Serie: Erfahrungsbericht Sportbootführerschein See

Auf dem Weg zum SBF See: Die erste Theoriestunde

Sail24-Volontärin Philine ist Segel-Anfängerin. Wir haben sie ins kalte Wasser geworfen und gleich mal für den ersten Pflichtschein angemeldet. In einer Hamburger Segelschule machte sie den SBF See. Ihre Erfahrungen – Teil 1

Konzentriert wandert mein Blick zwischen dem blau-weiß-gemusterten Seil unseres Ausbilders Reinhard – Nein stopp, „Tampen“ natürlich, das sollte ich mir jetzt wohl besser merken – und jenem in meinen eigenen Händen hin und her. Während sich sein Tampen schnell und elegant in einen herrlich symmetrischen Knoten verwandelt, sieht meiner schon nach wenigen Sekunden seltsam verheddert aus. Ich muss lachen.

„Die beiden Enden doppelt überkreuzen, dann das obere Ende über das untere legen und schließlich nur noch von hinten durch die Bucht ziehen. Fertig ist der Kreuzknoten!“ – Zugegeben, theoretisch klingt das irgendwie nicht allzu kompliziert und bekannt kommt mir das Ganze ja auch vor. Nachmachen klappt trotzdem nicht auf Anhieb. Ich erfahre: Bei dem, was ich da im ersten Versuch hervorgebracht habe, handelt es sich um einen Altweiberknoten. Na toll! Also nochmal – und im zweiten Schritt dann einfach genau andersherum knoten.

Seit rund einer Stunde sitze ich nun gemeinsam mit acht anderen Teilnehmern in einem Seminarraum nicht weit vom Hamburger Elbufer entfernt: im Vorbereitungskurs für den Sportbootführerschein See, der mich schon bald zum Fahren von Sportbooten über 15 PS auf Seeschifffahrtsstraßen berechtigen wird. Fragen zum Ablauf des Kurses und die obligatorische Vorstellungsrunde haben wir bereits abgehakt. Die Motivationen meiner Kurskollegen sind vielfältig: Da wäre zum Beispiel das vom verstorbenen Großvater hinterlassene Boot, das endlich genutzt werden soll, oder der Wunsch nach einem Charter-Urlaub mit der Familie. Große Vorkenntnisse hat hier niemand. Zu meiner Erleichterung bin ich in einer bunten Truppe mehr oder weniger blutiger Anfänger gelandet – und nicht die Einzige, die trotz aller Begeisterung ein bisschen Bammel vor den nächsten Wochen hat. Reinhard Schölz, der den Kurs im Auftrag der Segel- und Sportbootschule Well Sailing leitet, macht das hier zum Glück nicht zum ersten Mal. Ohne seine ansteckende Gelassenheit wäre wohl spätestens beim Thema Prüfung leichte Panik ausgebrochen. 15 neunteilige Navigationsaufgaben, 285 Fragen, die gelernt werden wollen, und dann noch eine Praxisprüfung: Das klingt erst mal ein wenig beängstigend. Keine Panik, alles machbar, vermittelt uns Reinhard – wenn man denn lernt. Stimmt auch wieder, zumindest ein Teil der Prüfung besteht ja inzwischen lediglich aus Multiple-Choice-Fragen.

Kaum dass wir beim Knoten unserer ersten beiden frisch gelernten Seemannsknoten nicht mehr völlig durcheinandergeraten, geht es auch schon weiter. Nächste Lektion: Lichterführung. Eigentlich nicht unbedingt ein Thema für die erste Stunde, aber drei Teilnehmer wollen schon in ein paar Tagen auf Nachtfahrt gehen. Wir lernen deshalb schon jetzt den Unterschied zwischen Topp-, Seiten- sowie Hecklichtern und versuchen, Maschinenfahrzeuge von Segelbooten, Fischereifahrzeuge von Fahrzeugen mit gefährlichen Gütern zu unterscheiden. Reinhard wirft verschiedene Abbildungen mit dem Beamer an die Wand des Seminarraumes und erklärt uns, worauf wir achten müssen. Eigentlich alles ganz logisch, finde ich. Was mir hilft: bei Unklarheiten sofort nachzufragen. Merken geht deutlich leichter, wenn man versteht. Mit den vielen neuen nautischen Begriffen und Bezeichnungen zu hantieren, fühlt sich allerdings noch ziemlich ungewohnt an.

Die Kosten für den SBF-Kurs bei Well Sailing betragen 280 Euro. Eine Übungsfahrt ist darin bereits enthalten, die 110,93 Euro Prüfungsgebühr sowie der eine oder andere Euro für Übungsmaterialien aber noch nicht. Fünf Abende und einen kompletten Samstag wird unsere kleine Gruppe von nun an gemeinsam Theorie büffeln. Für jeden Termin stehen zwei bis drei Themenbereiche und ein oder zwei Knoten auf dem Plan. Die Inhalte vertiefen und auswendig lernen müssen wir dann aber alleine – mithilfe von Kursunterlagen, Büchern, Apps und Co. Praktisch: Wer möchte, kann das Kursbesteck für die Navigationsaufgaben und Materialien wie aktuelle Übungsbögen und -karten gleich vor Ort im Kurs kaufen. Für die Übungsfahrten auf der Bille, die uns auf die Praxisprüfung vorbereiten sollen, stehen noch einmal zusätzliche Termine zur Auswahl. An diesem ersten Seminarabend erscheint die Vorstellung, in naher Zukunft alleine ein Sportboot übers Wasser zu steuern, aber noch fast absurd.

Um kurz vor neun will ich dann am liebsten „Stopp!“ rufen. Und wundere mich über mich selber: Für Betonnung scheint an diesem Dienstagabend einfach kein Platz mehr in meinem Hirn zu sein. So ein Abendkurs lässt sich zwar gut in den Alltag integrieren, erfordert nach Feierabend aber noch mal ordentlich Konzentration. Draußen ist es längst dunkel, in meinem Kopf schwirren Begriffe wie „trawlender Fischer“, „tiefgangbehindertes Fahrzeug“ und „Grundsitzer“ hin und her und ich bin plötzlich hundemüde. Trotzdem bemühe ich mich, auch den Erklärungen zum letzten Thema des Tages noch einigermaßen aufmerksam zu folgen – und merke langsam, dass das Ganze immer mehr Spaß macht je tiefer wir eintauchen.

Als ich am nächsten Morgen auf dem Weg zur Arbeit in der U-Bahn sitze, bin ich zwar noch nicht gerade das blühende Leben, fühle mich aber zumindest wieder aufnahmefähig. Mich hat das SBF-Fieber gepackt. 18 Minuten habe ich noch bis zu meiner Haltestelle. Ich klicke mich durch den App-Store und lade mir die erste Übungsapp herunter. Na gut, der Großteil meiner Antworten ist zwar noch falsch, was jeweils mit einer niederschmetternden roten Markierung bestraft wird, ein Maschinenfahrzeug in Fahrt von 50 und mehr Meter Länge erkenne ich aber mit links an seinen Lichtern – und fühle mich richtig schlau, als endlich mal die grüne Markierung aufleuchtet.


Teil 2: Kartennavigation – Theorie next Level

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