Meinung

Gorch Fock: Tradition ja, aber bitte in zivil

Das Verteidungungsministerium hat einen vorläufigen Zahlungsstopp für die Sanierung der Gorch Fock beschlossen. Ist das Schicksal des Schulschiffs besiegelt? Oder soll sie doch eines Tages wieder segeln? Unser Autor Jan Maas spricht sich dagegen aus

Alle Jahre wieder macht die „Gorch Fock“, das Segelschulschiff der Deutschen Marine, negative Schlagzeilen. Jetzt ermittelt anlässlich ihrer Sanierung die Staatsanwaltschaft wegen Korruption und dem Bund drohen unvorhergesehen hohe Reparaturkosten. Das Schiff liegt – offenbar im Rohbauzustand – im Dock. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, grundsätzlich in Frage zu stellen, ob der Betrieb eines Segelschulschiffs nötig ist.

Befürworter führen die Traditionspflege ins Feld. Doch die Tradition reicht gar nicht besonders lange zurück. Die Bark sieht für Laien vielleicht aus wie ein Schiff von Anno Dazumal, sie ist es aber nicht. Sie wurde 1958 gebaut und 1959 in Dienst gestellt. Ihr Betrieb pflegt kein besonderes historisches nautisches Kulturerbe, anders als bei den zugelassenen Traditionsschiffen.

Dazu kommt, dass ein Teil der Tradition der „Gorch Fock“ einfach nicht erhaltenswert ist. Dazu gehören unnötige Schikane der Offiziersanwärterinnen und Offiziersanwärter und die sechs Todesfälle, die sich in den letzten 60 Jahren an Bord ereignet haben, davon allein vier in den letzten 20 Jahren. Der Tod von Jenny Böken ist bis heute ungeklärt.

Der Vorsitzende des Verbandes für die Marine, Marco Thiele, sagte laut „Focus Online“, die „Gorch Fock“ sei ein „unverzichtbarer Teil der seemännischen Grundausbildung in unserer Marine“. Bei der Berufsbildungsstelle Seeschifffahrt in Bremen, der zuständigen Stelle für die berufliche Bildung in der Seeschifffahrt, sieht man das anders.

„Wenn dem so wäre, dann könnte ja derzeit überhaupt keine nautische und technische Ausbildung stattfinden“, sagt Geschäftsführer Holger Jäde. Die deutsche Handelsschifffahrt betreibt schon lange kein Segelschulschiff mehr. „Aus meiner Sicht ist das zumindest für die praktische Ausbildung nicht erforderlich“, meint Jäde.

Unbestreitbar gibt es auf Traditionsschiffen eine Menge zu lernen: Teamwork, Verantwortungsgefühl und gute Seemannschaft beispielsweise. Es gibt nur keinen Grund, das den Offiziersanwärterinnen und Offiziersanwärtern der Deutschen Marine vorzubehalten. Wenn die Bundesregierung es für unterstützenswert hielte, könnte sie beispielsweise den Fördertopf für die zivilen Traditionsschiffe aufstocken.

Alle Segler wissen, dass es Wracks gibt, deren Rettung sich nicht lohnt. Die „Gorch Fock“ gehört dazu. Und sie braucht auch keine Nachfolgerin.

Zahlungsstopp

Nachtrag: Am 20. Dezember 2018 beschloss das Verteidigungsministerium einen Zahlungsstopp für die Sanierung der Bark. Die Rüstungsabteilung solle nun alle bisherigen Kosten unter die Lupe nehmen. Danach könne man erst über die Zukunft des Schiffes entscheiden, so das Ministerium. Die veranschlagten Kosten der seit 2016 im Dock in Elsfleth liegenden Gorch Fock wuchs von zehn Millionen auf 135 Millionen Euro. Ein Korruptionsverdacht in Zusammenhang mit der Restaurierung verschärfte die Kritik noch weiter. Jetzt bleibt abzuwarten, was mit der Gorch Fock tatsächlich passiert.

6 Comments

  1. Es wäre ja nicht normal wenn das Refit normal über die Bühne gegangen wäre. Schliesslich hat man hier wieder die Möglichkeit Steuergelder (unser Geld) zu verschwenden! Ich denke mal das es problemlos möglich ist für 150.000.000€ ein neues modernes Segelschiff zu bauen, auf dem dann Seemannschaft und dergleichen geübt werden kann. Man könnte auch mehrere kleine Segeljachten in Auftrag geben und den Betrieb an Segelvereine und Schulen vergeben. Wieviele 50 Fuss Schiffe bekommt man für diese Summe??

  2. Moin, moin,

    viel gibt es nicht zu kommentieren!

    Das Schiff sollte weg und es kommt weg.
    Seit der Tragödie mit Jenny Böken ist das geplant.
    Nur traute sich bisher niemand die Entscheidung zu treffen.
    So wie das bei unseren Politikern heute üblich ist. Bloß keine Verantwortung übernehmen!

    Übrigens: An Bord der Gorch Fock wurde niemand schickaniert. Es wurde schlichtweg ausgebildet. Natürlich waren mit dieser Ausbildung viele überfordert.

