Mit Schaum vorm Bug in den Abend

Segeln im Schichtsystem bleibt das Mittel der Wahl zur Kieler Woche, um die Felder und das Wetter zu bewältigen. Mussten die Athleten der olympischen Klassen am Donnerstag wegen der durchziehenden Front bis in die Abendstunden segeln, wurden am Freitag einige Klassen schon früh auf die Förde geschickt.

Nach der Vormittags-Session auf den Bahnen war dann Übergabe an die anderen Klassen und Gruppen. Die Wechsel klappten reibungslos, allerdings bekamen die Spätschichtler ordentlich einen eingeschenkt. Gen späten Nachmittag ging die Windstärke auf beständig über 30 Knoten hoch, so dass das Programm doch etwas verkürzt werden musste.

„Wir sind glücklich über das, was wir geschafft haben. Auch die Entscheidung, am Donnerstag nach der Front noch mal rauszugehen, war richtig. Am Abend waren die Bedingungen sehr gut segelbar“, sprach Organisationsleiter Dirk Ramhorst seinen Wettfahrtleitungen ein Lob für den Vortag aus. Neben den Regatta-Organisatoren sind aber auch immer die Segler selbst für sich und die Boote verantwortlich. Das gilt umso mehr für die Seesegler, die am Freitagabend auf die Langstrecke um das Silberne Band geschickt wurden. Der Kurs führt die Yacht-Flotte in die dänische Südsee durch den Svendborg Sund und um Langeland herum wieder nach Kiel. 40 Knoten Wind waren für die Nacht angekündigt. „Der Weg nach Dänemark hoch ist entscheidend, danach gibt es mehr Schutz unter Land“, so Ramhorst. Trotz der Schwerwetter-Ankündigung konnte Wettfahrtleiter Ralf Paulsen eine rundes Dutzend an Yachten von der Kieler Förde aus auf den 120 Seemeilen langen Kurs entlassen. Mit gerefften Segeln rauschten die großen Schiffe mit Schaum vorm Bug um die erste Bahnmarke am Strander Yachthafen, um dann auf die freie Ostsee mit Kurs Dänemark abzubiegen. Die letzten Jollen-Klassen strebten derweil nach Kräfte zehrendem Tagewerk dem Hafen in Schilksee zu.

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Nacra17: Perfekter Start im ersten Tagesrennen, großartiger Auftakt für die Finals: Johannes Polgar/Carolina Werner arbeiten sich an die Spitze der fliegenden Katamarane heran. Im ersten Rennen der Goldflotte passte alles bei dem Duo, das seit einem dreiviertel Jahr gemeinsam auf dem Nacra17 segelt. Mit voller Geschwindigkeit waren sie punktgenau am Pin-End der Startlinie, platzierten kurz darauf die Wende und passierten das gesamte Feld. Bis zum Ziel mussten sie zwar noch zwei Konkurrenten ziehen lassen, doch der dritte Platz war ihr bis dahin bestes Ergebnis. „Wir sind noch nicht bei 100 Prozent. Aber es wird von Mal zu Mal besser. Die Kieler Woche ist das Beste, was uns passieren konnte, um Race-Praxis zu bekommen. Mein Time-and-Distance-Gefühl bei den Starts wird immer besser“, berichtete Johannes Polgar. Auch die anderen Starts klappten gut, allerdings brach im zweiten Rennen der Pinnenausleger. „Damit konnte nur einer ins Trapez gehen. Wir haben noch versucht, ob es mit einem Wechsel der Positionen besser geht, weil Jojo einen größeren Hebel hat“, erklärte Carolina Werner und registrierte den 21. Rang in dieser Wettfahrt mit einem Schmunzeln: „Es ist schon besser, wenn beide im Trapez stehen.“ Das zweite deutsche Team hatte eine gegenläufige Formkurve. Mit einem Sieg schlossen Paul Kohlhoff/Alica Stuhlemmer den Tag ab und rückten den deutschen Konkurrenten damit ans Heck. Gemeinsam rangieren sie auf den Plätzen 12 und 13. Direkt davor liegt der australische Skiff- und AC-Star Nathan Outteridge, der mit seiner Schwester Haylee vor Kiel segelt. Nachdem das AC-Team „Artemis“ nicht für den nächsten Cup gemeldet hat, testet Outteridge mit seiner Schwester den Nacra – mit Erfolg. Sechs Top-Ten-Plätze hat das Geschwisterpaar in den acht Wettfahrten eingefahren – darunter einen Tagessieg. Zwar betont Outteridge aktuell noch, seine Landsleute auf den Weg zu Olympia zu unterstützen. Aber sollten EM und WM bei dem Superstar gut laufen, dürfen sich die Olympia-Zweiten Jason Waterhouse/Lisa Darmanin wohl auf starke interne Konkurrenz einstellen. Als Zweite von Kiel haben Waterhouse/Darmanin an Tag drei die Briten John Gimson/Anna Burnet passieren lassen müssen.

