Nachruf auf Helmut Schmidt

Armin Halle, selbst Segler, langjähriger Sprecher des Verteidigungsministers und späterer Redenschreiber von Helmut Schmidt (1977 bis 1979), erinnert sich an den leidenschaftlichen Segler Schmidt

Was sagt man, wenn ein Segler ‘das Zeitliche segnet’? Gibt er das Ruder aus der Hand? Streicht er die Segel? Oder geht er einfach so von Bord?

Für den verstorbenen Helmut Schmidt gilt für mich das Letztere. Denn auch, als er längst alle politischen Ämter und schließlich auch das geliebte Schreiben aufgegeben hatte, ist er an Bord geblieben. Immer wieder ist er uns gelegentlich in öffentlichen Reden und im Fernsehen gegenübergetreten. So gesehen ist er ‘an Deck’ und für uns alle bis zum Schluss gegenwärtig geblieben.

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Für mich selbst und meinen beruflichen Fortgang war er so etwas wie ein Lotse. Als junger Redakteur der ‘Süddeutschen Zeitung’ hatte ich mich – nach einem mehrjährigen ‘Praktikum’ in der Bundeswehr – in meinen Texten mit Sicherheitspolitik und Strategiefragen beschäftigt. Helmut Schmidt, der zu der kleinen Gruppe der in Fragen der internationalen Sicherheit erfahrenen Politikern zählte, hatte in der Regierung Brandt-Scheel das Amt des Verteidigungsministers übernommen. Er wollte einen jungen Journalisten mit Bundeswehr-Erfahrung als Sprecher in das Verteidigungsministerium holen.

Glücklicherweise war Helmut Schmidt kein Freund von Verlautbarungsjournalismus, und – er ließ seinen engeren Mitarbeitern weitgehend freie Hand. Wie ein erfahrener Skipper gab er die Wegepunkte vor, die nötigen Kurse musste man selber finden.

Später dann, nach einem Studienjahr am NATO-Defense-College in Rom holte Schmidt mich als Leiter der Gruppe Information und Kommunikation und Redenschreiber in sein Kanzleramt. Natürlich blieb im engen Zeitplan des Politikers und während vieler Stunden in der Boeing 707, der damaligen ‘German Air Force Number One’, auch Gelegenheit zum persönlichen Talk.

Helmut Schmidt und seine Frau Loki hatten sich am Brahmsee südwestlich von Kiel ein Sommerhaus angeschafft, das ihm während der turbulenten Zeiten im Amt immer wieder die nötige Ruhe und Entspannung bot. Kein Wunder eigentlich, dass ein Mensch wie er ohne Boot nicht auskam. Wahrscheinlich sind ihm die besten Ideen für manche Amtshandlung hart am Wind gekommen.

Segler war er von früher Jugend an. Als Minister war er – manchmal durchaus kritisch, was Rüstungsprojekte anging – der Marine zugetan. Einer seiner engeren militärischen Ratgeber war ein hochrangiger Admiral. Und natürlich zählte der obligatorische Besuch auf der Gorch Fock während der Kieler Woche zu seinem maritimen Programm.

Auch gelegentliches Dickschiffsegeln gehörte zu den knapp bemessenen Erholungszeiten. In Erinnerung ist mir eine Einladung des weltbekannten Dirigenten Herbert von Karajan, der den Musikliebhaber und Pianisten Helmut Schmidt und Frau Loki zu einem Mittelmeertörn auf seine seegängige Yacht einlud.

Aber die ganz große Liebe galt dem Jollensegeln vor der Tür seines Ferienhauses. Vielleicht weist der gelegentliche Kampf gegen Wind und Wellen zu viele Parallelen auf zum politischen Geschäft, das ja klaren Kurs und feste Ziele verlangt. Und jede Wende und Halse birgt das Risiko des Scheiterns. So gesehen hat Helmut Schmidt das Segeln (wie übrigens auch das geliebte Schachspiel) wohl auch stets als selbst gewählte Herausforderung verstanden.

Eine Episode fügt sich hier passend an. Bei einem offiziellen Staatsbesuch beim NATO-Partner Kanada schenkte der Premierminister Helmut Schmidt einen Laser.
Wenn es für den späteren Törn mit diesem Boot auf dem Brahmsee Zeugen gibt, sollten sie weiterhin schweigen. Denn dem Vernehmen nach hat der Skipper die Mastspitze kurz ins Wasser getaucht.  Als sicher kann gelten, dass dabei die Zigarette erloschen ist.

 

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