    Woher nimmt sich Jan Maas das Recht für sein niederschmetterndes Urteil?

    Gerd Bartling (Freund des 2. Gorch Fock – Kommandanten Hans Engel)

  3. Moin Herr Bartling!

    Vielen Dank für Ihren Kommentar!

    Um zuerst Ihre Frage zu beantworten: Das Recht auf eine Meinung – Sie nennen es Urteil – ist ein Menschenrecht, verankert in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, Artikel 19 (http://www.un.org/depts/german/menschenrechte/aemr.pdf). Für Deutschland gilt zudem das Grundgesetz, dort findet sich das Recht in Artikel 5, Absatz 1 (http://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_5.html). Mit anderen Worten: Über die “Gorch Fock” dürfen wir alle eine Meinung haben.

    Interessanterweise hat die Bundeswehr genau das kürzlich zum Inhalt einer Werbeanzeige bzw. eines -plakats gemacht, das zum Beispiel hier zu sehen ist: https://www.instagram.com/p/9qntHnPp5Z/

    Was die Grenze zwischen Schikane und Ausbildung angeht: Deren Überschreitung ist eigentlich ausreichend dokumentiert und berichtet worden. Ich zitiere aus dem Jahresbericht des Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages 2011: “Unabhängig von den Ablöseanträgen deckten die Untersuchungen auf, dass sich im Laufe der Zeit neben der vorgegebenen militärischen Hierarchie informelle Abhängigkeitsverhältnisse und Strukturen zwischen den Seekadetten, der Stammbesatzung und der Segelcrew herausgebildet hatten, die zu Spannungen und Konflikten an Bord führten.”

    Und weiter: “Darüber hinaus gab es an Bord der Gorch Fock Traditionen, die auch nach Auffassung der Marineführung nicht mit den Grundsätzen einer zeitgemäßen Menschenführung zu vereinbaren waren und deshalb untersagt wurden.” (http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/084/1708400.pdf, Seite 12)

    Die Eingaben an den Wehrbeauftragten sind natürlich vertraulich, aber es haben sich in der Vergangenheit auch genügend Offiziersanwärterinnen und Offiziersanwärter öffentlich erklärt. Ich verweise auf einen Artikel im Hamburger Abendblatt, ebenfalls aus 2011: https://www.abendblatt.de/politik/article107937828/Systematisches-Schleifen-Rekrutin-spricht-von-Schikane.html

    Sie finden noch einiges mehr, wenn Sie möchten.

    Mit freundlichen Grüßen

    Jan Maas

  4. Ich kann mich da nur dem “Urteil“ des Autors bzgl. Schikanen anschließen. Zumindest deckt es sich mit dem, was ich aus persönlichen Umfeld über die dortige Ausbildung gehört habe.
    Auch wenn ich als Kieler natürlich eine Verbundenheit mit der Gorch Fock nicht abstreiten kann, finde ich, gibt es viele andere Dinge, die meine Heimatstadt lebenswert machen. Und wie ein Vorredner schon treffend kommentierte, was könnte man für das Geld an Schulschiffen bauen.
    Dann finde ich aber noch einen weiteren Punkt wichtig zu bedenken. Die Gorch Fock stellt ein Mittel der Image-Pflege für die Bundeswehr dar. Auch wenn es sich nicht um ein bewaffnetes Schiff handelt, dient es doch dazu, eine militärischen Organisation zu unterstützen. Nun haben es offensichtlich korrupte Angehörige geschafft, das Image dieses Imageträgers so sehr zu ramponieren, dass ein Einsatz alleine aus dieser Sicht nicht mehr zielführende ist.
    Schade um die Steuergelder, schade um das schöne Schiff, aber für jeden Pazifisten ein Grund, zumindest zufrieden zu sein.

  5. Schikane? Es geht hier nicht um eine Kreuzfahrt auf der Aida, sondern um eine Ausbildung zur vollumfänglichen Verteidigung im Ernstfall. Gehen sie bitte davon aus, daß der Agressor nicht höflich anklopft….
    Wer mit entsprechender Ausbildung physisch und/oder psychisch nicht klar kommt, sollte sich nicht bewerben.

  6. Wäre diese sehr oberflächliche Betrachtungsweise nicht dermaßen ärgerlich, könnte man angesichts der versammelten Klischees gegen die Arbeit auf einem Segelschulschiff einfach nur müde lächeln. Die einzige nachvollziehbare Kritik im Zusammenhang mit dem Segelschulschiff “Gorch Fock” betrifft den in der Tat schier unglaublichen Skandal mit der Finanzierung und Beaufsichtigung der Instandhaltung. Das hat aber überhaupt nichts mit dem Prinzip der seemännischen Ausbildung auf dem Segelschiff zu tun. Und der Rest der Vorhaltungen? Zwanzig Minuten Recherche und die Luft ist raus. Die “Gorch Fock” ist kein Traditionsschiff, weil sie erst 1958 auf Kiel gelegt wurde? Schallendes Gelächter. Es gibt viel neuere Gefährte, die dennoch unter den rechtlichen Begriff fallen, weil auch “Nachbauten” historischer Vorbilder Traditionsschiffe sein können. Die “Gorch Fock” ist dennoch keins, nicht, weil Autor Maas ihr das in all seiner Abneigung nicht zugestehen möchte, sondern schlicht, weil sie über eine Rumpflänge von über 55 Metern verfügt. Im Kreis der Windjammer ist die “Gorch Fock” zwar eher größentechnisch unteres Mittelfeld; amtliches Traditionsschiff dürfen allerdings ausschließlich “Nussschalen” werden.

