Auf dem Weg zum SBF See: Die praktische Prüfung

Sail24-Volontärin Philine ist Segel-Anfängerin. Wir haben sie ins kalte Wasser geworfen und gleich mal für den ersten Pflichtschein angemeldet. In einer Hamburger Segelschule machte sie den SBF See. Ihre Erfahrungen – Teil 3

Mittwochmorgen: Dick eingemummelt sitze ich in der S-Bahn und versuche, mir das einzuprägen, was dort auf dem Zettel vor mir geschrieben steht: „Auskuppeln, Backbord-Ruder und gleichzeitig den ‚Hafengang‘ rückwärts einlegen.“ Dammtor, Hauptbahnhof, Berliner Tor. Ich bin fast da. Mütze auf, Handschuhe an und raus. Vom Bahnhof Hamburg-Rothenburgsort laufe ich bis zum Treffpunkt am Ufer der Bille. Der Himmel ist strahlend blau, es weht nicht mal ein laues Lüftchen und die Temperaturen liegen gerade eben im Plusbereich. Sollte das bis Samstag alles so bleiben, habe ich schon mal eine Sorge weniger. Wettertechnisch könnten die Prüfungsbedingungen im Hamburger Winter wohl kaum einfacher sein.

Am Wasser warten bereits mehrere Sportbootführerschein-Anwärter von anderen Bootsschulen auf den Beginn ihrer Übungsfahrt. Die meisten wollen ebenfalls in drei Tagen zur Prüfung antreten und sind dementsprechend nervös. Nach und nach trudeln dann auch die Boote ein: vier kleine und ein deutlich größeres – „meine“ Meri Leijona. War ja klar: Diejenige, die am meisten Bammel hat, irgendwo anzuditschen, landet im größten Boot. Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich schon bis zum Nervenzusammenbruch an einer engen „Parklücke“ verzweifeln. Ok, keine Panik jetzt. Autofahren ist schließlich etwas völlig anderes. Außerdem ist die Meri Leijona rundum durch Fender gepolstert. Müsste ja eigentlich idiotensicher sein.

Zusammen mit unserem Ausbilder Reinhard sind wir zu viert an Bord. Ich darf als erste ans Ruder. Gas geben, Leerlauf. Ok, das ist nicht so schwer. Bekomme ich hin. Dass wir nur im „Hafengang“ fahren werden, kommt mir ganz gelegen. Je langsamer, desto besser. Dann kann ich nicht aus Versehen irgendwo gegenbrettern. Nach und nach üben wir alle Pflichtmanöver und sonstigen Aufgaben, die in der Prüfung abgefragt werden können: Fahren nach Kompass, Peilen, Mann über Bord, Anlegen, Ablegen, kursgerechtes Aufstoppen, Wenden auf engem Raum, Fahren nach Landmarken, Manöverschallsignale, Knoten und das Anlegen der Rettungsweste.

Am Steuer wechseln wir uns alle paar Minuten ab. Die Stimmung ist entspannt. Reinhard gibt uns jede Menge Tipps und erzählt nebenbei von seinen Prüfungserfahrungen. Auf dem Wasser sind lediglich die anderen Übungsboote unterwegs. Das Peilen, Aufstoppen und Fahren nach Landmarken klappt mithilfe von Reinhards Anweisungen auf Anhieb. Fahren nach Kompass ist schon ein wenig kniffliger. Anstatt erst einmal den Bug zu beobachten, tendiere ich dazu, zu schnell zu korrigieren, wenn die Nadel nicht sofort da ist, wo sie sein soll. Die Lösung ist zum Glück einfach – theoretisch zumindest: abwarten und ein Gefühl dafür bekommen, wie die Meri Leijona überhaupt reagiert. Auch beim Mann-über-Bord-Manöver bleibt die erwartete Katastrophe aus. Im ersten Anlauf kann Reinhard die orangefarbene Boje, die unseren über Bord gegangenen Mann darstellt, allerdings bei uns allen dreien nur noch so gerade eben mit weit ausgestrecktem Arm aus dem Wasser ziehen. In der Prüfung gelte das schon als misslungener Versuch, sagt er. Egal, sofern es im zweiten Anlauf klappt, ist ja noch alles im grünen Bereich – ganz schön gnädig. Außerdem haben wir unseren Mann immerhin nicht überfahren. Und das ist ja fürs Erste auch schon mal was, oder?

