Kieler Woche setzt weiter auf Inklusion

Das Internationalen Paralympischen Komitee hat dem Segelsport einen Korb gegeben und nicht für die Paralympischen Spiele 2024 gesetzt. Sind Schadensklassen wichtiger als die komplette Inklusionsmöglichkeit?

Das Präsidium des 24(IPC) hat 23 Sportarten in die nächste Bewertungsphase für die Aufnahme in das Paralympische Sportprogramm Paris 2024 aufgenommen. Doch Segeln ist nicht dabei. Nach Tokio wird der Segelsport also auch 2024 bei den Paralympischen Spielen in Paris nicht am Start sein.

Die gesamte Segelwelt zeigte sich enttäuscht, so auch die Organisatoren der Segelveranstaltungen in  Kiel, die im Gegensatz zum IPC auf Inklusion im Segelsport setzen. „Die Entscheidung des IPC bestürzt mich und ist vollkommen unverständlich. Wir werden weiter unseren Beitrag dafür leisten, dass Segeln in Zukunft wieder in das Programm der Paralympischen Spiele kommt, und daher bleibt die 2.4er Klasse ein fester Bestandteil der Kieler Woche“, so der Organisationsleiter der Kieler Woche Regatten, Dirk Ramhorst. „Es gibt kaum einen Sport, der so viele Möglichkeit der Inklusion bietet wie Segeln“, ergänzt der Dänischenhagener.

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Die Begeisterung über die perfekte Integration der Para World Sailing Championships in die Kieler Woche 2017 schlug hohe Wellen. Kim Andersen, Präsident des Weltsegler-Verbandes World Sailing, John Petersson, Mitglied im Governing Bord des Internationalen Paralympics Committee/IPC, Julius Beucher, Vorsitzender des Deutschen Behinderten Sportverbandes/DBS, sowie die Vertreter der EUROSAF überschütteten Kiel mit Komplimenten. Es folgten in diesem Jahr die EUROSAF Para Sailing Championships in den Klassen 2.4 mR und Hansa 303 mit 61 Teilnehmern aus 15 Nationen im Rahmen der Kieler Woche. Die Inklusion passe perfekt in das Konzept Kiels. „Wir haben dafür ideale Voraussetzungen. Daher ist die Inklusion seit Jahren ein fester Bestandteil der Kieler Woche“, so Ramhorst. 2002 wurden die paralympischen Klassen erstmalig in die Kieler Woche aufgenommen, seit 2008 wird die Klasse 2.4mR offen ausgeschrieben.

„Es ist eines unserer größten Ziele, dass Segeln wieder dabei ist. Es gibt keine Sportart, die dermaßen für Inklusion geeignet ist“, so Kim Andersen mit Blick auf die Paralympischen Spiele. Behinderte gegen Nichtbehinderte, Seglerinnen gegen Segler, alles das sei möglich in der Klasse 2.4mR. Das starke Signal aus Kiel in Richtung IPC könne nicht überhört worden sein, so der höchste Repräsentant des Segelsports: „Vielen Dank an Deutschland, vielen Dank an Kiel.“

Bei der Initiative von World Sailing zum paralympischen Programm ging es laut Andersen nicht nur um die Wiederaufnahme in das Paralympische Sportprogramm, sondern auch um eine tief verwurzelte Überzeugung des Segelsports zur Integration. „Wir brauchen eine inklusive Gesellschaft mit vollständig barrierefreien Umgebungen, die Menschen mit Beeinträchtigungen befähigen, sportliche Aktivitäten zu betreiben und eine sichere und faire Beteiligung zu erleben.“ All das kann Kiel im barrierefreien Schilksee bieten.

Doch trotz der Signale aus Kiel und einer guten WM in Sheboygan/USA bleibt der Segelsport auf der paralympischen Strecke hängen. Wie Golf, Karate, Para Tanzsport und Elektrorollstuhl-Fußball konnte auch der Segelsport die Kriterien in einer Reihe von Bereichen nicht erfüllen. „Wir haben unermüdlich daran gearbeitet, dass das Segeln die IPC-Kriterien erfüllt. Alle bei World Sailing sind zutiefst enttäuscht über die Entscheidung vom IPC“, sagte World-Sailing-CEO Andy Hunt. Besonders enttäuschend ist, dass das IPC bei seinen Wettbewerben auf die Einteilung nach Schadensklassen beharrt. Gerade hier bietet der Segelsport Besonderheiten, die eigentlich für den Sport sprechen sollten. „Segeln ist eine der umfassendsten Sportarten und bietet allen Sportlern Konkurrenzfähigkeit unabhängig von ihrer Klassifizierung. Alle Segel-Athleten agieren auf einem gemeinsamen Level-Playing-Field, und das haben wir gegenüber dem IPC immer wieder betont“, so Hunt in der Pressemitteilung des Weltsegler-Verbandes.

Die Entscheidung über die Nichtberücksichtigung des Segelns für 2024 platzte mitten in die Weltmeisterschaft der paralympischen Klassen in den USA. Heiko Kröger, zweimaliger paralympischer Medaillengewinner, zeigte sich geschockt. In einer Videobotschaft auf Facebook sagte der Hamburger: „Unsere Wiederbelebung als paralympische Sportart ist heute abgeschmettert worden. Wir sind 2024 definitiv nicht dabei. Was 2028 sein wird, weiß heute keiner. Ziemlich schlimme Nachricht für den Segelsport und auch für das Thema Inklusion, denn ich bin nach wie vor der Meinung, dass Segeln die inklusivste Sportart überhaupt ist. Das muss man jetzt erst einmal verarbeiten.“ Heiko Kröger hat mit großem Engagement Kiel zu dem Inklusionsstandort des Segelsports schlechthin gemacht.

Der Weltseglerverband will sich nun so schnell wie möglich mit der IPC-Führung treffen, um die Details der Entscheidung und die Analyse durch das IPC-Managementteam zu hinterfragen. In den letzten Jahren sei in der Entwicklung von Para World Sailing viel erreicht worden, und der Weltseglerverband will weiterhin ein Programm für die Segler anbieten – auf nationaler und internationaler Ebene. Zudem wurde bei der vergangenen Jahrestagung von World Sailing in Mexiko beschlossen, die Para-Weltmeisterschaften ab 2022 in die alle vier Jahre stattfindenden Worlds der olympischen Disziplinen zu integrieren.

Der Weltseglerverband und Kiel ziehen auch in Zukunft an einem Strang zum Wohl der Inklusion. Doch eine künstlich geschaffene Einteilung nach Schadensklassen, die im Segelsport nicht nötig ist, wird wohl kaum die Lösung sein.

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