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Buchtipp: K. O. – und nochmal gepackt!

Nach dem Verlust ihrer Freydis II in der Tsunami-Katastrophe von Fukushima im Jahr 2011 geht das Extremsegler-Paar Wilts schon kurz darauf mit der neuen Freydis III auf große Fahrt. In "K. O. – und nochmal gepackt!" schildert Heide Wilts das Abenteuer

Sie hatten das Schlimmste erlebt, den Totalverlust ihres Schiffes. In Japan, in der Tsunami-Katastrophe von Fukushima im Jahre 2011, während ihrer Abwesenheit, beschrieben im Buch „Alaska – Japan. Die letzte Reise der Freydis II“. Nun sind Heide und Erich Wilts nicht mehr die Jüngsten und so hätten sie dieses Ereignis auch als Anlass nehmen können, ihr auch bis dahin schon langes und erfülltes Seglerdasein als vollendet zu betrachten.

Doch darum geht es ihnen nicht. Es geht einfach um das Segeln an sich, das Reisen, das Erleben der Welt. Und: „Dazu kam die Einsicht, dass der schmerzliche Verlust der FREYDIS, unter dem ganz besonders Erich litt, sich durch kein anderes Mittel lindern ließ als durch den Bau eines neuen Bootes.“ Ein Satz, den wohl so ziemlich jede Seglerin, jeder Segler wird verstehen können. So kam es denn, dass Heide und Erich Wilts, gemeinsam mit vielen wechselnden Mitseglerinnen und Mitseglern, ihre durch den Verlust der FREYDIS II in Japan unterbrochene Reise mit ihrem neuen Boot fortsetzten.

Das ist natürlich nicht irgendein Boot, sondern eines, das sich die beiden sozusagen passgenau auf sich und ihre geplanten Reisen, ihre Art des Segelns zugeschnitten haben. In drei Worten: „Einfach, solide, zweckmäßig“. Interessant wäre es für viele Bootseigner sicher gewesen, mehr Details über Schiff und Ausrüstung zu erfahren, aber dies ist ja ein Buch über ihre Reise und nicht über ihr Schiff. Zwei Dinge bleiben nach der Lektüre in dieser Hinsicht haften. Erstens die Einsicht der beiden, dass die moderne Bordelektronik zwar sehr viel komplizierter, aber in keiner Hinsicht zuverlässiger oder einfacher zu installieren oder zu bedienen geworden wäre, im Gegenteil. Ein „Fortschritt“ in die eindeutig falsche Richtung, wie ja so vieles. Und wenn es schon auf der FREYDIS III immer wieder Ärger mit der Technik gab, dann konnten Heide und Erich mit ihren Crews doch wenigstens die streikende Technik reparieren, austauschen oder sonst wie „überlisten“ und immer weiter segeln. Ganz im Gegensatz zu einem befreundeten Seglerpaar, das eine begonnene Weltumsegelung mit einer Werftneuen Hallberg Rassy 48 nach einer schier endlosen Reihe technischer Probleme schließlich abbrechen musste. Dass beide Yachten völlig unabhängig voneinander ihre jeweils neuen Großsegel nach einem oder zwei Jahren austauschen mussten, weil diese unbrauchbar geworden waren, trägt auch nicht gerade zum Vertrauen in die Qualität moderner Yacht-Ausrüstungsteile bei. Auf der Hallberg Rassy war das In-Mast Rollreffsystem auf See kaputtgegangen, das Segel mit den vertikalen Latten ließ sich weder bergen noch reffen. Auf der FREYDIS war das Großsegel nach nur zwei Jahren so mürbe, dass es wie Papier riss.

Allerdings gibt es auf neuen Yachten immer „Kinderkrankheiten“, die erst im Laufe der Zeit auftreten und auch erst dann beseitigt werden können. Im Wissen darum hatten Heide und Erich Wilts die erste Reise mit ihrem neuen Schiff auf der relativ unproblematischen, sozusagen gut „ausgetretenen“ Barfußroute geplant. Um diese Reise geht es im größten Teil des Buches, von Nordeuropa über Biskaya, Kanaren und Kapverden in die Karibik; von dort durch den Panamakanal zu den Galapagos und weiter in die weite Südsee. Nun könnte man denken: Schon tausendmal besegelt, schon tausendmal beschrieben. Damit würde man allerdings weder den Seglern Heide und Erich noch der Autorin Heide gerecht. Denn ganz abgesehen davon, dass der letzte Teil dieser Reise, von Australien nach Japan, dann eben doch von den üblichen Routen der Blauwassersegler abweicht, ist auch die Schilderung des ersten Teils lesenswert und unterhaltsam. Das liegt wohl einerseits an ihrer Art zu segeln, aber auch an ihrer Art des Erlebens. Eine zusätzliche Dimension erhält der Bericht über die Inseln dadurch, dass die beiden vor allem solche Orte aufsuchen, die sie auf einer ihrer früheren Reisen, etwa 15 oder 20 Jahre zuvor, schon besucht hatten. Was ist in der Zwischenzeit daraus geworden? Wie hat sich das Leben dort verändert? Die Menschen? Durchaus interessant, nicht nur für die beiden selbst. Betrachtet voller Menschlichkeit und Empathie, ohne Dünkel oder Ideologie.

40 Jahre hatten es Heide und Erich geschafft, Wirbelstürme zu vermeiden. Doch als sie in Australien die Barfußroute verließen, um durch die Inselwelt Melanesiens und Mikronesiens mit günstigstem Wetter-Timing nach Japan zu segeln, bekamen sie es gleich mit sechs Taifunen zu tun (darunter zwei der Kategorie V). Die Aufruhr der Elemente, die nervenzerfetzende Taktik des Flüchtens, Ausweichens und Abwartens, die Seekrankheit und die Angst in der Crew, der von Fieberattacken geschüttelte Mitsegler, der Ausfall der Selbststeueranlage und der durcheinander geratende Törnplan – all das ergab eine wahrhaft explosive Mischung der Gefühle. Zuletzt sah sich das Seglerpaar gezwungen, seine Crew vorzeitig auf einer Südseeinsel abzusetzen und das Schiff zu zweit, ohne Selbststeuerung (!), durch die gewaltige Altsee des abziehenden Taifuns Faxai nach Guam zu prügeln: in 74 Stunden 600 Meilen, denn der nächste Sturm war schon im Anmarsch. Er erwischte sie gerade noch in der Einfahrt zur Lagune von Guam. Dort suchten sie Entspannung und fanden in der Kombüse eine Giftschlage. Auf der Weiterreise nach Okinawa und Nagasaki waren die Überraschungen zwar überwiegend kultureller Art, doch am Ziel gerieten sie doch noch in die Bahnen zweier Supertaifune.

Geschrieben ist das alles in dem Stil, den wir von Heide Wilts ja bereits kennen. Ehrlich, klar, nicht verklärend. Dafür auch immer wieder voller Infos. Neutral und ausgewogen, niemals überheblich. So wird denn auch der Südseetraum nüchtern relativiert, nicht alles ist paradiesisch in der Gegend, die von so vielen Europäern immer noch verklärend und vorschnell als „Paradies“ bezeichnet wird. Aber es ist beileibe auch nicht alles schlecht und am Ende werden die meisten wohl doch den Drang, oder zumindest die Lust verspüren, selber einmal in diese Gewässer aufbrechen zu wollen.

In Kooperation mit literaturboot.de

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