Zwei Sabbatjahre für fünf Ringe

Johannes Polgar setzt voll auf die Olympischen Spiele vor Japan

Ringe haben sein Leben maßgeblich mitbestimmt. Zwei Kampagnen im Zeichen der olympischen Ringe (2008 im Tornado und 2012 im Star) hat er schon auf dem Buckel. Dazu gesellen sich zehn Jahre im Dienste seines Arbeitgebers mit den vier Ringen, der AUDI AG in Ingolstadt. Jetzt rücken die olympischen Ringe wieder in den Fokus. Johannes Polgar legt bei Audi zwei Sabbatjahre ein, um sich ganz und gar auf seine dritte Olympia-Kampagne konzentrieren zu können. „Ich bin wirklich froh, dass alle mitspielen und mir das ermöglichen. Meine Frau hat Verständnis für meine sportlichen Ambitionen, mein Arbeitgeber ermöglich mir zwei Sabbatjahre, und Caro hat sich ausgerechnet mich für dieses Unternehmen ausgesucht“, so der 41-jährge Vollblutsegler, der seit der Kieler Woche 2017 zusammen mit Carolina Werner (Surendorf) im olympischen Nacra 17 segelt.

„Auf dem olympischen Revier vor Enoshima (Japan) ist mir klar geworden, dass ich unbedingt hier an den Spielen teilnehmen will und dafür alles tue“, so Polgar. Ganze 76 Kilo bringt der 183-Meter-Mann noch auf die Waage. Mit dem mobilen Telefon aus dem Büro am Ohr und dem Handy zum gleichzeitigen Simsen in der Hand empfängt mich Polgar in seinem Büro in Ingolstadt. Die Doppelbelastung der Kampagne und des aufreibenden, aber geliebten Berufs als zuständiger Mann für Event- und Sportmarketing bei Audi hinterlassen Spuren. „Wir haben an einigen Schrauben gedreht. Ich werde im operativen Geschäft entlastet und muss daher seltener bei Veranstaltungen vor Ort sein“, so Polgar vor einem Jahr. Doch jetzt geht der olympische Zyklus in die entscheidende Phase und auch bei der  Idee einer  neuen Kampagne im mittleren sportlichen Alter in Verbindung mit dem Fulltimejob muss nun priorisiert werden. „Aber es ist eine riesige Chance, mir diesen Traum noch einmal zu erfüllen“, weiß Polgar, dass olympisches Segeln kaum noch etwas mit Amateurdasein zu tun hat.

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Ehefrau Kathrin unterstützt ihren Mann dabei voll und ganz, schließlich kennt sie das Gefühl, an den Spielen teilzunehmen, aus eigener Erfahrung. Kathrin Kadelbach war 2012 vor London mit Vorschoterin Friederike Belcher im 470er Olympiateilnehmerin. Auch Kathrins Vater Achim Kadelbach (Bronze 1960) und Großvater Hans Kadelbach nahmen als Segler an Olympischen Spielen teil. Kein Wunder also, dass bei Katrin und Johannes Polgar der olympische Geist zuhause ist.

Einen großen Unterstützer bei der Verwirklichung seines Traums fand Johannes Polgar auch im Hause Audi. Marc Lichte, Chefdesigner von Audi, ist selbst ambitionierter Segler – ob auf einem Laser in seinem Heimatverein, dem Bayerischer Yacht- Club, oder auf einer X-Yacht auf der Ostsee. Lichte trainiert nicht nur seine Bauchmuskeln, sondern er bekommt an Bord den Kopf frei, um Kraft und Kreativität für seinen Beruf zu tanken. Auf seiner „Heima“ – finnisch für „zuhause“ – ist er genau das. Und so war es dann auch Lichte, der Polgar darin bestärkte, nach Lösungen zu suchen, um sein ambitioniertes Ziel zu erreichen. Und die wurden gefunden. Die Audi AG gewährt Polgar ein doppeltes Sabbatjahr und bleibt als Partner an Bord seines Nacra 17. „Ich bin für die Unterstützung zuhause und bei Audi extrem dankbar“, strahlt Johannes „Jojo“ Polgar dann auch über das ganze Gesicht, wenn es um das Thema Nacra 17 und die Olympischen Spiele geht.