49er: Die „Baustellen auf dem Wasser“ werden weniger für Erik Heil/Thomas Plößel. Hatten die Olympiazweiten von Rio nach langer Regatta-Abstinenz an den ersten Tagen noch einige Probleme mit sich selbst und den Aktionen der um sie herumfliegenden Crews, haben sie sich inzwischen in Regionen vorgearbeitet, in denen wesentlich kontrollierter agiert wird. Nach den ersten Finals rückten sie als Neunte in die Top-Ten vor. Damit mussten die starken Nachwuchssegler Nils Carstensen/Jan Frigge den Platz als beste deutsche Crew räumen. Als 17. liegen sie direkt vor dem 2015er Europameister Justus Schmidt (Kiel), der zur Kieler Woche noch auf seinen Stammpartner Max Boehme, der in Stettin/Polen im Studium steckt, verzichtet. Für Boehme ist der Brasilianer Thomas Lowbeer eingesprungen – Trainingspartner aus Rio/Brasilien, bei dem Schmidt/Boehme in der Kampagne für die Spiele 2016 immer mal wieder gewohnt haben. Ein anderer Kumpel der Deutschen steht derzeit an der Spitze des Feldes. Der dänische Weltmeister (2014) und Olympiasieger (2008) Jonas Warrer scheint mit dem jungen Jakob Precht Jensen einen erstklassigen Vorschoter an Bord geholt zu haben.

49erFX: Tina Lutz/Susann Beucke bleiben in Schlagdistanz auf Platz eins bei den schnellen Frauen-Skiffs, und damit erhalten sich die Kieler-Woche-Siegerinnen von 2013 und 2016 die Chance auf den dritten Sieg auf ihrem Heimatrevier. Nur drei Punkte trennen die Europameisterinnen von 2017 von Dewi Couvert/Jeske Kisters (Niederlande) auf Platz eins. Dazwischen liegen noch Alexandra Maloney/Molly Meech (Neuseeland). Gar nicht rund läuft es bei Victoria Jurczok/Anika Lorenz, die als 23. kaum noch Chancen auf das Erreichen des Medal Races am Sonntag haben.

470er Frauen: Die Namen an der Spitze der 470er-Frauen wechseln zwar im Tagesrhythmus, die Nationenflagge bleibt aber die deutsche. Durch eine Frühstart-Disqualifikation zum Auftakt des Tages mussten Frederike Loewe/Anna Markfort den ersten Platz räumen, bleiben durch weitere gute Rennen aber als Vierte dran am Podium. Dafür sprangen Nadine Böhm/Ann-Christin Goliaß in die Bresche. Sie sind nun das Team, das es in Kampf um Gold zu schlagen gilt.

Nadine Böhm/Ann-Christin Goliaß haben das Gelbe Trikot im 470er zurückerobert. Foto: segel-bilder.de (Bild: Christian Beeck © segel-bilder.de)

470er Männer: Für die Australier Mathew Belcher/Will Ryan ist die Kieler Woche mehr als nur Vorbereitung auf die Worlds. „Kiel steht für sich, und natürlich wollen wir hier gewinnen“, sagte ihr Trainer Victor Kovalenko. Für einen Sieg vor Kiel haben die Olympia-Silbermedaillen-Gewinner von Rio aber noch ein Stück Weg vor sich. Denn die frisch gekürten Europameister Anton Dahlberg/Frederik Bergström sowie der Olympiazweite von London, Luke Patience mit Vorschoter Chris Grube, präsentieren sich in starker Form und nehmen derzeit die Plätze vor Belcher/Ryan ein. Einen Rollentausch gab es unter den deutschen Männern – wie so häufig in dieser Saison. Aktuell sind Simon Diesch/Philipp Autenrieth als Achte die Führenden der Gastgeber-Nation. Malte Winkel/Matti Cipra rutschten auf Platz zwölf ab.

