Kieler Woche 2020

Rekordserie und heiße Finalduelle

Die erste Hälfte der Kieler Woche ging mit einem fulminanten Finale zu Ende. Sechs deutsche Crew sicherten sich Siege in ihrer Klasse.

Erwartete Siege, heiße Titelkämpfe und überraschende Wendungen: Der Abschlusstag der ersten Kieler-Woche-Hälfte hielt bei den zehn internationalen Klassen noch einmal alle Varianten der Entscheidungsfindung bereit. Dazu gab es die neue Rekordmarke durch Wolfgang Hunger: Der Strander gewann auf seinem Hausrevier zum 23. Mal einen Kieler-Woche-Titel – zum inzwischen neunten Mal an der der Seite von Holger Jess im 505er. Insgesamt holten sich sechs deutsche Crews, zwei dänische und jeweils eine niederländische und polnische die Siegertrophäen ab.

„Mein Strahlen bleibt“, resümierte Regatta-Organisationsleiter Dirk Ramhorst. „Nach dem Morgen im Nieselregen entwickelte sich das Wetter wie von Meeno Schrader vorhergesagt noch sehr gut. Wir hatten einen super Segeltag. Die Segler und Seglerinnen hatten Spaß, mussten bei den Winden aber auch kämpfen.“ Nach der auch mit Blick auf die Corona-Situation erfolgreichen ersten Kieler-Woche-Hälfte blickt Ramhorst hoffnungsvoll auf die kommenden vier Segeltage von Donnerstag bis Sonntag in sechs olympischen und drei internationalen Bootsklassen: „Danach fällt mir dann hoffentlich auch der letzte Stein vom Herzen.“

505er

Zunächst im 470er und seit 1997 im 505er beherrschte Wolfgang Hunger sein Heimatrevier auf der Kieler Außenförde so, dass er Sieg um Sieg einsammelte. Nach 2013 aber schien die Serie gerissen. Sechs Jahre währte die Durststrecke, bevor Wolfgang Hunger wieder mit Holger Jess zusammen ins Boot stieg. Das Erfolgsduo war bis 2008 gemeinsam gesegelt, dann aber getrennte Wege gegangen. Im vergangenen Jahr holten sie wieder gemeinsam dem Kieler-Woche-Sieg und hängten nun gleich den nächsten dran. Den gestalteten sie so überlegen, dass sie zum letzten Rennen nicht mehr antreten mussten. Stefan Böhm/Gerald Roos (Ville) stellten den deutschen Doppelerfolg sicher, hielten die stark aufkommenden Dänen Jörgen Bojsen-Möller/Michael Wonterghem noch auf Distanz. „Im letzten Rennen haben wir das Material geschont, weil es gleich im Anschluss an den neuen Eigner übergeben wurde. Ein bisschen schade. Ich wäre gern gesegelt. Im letzten Rennen hätten wir ganz befreit Vollgas geben können“, sagte Wolfgang Hunger. Doch sein Vorschoter und Bootshändler Holger Jess versorgt die Szene eben mit Spitzen-Bootsmaterial und da gehört der Verkauf der Erfolgsboote zum Geschäft. „Die Leute wollen eben lieber unsere Boote als neues Material“, so Jess. Zur eigenen Überlegenheit wiegelte Wolfgang Hunger ab: „Gestern war es schon knifflig, aber insgesamt lief es glatt. Segeln ist eben ein Erfahrungssport. Das können die Jungen nicht so schnell aufholen.“

420er

Selbst eine Frühstart-Disqualifikation zum Abschluss der Serie änderte nichts mehr am polnischen Sieg vor Kiel im 420er. Patryk Kosmalski/Tomasz Lewandowski hatten sich in der Finalserie als zu stark erwiesen, als dass sie die Schwarze Flagge in der abschließenden Wettfahrt noch aus der Spur hätte bringen können. Zudem konnten sie den Frühstart streichen und siegten mit komfortablem Punktevorsprung vor ihren Landsfrauen Zofia Korsak/Karolina Cendrowska. Nach einem munteren Wechselspiel in den Platzierungen unter den deutschen Top-Teams hatten schließlich Florian Büscher/Jacob Lanzinger das bessere Ende im internen Wettstreit für sich. Die Kombination aus Düsseldorf und vom Chiemsee landete auf dem dritten Gesamtrang.

