Zeit ist relativ – Annie Lush segelt auf der „Einstein“

„Ich hoffe, ich mache es richtig und bringe das Boot auf einen guten Kurs“, sagt Annie Lush mit einem Lächeln. Eine große Ehre ist es für die auf Mallorca lebende Britin, die Imoca Open 60 auf den Namen „Einstein“ zu taufen. Es war ein vorgezogener Auftakt der 125. Kieler Woche. Die viermalige Weltmeisterin, Olympia-Seglerin und...

Ich hoffe, ich mache es richtig und bringe das Boot auf einen guten Kurs“, sagt Annie Lush mit einem Lächeln. Eine große Ehre ist es für die auf Mallorca lebende Britin, die Imoca Open 60 auf den Namen „Einstein“ zu taufen. Es war ein vorgezogener Auftakt der 125. Kieler Woche. Die viermalige Weltmeisterin, Olympia-Seglerin und zweimalige Teilnehmerin des Ocean Race ist Teil der Offshore Team Germany Ocean Race Kampagne für 2021/22.

Skipper Robert Stanjek kennt die 39-Jährige bereits seit Jahren. Als die beiden 2012 in London bei den Olympischen Spielen jeder in seiner Disziplin (Stanjek: Starboot, Lush: Match Race) segelten und an Land zusammen saßen, kam bereits die Idee zur Ocean Race Kampagne auf. „Es ist genial, mit Robert zu segeln“, freut sich Annie Lush. „Es ist so hart, eine Kampagne umzusetzen. Man bringt nicht einfach nur das Boot ins Wasser und segelt los. Es ist so viel Arbeit über Jahre“, zieht sie ihren Hut vor Robert Stanjeks Einsatz. Sieben Jahre später ist nun aus der Idee Wirklichkeit für den deutschen Olympia-Teilnehmer geworden.

Für die auf Mallorca lebende Britin, ist das Weltrennen bereits seit Jahren Realitiät. „Es war nach den Olympischen Spielen mein nächstes Ziel“, erklärt Annie Lush ihren Wechsel zum Offshore-Segeln. 2014/15 startete sie dann im Team „SCA“, dem ersten reinen Frauenteam, das eine Etappe gewann. 2017/18 segelte sie auf der „Brunel“. Jetzt sei sie süchtig nach Offshore Segeln. Zwölf Minuten dauert ein Match Race Rennen, wochenlang eine Etappe beim Ocean Race. „Du musst auf demselben hohen Level performen – über die ganze Zeit.“ Zudem fasziniere sie, dass die Offshore Regatta eine Team Challenge sei, die es so in keinem anderen Sport gebe. Der große Druck, der über Monate auf dem Team laste, sei herausfordernd und hart. Das reizt Annie Lush.

Bei ihrem ersten Ocean Race war sie nur unter Frauen, beim zweiten mit zwei Frauen unter sieben Männern und nun allein, macht das einen Unterschied? „Es riecht strenger unter Deck“, sagt sie lachend. Aber der eigentliche Unterschied liege nicht im Geschlecht, sondern vielmehr in der Art der bisherigen Erfahrung. „Segeln ist Segeln. Mehr oder weniger Erfahrung und der seglerische Hintergrund machen den Unterschied.“

Eine Olympiakampagne erstrecke sich über etwa fünf Jahre. Doch nach jedem Wettfahrttag gebe es ein Bad, festen Boden unter den Füßen, und die Familie ist da. „Beim Ocean Race gibt es keine E-Mail, kein Handy, nichts. Der Fokus liegt allein darauf, das Boot möglichst schnell zu machen. Jeder, der den Wettkampf liebt, möchte schneller sein.“

Neun Monate Rennen bedeuten neun Monate, um das Team zu perfektionieren und alles aus dem Boot herauszuholen. Aus der Frauencrew von 2014 ist so am Ende ein eingeschworenes Team geworden, blickt Annie Lush zurück. Noch heute stehen sie miteinander in Kontakt. „Je härter die Arbeit, desto größer der Erfolg.“

