Greta Thunberg kommt heil in New York an

Ankunft der „Malizia“ in New York

Zwei Wochen waren sie gemeinsam auf See – nun haben Segelprofi Boris Herrmann und Klimaaktivistin Greta Thunberg an Bord der „Malizia“ New York erreicht

Um kurz nach 14.00 Uhr deutscher Zeit twitterte Boris Herrmann ein Bild der 16-jährigen Greta Thunberg mit dem Kommentar „Angekommen“. Im Hintergrund zu sehen: die Küste New Yorks mit ersten Hochhäusern. Fast genau zwei Wochen nach dem Start in den Plymouth erreichte die Mailizia ihr Ziel. Noch befindet sich die Yacht allerdings einige Kilometer vom Hafen entfernt. Vor Coney Island, der südlichsten Spitze von Brooklyn, gingen Boris Herrmann, Pierre Casiraghi, Greta Thunberg, ihr Vater Svante sowie der Dokumentarfilmer Nathan Grossman mit der Hochseerennyacht für einen Zwischenstopp vor Anker, um Zoll- und Einreiseformalitäten zu erledigen. Abhängig von den Gezeiten würden sie dann frühestens gegen 14:45 Uhr – also 20:45 Uhr deutscher Zeit – in der North Cove Marina anlegen und an Land gehen, so Herrmann weiter auf Twitter. Kurz vorher sollen den Seglern dann 17 von den Vereinten Nationen geschickte Segelboote zur Begrüßung entgegenfahren, die jeweils für eines der UN-Nachhaltigkeitsziele stehen.

“Angekommen”, kommentierte Boris Herrmann ein ähnliches Bild, das er am frühen Nachmittag auf Twitter veröffentlichte © Jen Edney | Team Malizia

Die Reise hat Greta Thunberg anscheinend gut überstanden. Das Malizia-Team nahm während der Überquerung Rücksicht auf die Gäste und segelte auch gleich zu Beginn der Reise beispielsweise nicht auf direktem Weg nach New York, um schlechtem Wetter zu entgehen. Kritiker prangerten an, dass solch eine Reise für die junge Frau zu gefährlich sei, doch Greta schickte von Bord immer wieder Fotos und Videos, auf denen die sonst so ernste junge Frau lächelte. Ein Kernpunkt der Kritik lag im Reisezeitpunkt. Der Törn fand im August und damit in der Hurrikansaison statt. In der Regel beginnt die Zeit der Atlantiküberquerungen erst Ende November, wenn das Wetter stabiler wird und die Gefahr eines Tropensturms gering ist. Doch Boris Herrmann und das Mailizia-Team sind zu sehr Profis, um Greta Thunberg einem zu großen Risiko auszusetzen. So gestaltete sich die Überfahrt sehr entspannt für eine Reise auf einer Kohlefaser-Rennyacht. Kartenspiele, Leibesübungen und Diskussionen standen neben Navigation und Bootshandling auf den Tagesplan.
Auch wenn es hier und da zu lesen war, folgte der Imoca 60 kein Begleitboot. Auch wurde die Reise nicht von Flugzeugen überwacht.

Kritikpunkte der Reise

Die Klimafalle

Rund 100 internationale Journalisten waren in Plymouth vor Ort, um die halbstündige Pressekonferenz mit Boris Herrmann und Greta Thunberg live zu verfolgen. Die Mehrzahl von ihnen kam über den Londoner Großflughafen Heathrow und reiste mit der Bahn weiter. Allein dieser CO2 Verbrauch war um ein Vielfaches höher, als wenn Greta selber über den Atlantik geflogen oder wenn der Start ihrer Atlantiküberquerung nicht zum medialen Großereignis hochstilisiert worden wäre. Zudem fliegen Boris Herrmann und Pierre Casiraghi von New York zurück nach Europa. Doch Greta und ihrem Unterstützer Boris Herrmann ging es vor allem darum, Aufmerksamkeit für den drohenden Klimawandel zu erzeugen und ein wichtiges Signal zu setzen. Das ist ihnen gelungen.

Alles nur ein PR-Gag?

Besser hätte die Pressearbeit für Greta Thunberg und Boris Herrmann kaum laufen können. Ihr gemeinsames Segelabenteuer war das beherrschende Thema der Medien im August. In den sozialen Netzwerken summierten sich die Kommentare in die Tausende. Ernsthafte Diskussionen um das Für und Wider wurden jedoch leider immer wieder durch pure Hasskommentare gesprengt. Ein trauriges Bild des menschlichen Miteinanders zeichnete sich ab. Doch half es, das ernste Thema des Klimawandels weiter präsent zu halten. Die Reise war mehr als ein PR-Gag. Sie brachte den Segelsport in den Fokus und – noch wichtiger – führte zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Klimawandel.

Wer weiß, wie strapaziös eine vierzehntägige Reise auf einem Imoca 60 sein kann, erkennt auch, dass der hohe persönliche Einsatz nur für den (kurzen) medialen Hype zu hoch gewesen wäre. Mit dem Komfort einer Atlantiküberquerung an Bord eines gut ausgestatteten Cruiser Racers hat Segeln auf einer Rennyacht wie der „Malizia“ wenig zu tun. Es ist nass, laut und ungemütlich – aber schnell. Greta wusste vor dem Törn, worauf sie sich einlässt. Und Boris Herrmann und dem Team „Malizia“ ist es gelungen, eine Aufmerksamkeit für ein professionelles Segelprojekt zu generieren, dass ihnen nicht nur in der Imoca Szene höchste Anerkennung beschert hat.

Gallionsfigur statt Vorbildfunktion

Mit ihrer Entscheidung, emissionsfrei über den Atlantik zu segeln, hat Greta Thunberg einen Transportweg gewählt, der nur wenigen Menschen möglich ist. Sowohl die Dauer der Reise als auch das Transportmittel sind außergewöhnlich und nicht nachzuahmen. Damit fällt es ihren Fans schwerer, sich mit ihr zu identifizieren und sie als Vorbild für das eigene, klimabewusste Handeln anzusehen. Einen zumindest ein bisschen komfortableren, aber durchaus langsameren Weg möglichst emissionsfrei über den Atlantik zu reisen, haben 36 junge Aktivisten aus verschiedenen europäischen Ländern gefunden. Sie reisen an Bord des klassischen Dreimasters „Regina Maris“, ausgestattet mit einem 400 PS Dieselmotor (!), ab Oktober nach Südamerika. Hier findet im Dezember in Chile die Weltklimakonferenz statt, zu der auch Greta Thunberg auf dem Landweg aus den USA anreisen wird.

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