Anlegen fällt mir definitiv am schwersten. Wusste ich’s doch: das verhasste Parken. An jenem Steg, der den Start- und Endpunkt unserer Prüfung bilden wird, kommen sogar noch erschwerte Bedingungen zur ohnehin nicht einfachen Aufgabe dazu. Wer wie wir mit der Backbord-Seite anlegen will, muss hier mit sehr wenig Platz zurechtkommen, weil auf der einen Seite des Steges die Zufahrt blockiert ist. Das heißt: Statt einfach langsam mit der Backbord-Seite auf den Anlegeplatz zufahren zu können, müssen wir diesen „falsch herum“ ansteuern, unmittelbar davor wenden und dann direkt anlegen.

Ich versuche, die Anweisungen vom Arbeitsblatt Schritt für Schritt abzuspulen, werde dann aber doch jedes Mal hektisch und bin mir nicht mehr sicher, wann ich das Ruder in welche Richtung einschlagen muss. Sobald ich keinem festen Schema mehr folgen kann, bin ich irgendwie aufgeschmissen. Und: Der gute alte Radeffekt bringt mich immer wieder durcheinander. Trotzdem landen wir auf wundersame Weise jedes Mal sicher am Steg. Vielleicht wäre es doch einfacher, die Sache nicht ganz so verkopft anzugehen.

Am Ende des Übungstermins sind meine Gefühle gemischt. Mit der
Meri Leijona über die Bille zu cruisen macht richtig Laune – gar keine Frage! Und im Großen und Ganzen hat auch alles überraschend gut funktioniert – keine Totalausfälle, keine Schäden – sicher fühle ich mich allerdings noch nicht ansatzweise. Wie auch, nach gerade einmal knapp drei Stunden auf dem Wasser? Für mich ist deshalb klar: Meri Leijona und ich werden uns auf einer zweiten Übungsfahrt wiedersehen – auch wenn Reinhard mir versichert, dass ich die Prüfung auch ohne diese bereits bestehen würde.

Zwei Tage später und damit einen Tag vor der Prüfung geht es also ein zweites Mal aufs Wasser, diesmal alleine mit Reinhard. Damit habe ich zwei volle Stunden, um die Manöver nochmal in aller Ruhe zu üben. Schnell merke ich: Es läuft schon deutlich besser als beim ersten Mal. Viele Abläufe habe ich offensichtlich ganz automatisch verinnerlicht. Als wir meinen Lieblingssteg auf dem Prüfungsgelände ansteuern, erwartet uns jedoch eine Überraschung: Riesige Arbeitsgeräte liegen plötzlich nur wenige Meter vor und neben dem Anleger auf dem Wasser: Schuten, Pontons und sogar mehrere Bagger. Was vor zwei Tagen schon eng war, ist heute für Anfänger der blanke Horror. „Wenn die morgen noch da sind, werden sie euch hier wohl kaum prüfen“, mutmaßt Reinhard. Leider wird er sich ausnahmsweise einmal geirrt haben.

In der darauffolgenden Nacht träume ich von fiesen Prüfern und reißenden Gewässern, in denen unzählige bunte Bojen auf und ab hüpfen und mir große Kähne den Weg versperren. Aber dann ist er auch schon da: der Prüfungstag.

Um 9 Uhr treffe ich in der Billstraße ein. In einer halben Stunde soll es hier für unsere kleine Well-Sailing-Crew losgehen. Drinnen vor dem Anmelde- und Prüfungsraum ist es bereits rappelvoll. Eintritt nur nach Aufforderung, informiert ein Zettel. Na dann. Ich warte. Die meisten Prüflinge absolvieren heute gleich beide Prüfungsteile und warten auf den Beginn ihrer Theorieprüfung oder die Verkündung ihres Ergebnisses, erfahre ich. Für den heutigen Vormittag standen gleich drei verschiedene Theorieprüfungstermine zur Auswahl. Die Praxisprüfungen hingegen finden laufend parallel statt.