    https://www.deutsche-flagge.de/de/flagge/schiffsarten/traditionsschiffe/traditionsschiffe

    Und genau darum geht es bei der “Gorch Fock” auch gar nicht. Die auf ihr fahrenden Offizieranwärter kommen in den Genuss, das Zusammenspiel von allen natürlichen Einflüssen auf einen Großsegler erleben zu dürfen – und ihn deswegen oder trotzdem an ein definiertes Ziel zu bringen. Das regeln sie zwar innerhalb einer Hierarchie, denn Verantwortung ist unteilbar, aber dennoch als seemännisches Team.
    Der Vorschlag, das könne genauso gut auf irgendeinem klapprigen zivilen Schoner umgesetzt werden, ist nicht zielführend. Auf Kleinseglern ist die Marine auch so unterwegs, glücklicherweise wieder mehr als noch vor einigen Jahren, ob im Kutter oder auf einer Fahrtenyacht. Es geht aber auch um das Zusammenspiel in einer größeren Gemeinschaft. Und hier übersieht Herr Maas mit seinem Beispiel der zivilen Seefahrtschule, dass hier andere Regeln und Anforderungen gelten als auf einem Kriegsschiff. Man mag es ja kaum glauben, aber die “Gorch Fock” ist eins, genau wie die Korvetten und Fregatten, auf denen viele der Marinesoldaten nach ihrer Segelschiffzeit fahren. Und obgleich auch dieser Vergleich hinken mag, sei die Frage erlaubt, warum andere Seefahrtnationen selbst bei ihrer zivilen Nachwuchsausbildung nicht auf die vermeintlich unnütze Großsegler-Ausbildung verzichten mögen. In die Schiffsliste mag ein jeder selbst schauen. Sie spricht für sich.
    Zur perfiden Unterstellung werden Teile des Kommentars, wenn auf die angeblichen grassierenden Schikanen und Todesfälle an Bord gezeigt wird. Um eins vorweg zu schicken: Weder Schikane noch Todesfälle sind zu rechtfertigen. Aber einordnen sollte man dies schon. Klagen aus der Bundeswehr sind deshalb so transparent, weil es im Vergleich zu der zivilen Wirtschaft das Institut des Wehrbeauftragten gibt, der durch seine Berichte dafür Sorge trägt, dass Fehlentwicklungen umgehend öffentlich werden. Schon mal etwas Ähnliches woanders gehört? Wohl kaum. Weil nirgends dermaßen nachvollziehbar mit unangenehmen Interna umgegangen wird. Zum Vergleich: In der Handelsschifffahrt gibt es nur die vertrauliche Beschwerdestelle unter:

    https://www.deutsche-flagge.de/de/besatzung/beschwerden/beschwerden

    Wer zu den Ergebnissen daraus nicht so viel findet, kann sich ja mal bei den Seemannsmissionen schlau machen. Ob es dann noch angebracht ist, mit dem Finger auf die Marine zu zeigen, mag jeder selbst entscheiden:

    http://www.seemannsmission.org/index.php?limitstart=8&lang=de

    Und die Toten und Verletzten, die es offenbar auf Traditionsseglern und in der zivilen Wirtschaft nicht so gibt wie bei der Marine …? Dann hat es Fälle wie auf der “Amicitia” wohl nicht gegeben zu haben. Und die Fachleute bei der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung in Hamburg scheinen zu halluzinieren, wenn man deren Jahresberichte durchforstet:

    https://www.bsu-bund.de/DE/Publikationen/Unfallberichte/Unfallberichte_node.html

    Geradezu in den Bereich der Verschwörungstheorie geht es aber, wenn gegen den Betrieb der “Gorch Fock” der Tod von Frau Böken von vor über zehn Jahren als angeblich “ungeklärt” verkauft wird. Es ist das gute und nachvollziehbare Recht von Eltern, sich nicht nach dem Tod ihres Kindes mit den Untersuchungsergebnissen der Ermittlungsbehörden und der Justiz zufrieden zu geben. Es bleibt aber dennoch eine Tatsache, dass dieser Fall bis hin zum Bundesverfassungsgericht abgeschlossen worden ist.
    Damit ist bei sämtlichen Vorhaltungen die Substanz weg. Unter dem Strich bleibt das offensichtlich persönliche Unbehangen von Autor Maas, dass ein Großsegler vom Militär betrieben wird. Das hätte so aber auch ehrlich und in zwei Sätzen zusammengefasst werden können…

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