Finn: Die Neuseeländer Andrew Maloney und Josh Junior nehmen den britischen Finn-Weltmeister von 2010, Ed Wright, in die Zange. Das Trio ist nach sechs Wettfahrten nur durch einen Punkt getrennt – mit Josh Junior auf Rang drei und Andrew Maloney auf dem ersten Platz. Damit könnte auch ein Maloney-Doppelsieg vor Kiel in der Luft liegen. Denn Andrew ist der Bruder von 49erFX-Star Alexandra Maloney. Im Gegensatz zu Schwester Alex wartet Andrew, immerhin Teil des erfolgreichen AC-Teams aus Neuseeland, auf einen großen Olympia-Erfolg. Für 2016 verpasste er das Ticket im internen Wettstreit gegen Sam Meech – dem Bruder von Molly Meech, Vorschoterin von Alexandra. Dieser kompakten Segel-Kompetenz aus Auckland, der City of Sails, sind die Segler der Sailing City nicht gewachsen. Die Kieler Phillip Kasüske und Max Kohlhoff liegen derzeit auf den Plätzen 14 und 20.

Laser Radial: Die Beinamen als Leichtwind-Spezialisten könnte Svenja Weger nach dieser Kieler Woche ablegen. Auf ihrem Heimatrevier trotzt sie aktuell auch den kräftigen Böen und bringt sich mit Plätzen zwischen Rang drei und acht immer besser ins Weltklasse-Geschehen hinein: „Leichtwind liegt mir immer noch besser. Aber im Winter war ich viel im Kraftraum, das zahlt sich jetzt aus. Außerdem waren die Rennen taktisch anspruchsvoll, und ich habe die Windkanten sehr gut erwischt. Der Plan für die nächsten Tage ist, die konstante Serie weiter zu fahren“, so Weger. Den Erfolg führt sie auch auf die starke Trainingsgruppe von Kiel zurück, obwohl aktuell mit Hannah Anderssohn und Pauline Liebig zwei aus der Gruppe wegen Verletzungen fehlen. Platz eins in der Gesamtwertung scheint allerdings für eine Niederländerin reserviert. Maxime Jonker hat bisher alle ihre fünf Wettfahrten gewonnen.

Laser Standard: Die Laser-Segler gehörten zu den Akteuren, die am späten Nachmittag die kräftigen Winde zu spüren bekamen. Bei über 30 Knoten im Schnitt wurden sie nach zwei statt der geplanten drei Rennen wieder vom Wasser geschickt. Den Sturm auf die Spitze musste Philipp Buhl (kiel) damit vertagen. Doch der Rückstand auf Platz eins schmilzt. Durch einen Tagessieg und einen fünften Rang ist der frisch gekürte Gesamt-Worldcup-Sieger nun der erste Verfolger von Elliot Hanson (Großbritannien). Aber das Feld liegt eng beieinander, so dass am Samstag für die Platzierungen vor dem Medal Race noch viel Spannung zu erwarten ist.

Philipp Buhl pirscht sich an die Spitze der Laser heran. Foto: saschaklahn.com (Bild: Sascha Klahn/saschaklahn.com)

420er, J/70, J/80: Neben den olympischen Klassen sind im zweiten Teil der Kieler Woche auch drei internationale Klassen am Start. Die Jugend-Klasse 420er werden durch ein USA-Trio dominiert. Hermus/Henry führen vor Ascencios/George und Hall/Gavula. Dagegen lassen die J-Klassen-Segler aus Deutschland keine anderen Nationen an das Podium heran. Björn Beilken, Michael Grau und Tobias Feuerherdt bilden mit ihren Crews das Spitzentrio der J/70. Martin Menzner, Arne Wilcken und Ulf Pleßmann lautet die Reihenfolge bei den J/80.

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