Um 09:30 Uhr trudeln meine beiden Mitprüflinge von Well Sailing ein. Um 10 Uhr werden wir langsam unruhig. Sind wir hier wirklich richtig oder haben wir den Start unserer Prüfung draußen womöglich längst verpasst? Durch das lange Warten werde ich noch nervöser, als ich es ohnehin schon war. Und langsam lassen sich auch meine beiden Mitstreiter anstecken. Noch einmal gut 30 Minuten später öffnet sich endlich die Tür und der nächste Schwung Prüflinge darf zur Anmeldung hereinkommen. Obwohl ich bei der Prüfungsanmeldung angegeben habe, heute lediglich die Praxisprüfung absolvieren zu wollen, will man mich zunächst in die Theorieprüfung schicken. Ich sei ja schließlich für beide Prüfungsteile angemeldet. Beim Prüfling hinter mir das gleiche Problem. Puh, läuft ja super bisher.

Als alles richtiggestellt ist und wir am Anleger ankommen, wird es nicht unbedingt besser. Um uns herum wird wild diskutiert. Ein paar Wortfetzen, die ich aufschnappe, lassen nichts Gutes vermuten: „Unfall“, „der Arme“, „zu nah ans Ufer gefahren“, „das Boot können sie heute erst einmal vergessen“. Eine Grundberührung? In der Prüfung? Ich versuche, lieber gar nicht so genau hinzuhören. Noch mehr Nervosität kann ich jetzt wirklich nicht gebrauchen.

Reinhard tuckert mit der Meri Leijona die Bille auf und ab, weil am Anleger gar kein Platz für die vielen Prüfungsboote der verschiedenen Boots- und Segelschulen ist. Aber dann geht plötzlich alles ganz schnell: Zusammen mit einem der Prüfer klettern wir an Bord. Rettungswesten an und los geht es mit der Prüfung. Der blockierte Steg lässt unseren Prüfer offenbar völlig kalt. Na gut, irgendwie hat er ja recht. Besser jetzt schon mal mit einer schwierigen Situation konfrontiert werden, als auf dem ersten Törn völlig überfordert sein. Anfangen möchte unter diesen Bedingungen aber dann doch keiner von uns dreien, nicht einmal der erfahrene Segler unter uns, dem lediglich der Schein fehlt. Also gut, dann mache ich es eben, beschließe ich und melde mich, bevor ich es mir anders überlegen kann. Wenn ich jetzt hier ablege, bin ich wenigstens fein raus, wenn es später ums Anlegen an diesem Steg geht – hoffe ich jedenfalls.

Als ich das Ruder nach Steuerbord lege, immer wieder kurz einkupple und dann nach Backbord einschlage, bin ich unheimlich erleichtert, gestern doch noch – eigentlich spaßeshalber – mit Reinhard hier trainiert zu haben. Ganz entspannt ein paar Bootslängen rückwärts vom Steg wegfahren geht natürlich nicht. „Ich schaue hier am Heck“, ruft mir der Prüfer zu und wirft einen leicht nervösen Blick nach achtern. Ist das jetzt gut oder schlecht? Besonders kompetent sehe ich offensichtlich nicht aus. Dabei ist am Ende alles halb so wild. Ein paar Mal vorwärts und rückwärts – und dann gleitet die Meri Leijona auch schon im Sonnenschein die Bille entlang. Das Mann-über-Bord-Manöver im Anschluss läuft besser als je zuvor. Und anlegen darf ich netterweise an einer alten Schute mit herrlich viel Platz drumherum. Glück gehabt. Innerhalb der nächsten paar Minuten werden noch ein paar weitere wichtige Manöver sowie einige der neun Seemannsknoten abgefragt, mehr aber auch nicht. Die Zeit scheint knapp zu sein. Am Steg warten bereits etliche weitere Führerschein-Anwärter. Schneller als gedacht halte ich deswegen einen blauen Zettel mit lauter angekreuzten Kästchen in der Hand – und brauche erst einmal einen Moment, bis ich realisiere, was das bedeutet: Ich hab’s geschafft!


Teil 1: Die erste Theoriestunde
Teil 2: Kartennavigation

Nächstes Mal: Die Theorieprüfung

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