Contender

„Es ist eine komfortable Situation“, sagte Max Billerbeck (Kollmar) bereits vor dem Start – allerdings mit einem lachenden und einem weinenden Auge. „Nach hinten ist Platz, aber nach vorn geht auch nicht mehr viel.“ So konnte sich der Weltmeister ganz auf seinen dritten Platz und auf das Bootshandling konzentrieren. Denn bei den heftigen Böen hatten gerade die Athleten in den Einmann-Trapezjollen jede Menge Arbeit, um ihre Sportgeräte aufrecht zu halten. An der Spitze war der Weg frei für Titelverteidiger Sören Dulong Andreasen (Dänemark). Mit einer Frühstart-Disqualifikation am Montag war sein Landsmann Jesper Armbrust als härtester Verfolger ins Straucheln gekommen und konnte den Weltmeister von 2013 und zweimaligen Europameister Andreasen nicht mehr gefährden. Sie teilten sich am Abschlusstag die Siege auf, Billerbeck reichten zwei siebte Plätze zum Gesamt-Dritten.

Musto Skiffs

Wenn die Bedingungen für die Contender schwierig werden, dann würde das Geschehen auf dem Musto Skiff einem Rodeo-Ritt gleichen. Entsprechend wurde das Feld in den Einmann-Trapez-Gennaker-Skiffs zum Abschluss ihrer Kieler Woche nicht mehr auf das Wasser geschickt, und Iver Ahlmann durfte sich als erster Kieler-Woche-Sieger 2020 in den Jollenklassen feiern lassen. Für den Mann vom Kieler YC ist es nach 2011 der zweite Sieg bei der weltgrößten Regattawoche. Vor neun Jahren gewann der ehemalige Klassenpräsident die Premiere seiner Klasse vor Kiel, jetzt steht er wieder an der Spitze nach einer starken Serie von sieben Siegen und vier zweiten Plätzen in einem allerdings nur kleinen Feld von zwölf Teilnehmern. Auf den weiteren Podiumsplätzen folgen der Niederländer Paul Dijkstra und Jan Busch (Aachen).

Europe

Eine Frau hat die vorrangig männliche Konkurrenz trotz dem kräftezehrenden Abschluss sicher in Schach gehalten. Anna Livbjerg war auch im kräftigen Wind am Dienstag eine Klasse für sich. Die Dänin hätte das letzte Rennen gar nicht mehr segeln müssen. Sie hatte aber Spaß an Wind und Wellen und hatte nach einem weiteren Sieg, dem fünften in elf Wettfahrten, 36 Punkte Vorsprung vor dem zweitplatzierten Simon Christoffersen (Dänemark) und dem Franzosen Cyril Richard. Das deutsche Leichtgewicht Johann Tammen (Kiel) musste den Bedingungen zum Abschluss Tribut zollen. Am Morgen noch mit Medaillenchancen ausgestattet, rutschte er auf den siebten Platz ab.

J/70

Hochspannung zum Abschluss der J/70. Die beiden letzten Wettfahrten wurden zu einem heftig umkämpften Schlagabtausch zwischen den drei Crews vom NRV Hamburg. Als Spitzenreiter war Claas Lehmann in den Tag gegangen, büßte dann aber gleich im ersten Rennen wichtige Punkte ein, als er nach schwachem Start ins Rennen zwar noch auf Platz drei fuhr, aber Verfolger Michael Grau den Tagessieg überlassen musste. Carsten Kemmling musste derweil mit Platz vier zufrieden sein und schien schon raus auf dem Rennen um den Gesamtsieg. Das aber änderte sich vermeintlich in der finalen Wettfahrt. Kemmling erwischte eine starke erste Kreuz, rundete die Luvmarke auf Rang zwei, während Grau und Lehmann im dichten Verkehr stecken blieben. Doch auf dem Vormwindkurs zeigten beide Crews, warum sie auf den Top-Positionen notiert sind. Mit hoher Geschwindigkeit preschten sie durchs Feld und kamen am Gate auf den Plätzen drei und vier an. Fortan spielte sich das Geschehen um den Kieler-Woche-Gesamtsieg zwischen Michael Grau und Claas Lehmann ab und spitzte sich auf dem letzten Vormwindgang zu einem Drama für Claas Lehmann zu. Der ehemalige 505er-Weltmeister hatte scheinbar alles im Griff, seinen Konkurrenten Grau im Kielwasser. Der aber steuerte auf Anweisung seines australischen Taktiker-Profis David Chapman so, dass er die Halse von Lehmann verhinderte. Als Grau dann abdrehte, reagierte Lehmann zu hektisch, verpatzte das Gennaker-Manöver. Als sich die Blase endlich wieder füllte, waren ihm drei Teams durchgerutscht – darunter Michael Grau. Aus dem knappen Abstand war zum Abschluss der Kieler Woche Punktgleichheit zwischen Michael Grau und Claas Lehmann geworden – mit dem Tiebreak zugunsten des Deutschen Meisters von 2019. Michael Grau hatte im Laufe der elf Wettfahrten vier Rennen für sich entschieden und wurde damit auf Platz eins geführt. „Das war ein tolles Rennen. David hat die letzte Halse perfekt angesagt“, freute sich Grau über den gelungenen Winkelzug seines Taktikers. „Er hat die gesamte Regatta über ein super Gespür für den Wind und die richtige Seite bewiesen.“ Als Steuermann hat Grau aber auch selbst ein gutes Händchen bewiesen: „Wenn man ein Boot schnell haben will, muss man auch sauber steuern.“