„Den letzten Ausschlag, alles auf die olympische Karte zu setzen, gab der World Cup vor Enoshima“, erklärt Polgar. Es sei ein absolut tolles Revier. Welle, Wind, ablaufend, drehend – alles wie in Kiel auf Bahn Hotel, schwärmt der 41-Jährige wie ein Jugendlicher vom zukünftigen Olympiarevier. Auch ein Crash mit den Österreichern Thomas Zajac/Barbara Matz konnte das Wohlfühlgefühl nicht beeinträchtigen. „Das mussten wir verdrängen, genau wie das Wissen um einen nur geflickten Rumpf“, so der Vollblutsegler, der weiß, dass auch Rückschläge und deren Verarbeitung zu den Vorteilen von Routine gehören. In einer Nachtschicht wurde der Rumpf repariert, und zwei neunte Plätze zum Abschluss und der 6.Platz bei der Enoshima Olympic Week zeigen, was möglich gewesen wäre.

Für Carolina Werner, Polgars 24-jährige Vorschoterin, ist es auch schon die zweite olympische Kampagne. Sie und ihr ehemaliger Steuermann Paul Kohlhoff galtenals „Wonderkids“ vor Rio, wo das Team Platz 13 belegte. Es folgte die überraschende Trennung. Beide schlugen unterschiedliche Wege ein. Caro Werner segelte in der TP52 Super Serie unter Profibedingungen mit, ohne jedoch den olympischen Segelsport ganz aus den Augen zu verlieren. Jojo bringe viel Erfahrung mit, und es passe auch menschlich, so Werner über ihren neuen Steuermann Polgar. Und der macht klare Ansagen: Das Ziel sei nicht nur die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Japan, das Ziel sei eine Medaille, so Polgar, der sein olympisches Segeln als bislang noch unvollendet betrachtet.

Der Weg dorthin ist harte Arbeit. Wie professionell die beiden deutschen Crews Polgar/Werner und Paul Kohlhoff/Alica Stuhlemmer (Kiel) sich vorbereiten, zeigt allein die Tatsache, dass sie durchweg zusammen trainieren und sich gegenseitig stärker machen. Der Zwist nach der Trennung Kohlhoff/Werner ist Geschichte, es gibt nur ein Ziel. „Wir gehören zu den wenigen Nationen, die zwei starke Teams haben, die sich gegenseitig fordern und stärken“, so Polgar. Im Oktober ging es zehn Tage nach Weymouth (England), um mit den Briten zu trainieren, es folgten Tage in Aarhus (Dänemark), um sich mit den Dänen  auszutauschen und zu messen, danach fast Schlag auf Schlag Trainingseinheiten und Regatten – und natürlich steht auch die Kieler Woche 2019 fest im Regattaplan.

Ende des Jahres 2019 gilt es dann, bei der WM vor Auckland (Neuseeland) das deutsche Nationen-Ticket im Nacra 17 zu lösen, bevor die beiden deutschen Teams bei der WM 2020 im Februar vor Melbourne (Australien) zu Konkurrenten werden. Denn dort entscheidet sich, wer die deutschen Farben bei den Olympischen Spielen 2020 vor Enoshima (Japan) vertreten wird.

„Wer verliert, muss Sparringspartner für den Gewinner werden“, so Polgar, der alles daran setzt, sein unvollendetes Werk im Zeichen der fünf olympischen Ringe zu vollenden, bevor er sich als Marketing-Mann wieder ganz auf die vier Ringe in Ingolstadt konzentriert. – Hermann Hell

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