Fun und Frustrationen liegen manchmal nah beieinander. Wenn der Wind tagelang zum Flauteschieben verdammt, wenn etwas bricht oder reißt oder im engen Feld plötzlich zehn Meilen zwischen dem eigenen Boot und dem Führenden liegen, dann fühle es sich an, als wenn man mit den Fingernägeln über eine Tafel kratze, erklärt Annie Lush das unschöne Gefühl. Doch die Windfenster, in denen sich das Boot nur langsam vorwärts schiebe, liegen ihr auch. Dann nimmt sie die Herausforderung an, um jeden Millimeter zu kämpfen, immer weiter zu optimieren, auch wenn nichts zu passieren scheint. „Geschwindigkeit kann jeder. Aber aus Nichts einen Millimeter herauszuholen, das ist eine tolle Herausforderung.“

Trotz aller Erfahrung gebe es aber auch die Momente, in denen sie sich nicht mehr zu 100 Prozent wohl fühle. Es sind die dunklen Momente, bei meterhohen Wellen, mitten in der Nacht, ohne Mond, bei wolkenverhangenem Himmel, wenn kein natürliches Licht mehr ein bisschen Helligkeit in die Schwärze der Sturmnacht bringt. „Du siehst die Wellen nicht, aber du hörst sie in deinem Rücken.“ Wenn diese seitlich aufs Boot treffen, könnten im Hellen die anderen Crewmitglieder rechtzeitig gewarnt werden, in völliger Dunkelheit ist das unmöglich.

Ob Flaute oder Sturm, die Körper der Segler sind unter ständiger Anspannung. Nach 20 Tagen an Bord gibt es keine frischen Vitamine mehr, der Körper ist ausgezehrt von zu wenig Schlaf und manchmal zu wenig Essen. „Sei so fit, wie du kannst“, ist daher Annie Lushs Motto für die Vorbereitung. „Du musst einen starken Core-Bereich (Körpermitte) haben, um dich nicht zu verletzen.“ Dafür wird es gemeinsam mit der Crew in den Kraftraum gehen. „Gemeinsam zu trainieren, ist das Beste. Da lernt man sich gut kennen und lernt, auf welche Art wer am besten gepusht werden kann.“ In den Momenten, in denen man so müde sei, dass man sich selbst gar nicht mehr richtig kenne, sei es wichtig, aufeinander aufzupassen.

Am Sonnabend feiert die „Einstein“ ihre Regatta-Premiere beim Welcome Race auf der Kieler Woche von Kiel nach Eckernförde. Segeln sei einfach ein unglaublicher Sport, der so viele unterschiedliche Möglichkeiten biete. Und diese nutzt sie auch weiterhin aus. „Ich liebe alle – egal, ob es ein schnelles oder langsames Boot ist“, sagt sie mit Blick auf eine Yngling. Wenn sie jetzt damit raussegeln könnte, wäre sie auch glücklich. Nächste Woche ist sie in Schweden, um Match Race zu segeln. Vom Match Race Segeln nehme sie auch viel mit in die Offshore Kampagne. „Es sind viele Manöver, man muss schnell denken und reagieren.“ Auch dem Nachwuchs gibt sie den Tipp mit: „Segel alles und mit jedem. Du liebst es mehr, wenn du verschiedene Dinge machst.“

Die Bedingungen sind immer anderes und dann findet man sich plötzlich in ungewöhnlichen Situationen wieder. „Jeden Tag lernst du etwas Neues“, schwärmt die 39-Jährige. Sie lerne von verschiedenen Menschen, von verschiedenen Nationen und Booten. „Auch von einem 17- oder 20-Jährigen kannst du etwas lernen, und das ist toll.“

Bei der 125. Kieler Woche gelang der Auftakt der deutschen Ocean Race Kampagne, das Ziel ist das Rennen 2020/2021 um die Welt, ganz nach dem Motto: „Von Kiel in die Welt“. Und die Kiel Sailing City hofft, ein Stopover-Hafen zu werden. Die Termine werden im Spätsommer veröffentlich. – Friederike Hiller

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