J/80

Zweifel daran, dass Martin Menzner (Stein) sein Dutzend an Kieler-Woche-Siegen heute voll machen würde, bestanden schon beim Auslaufen nicht. Als dann die ärgsten Widersacher, die Crew um Vorjahressieger Arne Wilcken (Kiel), im ersten Rennen nicht in Fahrt kamen und nach einem verpatzten Gennakermanöver aufgaben, waren auch rechnerisch alle Unklarheiten beseitigt. Menzner fuhr einen weiteren Sieg ein und konnte sich das Abschlussrennen sparen, um nach zehn Wettfahrten mit acht Siegen Crew und Material zu schonen. „Wir waren schnell und haben die richtigen taktischen Entscheidungen getroffen“, freute sich Menzner über perfekte Segeltage. Zu dieser Saison gab es für seine „Pike“ eine neue Segelgarderobe, die dem Boot mehr Performance verlieh. „Wir sind sehr glücklich damit, konnten wieder zu der erfolgreichen Einstellung von 2018 zurückkehren. Im vergangenen Jahr kamen wir mit dem Segelschnitt einfach nicht zurecht.“ Mit dem Sieg revanchierte sich Menzner für die Kieler-Woche-Niederlage in 2019 gegen Arne Wilcken, der diesmal Zweiter wurde vor den Flensburgern um Torsten Voss.

Nach 14 Jahren wieder Gold: Stefan Karsunke (rechts) feierte 2006 seinen J/24-Sieg zur Kieler Woche, jetzt seinen zweiten. Foto: www.segel-bilder.de

J/24

Der Kreis schließt sich. Manchmal dauert es indes etwas länger. Stefan Karsunke feierte 2006 den J/24-Sieg zur Kieler Woche. Jetzt der Hamburger wieder an der Spitze der größten Kielbootklasse der Welt. Eine Frühstart-Disqualifikation gleich zum Auftakt der Serie steckte das Team weg, segelte danach beständig auf Erfolgskurs. Dahinter gab es einige Veränderungen. So sprang zum Abschluss noch Frank Schönfeldt (Hamburg) auf den zweiten Platz, während Manfred König (Hamburg) von zwei auf vier noch hinter Fabian Damm (Hamburg) abrutschte.

Laser 4.7

Strahlend holte Batbold Gruner seinen Preis ab. Der 16-jährige Schüler hatte eine starke Woche, segelte nach Platz 24 bei der Europameisterschaft in Portugal nun zu seinem größten internationalen Erfolg. „Heute lief es noch einmal richtig gut“, freute sich der Segler vom Zwischenahner Meer. „Ich bin sehr glücklich.“ Mit einem Sieg zum Abschluss besiegelte er den Gesamtsieg vor dem Schweden Erik Norlén und dem Dänen Magnus Heegard. Wie seine Karriere weitergeht, hat Gruner noch nicht entschieden.

Laser Radial

Mit einer beständig guten Serie zum Abschluss der Finalserie sicherte Anton Nikolai Loeck der deutschen Flotte noch eine überraschende Bronzemedaille bei den Laser Radial. Damit ließ der Flensburger sogar die Weltmeisterin von 2018, Emma Plasschaert aus Belgien, im Kielwasser, die ihre Chancen auf eine Top-Drei-Platzierung mit zu heftigem Einsatz verspielte. In den Rennen sechs, sieben und acht kassierte die Olympia-Aspirantin von der Jury auf dem Wasser gleich dreimal eine Bestrafung. Die erste wegen zu großem Körpereinsatz kostete sie einen Strafkringel, nach der zweiten wegen Pumpens musste sie das Rennen aufgeben, und nach der dritten wegen Wriggens am Start kassierte sie eine nicht-streichbare Disqualifikation für das Rennen. Damit blieb ihr trotz weiterer Top-Ergebnisse nur Platz vier. Der Kieler-Woche-Sieg war indes außer Reichweite. Der Niederländer Paul Hameeteman gab sich zu keiner Phase mit ausschließlich Top-Zwei-Ergebnissen eine Blöße. Die Dänin Anna Munch auf Gesamtrang zwei steckte ihre Frühstart-Disqualifikation gleich zum Auftakt der Kieler Woche locker weg und startet nun mit der Empfehlung als beste Frau bei den Laser Radial Open in die zweite Kieler-Woche-Hälfte. Dort segelt sie – ebenso wie Emma Plasschaert – in der olympischen Frauen-Disziplin der Laser Radial.

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