mehr Segler ihre Hobbys Golfen und Segeln verbinden möchten und den Verlag um diese Zusatzinformation baten.
Dieser Grad der Flexibilität ist es auch, weshalb die Lotsen des Nord-Ostsee-Kanals mit Karten des Eckernförder Kartenherstellers navigieren, worauf der NV.Verlag stolz ist. Die Lotsenkarten bilden die Tiefenangaben deutlich feiner ab als die Sportbootkarten und besitzen etliche Zusatzinformationen, die Segler hingegen nicht benötigen. Auch die United States Coast Guard navigiert an der US-­Amerikanischen Ostküste mit Karten des NV.Verlags. Dass sich derartige Institutionen auf die Karten der Familie Scheidt verlassen, spricht für die Qualität des Produkts und kommt nicht von ungefähr.

Anmerkungen für Korrekturen im Seegebiet südlich von Ramsgate, England
(Bild: Nikolas Woeckner)

Geschichte

Seit 1979 erstellt der Verlag Seekarten und verfügt damit über ein gewaltiges Know-how. Aber wie kam es überhaupt dazu, wie kommt man auf die Idee, Seekarten selbst herzustellen? Firmengründer Hasko Scheidt ist Segler und Seemann durch und durch. Nach dem ‚nautischen Abitur‘ an einem englischen Segelinternat lernte er Matrose, studierte im Anschluss Nautik und fuhr zur See. Diese Begeisterung für das Meer, die Navigation, das Segeln hat er offensichtlich auch an seine drei Söhne weitergegeben, die alle im Verlag arbeiten.

Der Verlagsgründer Hasko Scheidt
(Bild: Nikolas Woeckner)

„Es gab zwar Seekarten, aber wir waren der Meinung, dass wir das besser machen können, dass die nicht gut genug waren.“ erzählt Hasko Scheidt und lacht. Ende der 1970er Jahre gab es in Deutschland noch keine speziellen Sportbootkarten. Navigiert wurde mit Seekarten der Berufsschifffahrt. Diese waren und sind bis heute aber an die Gegebenheiten an Bord von großen Schiffen angepasst, also auch an einen entsprechend großen Kartentisch. „Der Bedarf war da: Die Leute wollten handliche Karten auf ihren Schiffen haben und nicht mehr diese großen Dinger, die man fünfmal faltete. Wir fingen dann an, eigene Kartierung zu machen.“ Damit waren sie die ersten in Deutschland, die Spezialseekarten für Sportboote herstellten. Als Anfang der 1980er Jahre der Freund, Mitgründer und Verleger Egon Heinemann starb, ging der Verlag in Erbschaftskonkurs, weil „die Erben ihre Hand aufhielten.“ Das Urheberrecht für die Seekarten lag aber bei Cornelia und Hasko Scheidt, die daraufhin 1982 den eigentlichen NV.Verlag gründeten, damals noch in Hamburg.

Nautische Redaktion

Zurück ins Hier und Jetzt. Nachdem in der Kartographie aus den Rohdaten die erste Version der Seekarte entstand, lesen sie fünf Mitarbeiter in der nautischen Abteilung nacheinander Korrektur. Hier kommt zum Tragen, dass die Nautiker ganz genau wissen, worauf es bei einer gut lesbaren Karte ankommt. Es geht dabei auch um ‚logische’ Entscheidungen: Zum Beispiel, wie stellt man ein Sektorenfeuer am besten dar? Zieht man den weißen Sektor weiter raus als die roten oder grünen? Welche Informationen in der Karte sorgen eher für Verwirrung als für Klarheit und können daher gestrichen werden? Es geht aber auch ganz allgemein um Layout und Design-Fragen. Die von den Nautikern gemachten Korrekturen werden in der Karte vermerkt und anschließend von der Kartographie wieder in die Seekarte eingepflegt.

Bei der Erstellung und der Korrektur von Seekarten wird auch auf Luftaufnahmen zurückgegriffen
(Bild: Nikolas Woeckner)

Die nautische Redaktion recherchiert des Weiteren die Informationen für die Hafenpläne, Zusatzinformationen und die Hafenhandbücher. Dies erfordert einen von außen kaum vorstellbaren Aufwand, da sich innerhalb einer Saison sehr viel ändern kann. Nutzer einer Seekarte möchten auf dem jeweiligen Hafenplan sehen, wo die nächste Bunkerstation, die Sanitäranlagen oder der neue Fingersteg positioniert sind. Dies muss für alle Häfen des von der Seekarte abgedeckten Reviers korrekt verzeichnet sein, schließlich verlassen sich Segler auf die Angaben.
Hinzu kommt, dass pro Jahr alleine im Gebiet der Ostsee, von den Behörden circa 4.000 nautische Änderungen bekannt gegeben werden, die innerhalb der Seekarten berichtigt werden müssen, um sie auf dem aktuellen Stand zu halten. Das BSH veröffentlicht diese Änderungen in Deutschland in den Nachrichten für Seefahrer (NfS) in Textform. Als Service für seine Kunden bietet der NV.Verlag einen Monatlichen Berichtigungsservice (MBS): Einmal pro Monat bekommt der Kartenbesitzer eine E-Mail mit allen Änderungen des Monats im PDF-Format, die er zu Hause ausdrucken und anschließend an der zu korrigierenden Stelle in die Seekarte einkleben kann. Damit ist die Aktualität der Karten über die Saison und darüberhinaus hinweg gewährleistet.

Familie Scheidt (v.l.n.r.) Jeppe, Espen, Hasko, Cornelia, Birger

Papier und Digital

Der NV.Verlag ist sich darüber bewusst, dass immer mehr Segler digital navigieren möchten, das heißt auf Plotter, Tablet oder Laptop und die Papierseekarte oft nur noch als Sicherheits-Backup mitgeführt wird. Daher wird auch für die verschiedenen Plattformen Software zur elektronischen Navigation angeboten. Hier geht die Entwicklung immer weiter, was die Einbindung von Zusatzinformationen in die digitale Seekarte angeht. NV. Seekartensätzen liegt daher immer auch ein Code für die Freischaltung des entsprechenden Seegebiets in der NV. App für Tabletcomputer oder Smartphones bei.

Bei Rasterseekarten entspricht das Erscheinungsbild der digitalen der gedruckten Seekarte
(Bild: Nikolas Woeckner)

Und so steht am Ende der Seekartenproduktion ein Gesamtprodukt aus Print und Digital, in dem alle Karten und Informationen enthalten sind, die für die sichere Navigation im gewählten Revier benötigt werden. Wer jetzt aber denkt, die gedruckte Seekarte sei ein Auslaufmodell, dem sei von Hasko Scheidt gesagt: „Print ist nach wie vor unser Brot-und-Butter Geschäft!“ Dies verdeutlicht eine beeindruckende Zahl: Circa 100 Tonnen Papierseekarten verlassen jedes Jahr den Verlag.
Vielleicht werden Sie demnächst bei der Kartenarbeit, sei es digital oder klassisch auf Papier, anders auf Seekarten schauen. Das Maß an Akribie und Detailversessenheit, das jede Seekarte zu einem Stück nautischer Handwerkskunst macht, ist schlicht beeindruckend.

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