Auf dem Weg zum SBF See: Kartennavigation – Theorie next Level

Sail24-Volontärin Philine ist Segel-Anfängerin. Wir haben sie ins kalte Wasser geworfen und gleich mal für den ersten Pflichtschein angemeldet. In einer Hamburger Segelschule machte sie den SBF See. Ihre Erfahrungen – Teil 2

Dienstagabend, an die Fenster des Seminarraumes prasseln dicke Regentropfen: Ich notiere „Flügelradpumpe“, „Wasserabscheider“, „Einspritzpumpe“ und male kleine Pfeile an den Bootsquerschnitt, der auf dem Arbeitsblatt vor mir abgebildet ist. Ah ja. Wir sind mittendrin im Thema Motorkunde. Unser Ausbilder Reinhard zeigt auf die verschiedenen Bestandteile des Bootsmotors und erklärt.

„Das ist also ähnlich wie beim Auto“, höre ich irgendwann. Begeistertes Nicken von einigen Kurskollegen. Na super. Ich bin raus. Hätte ich damals im Physikunterricht und in der Fahrschule doch mal besser aufgepasst. Nun muss ich wohl oder übel noch mal an die Grundlagen ran. Später, beschließe ich. Zum Glück ist Motorkunde das erste Thema, das so wirklich gar keine Begeisterung in mir hervorrufen will. Hat es eben einfach noch nie.

Mittlerweile sind wir fast am Ende unseres Theoriekurses angekommen. Leuchtfeuer, Gezeiten, Seenotsignale, Wetter, Vorfahrtsregeln und Co. haben wir in den letzten Sitzungen schon abgehakt. Und bis eben gerade bin ich auch überall ohne allzu große Mühe durchgestiegen. Mehr als die absoluten Basics stehen ja nicht auf dem Programm. In einer Handvoll Sitzungen ist eben gerade genug Platz für das für die Theorieprüfung nötige Hintergrundwissen.

Trotzdem fühle ich mich nach sechs Wochen SBF-Kurs fast schon wie ein alter Seebär – na gut, natürlich nur verglichen mit meinem anfänglichen Wissensstand. Was mir am ersten Kursabend noch wie eine fremde Welt erschien, fühlt sich plötzlich ganz selbstverständlich an. Ich weiß nun zum Beispiel, dass es ganz unterschiedliche Arten von Leuchtfeuern gibt, kenne ihre Funktionen, und kann die Linien und Symbole auf Wetterkarten interpretieren. Auch Knoten sind übrigens gar nicht so schwer – wenn man sie denn übt. Mich hat mein Übungstampen auf Schritt und Tritt begleitet, in die Bahn, zur Arbeit, aufs Sofa. Dafür machen meine Hände die meisten Knoten aber inzwischen auch ganz von allein, genau, wie von Reinhard immer wieder prophezeit.

Als ich in der Pause einen Blick auf meine Lern-Apps werfe, gerät meine Gelassenheit aber auch schon wieder ins Wanken. Hilfe: Gesetze, nautische Literatur, Schallsignale, Schifffahrtszeichen, Natur- und Umweltschutz – haben wir alles noch gar nicht besprochen. Mir schwant, dass die Arbeit mit dem Ende unseres Kurses noch längst nicht geschafft sein wird. Klar wusste ich, dass es Themen gibt, bei denen Reinhard uns nicht wirklich helfen kann und einfach auswendig lernen angesagt ist, aber dass es gleich so viele sind, macht mich dann doch wieder nervös.

Samstagmorgen, zehn Tage zuvor: Mit meinem Navigationsbesteck im Gepäck treffe ich auf dem urigen Hof von Well Sailing in Hamburg-Altona ein. Da zeigt sich das Winterwetter einmal von seiner schönen Seite und wir werden vom strahlenden Sonnenschein rein gar nichts mitbekommen. Denn jetzt ist der da: der Navigations-Samstag. Sechs Stunden, in denen wir Kurse einzeichnen, ablesen und umrechnen werden. Mal sehen, wie es läuft. Wirklich Spaß machen solle Kartennavigation, habe ich gehört – und dass daran die meisten Prüflinge scheitern würden. Hm, Mathe ist nicht gerade mein Spezialgebiet.

Als um kurz nach 11 Uhr dann alle eingetrudelt sind, verteilt Reinhard Übungskarten und ein Arbeitsblatt mit einer Beispielaufgabe. „Lest euch schon mal alles durch. Ich bin gleich wieder da“, sagt er und überlässt uns für ein paar Minuten unserem Schicksal. Besteckversetzung? Missweisung? Magnetkompasskurs? Wie bitte? Wir starren lachend und ein wenig ungläubig auf das Papier vor uns und sind uns ziemlich schnell einig: Niemals werden wir heute Abend in der Lage sein, das zu lösen. Vor uns hätten das ein paar andere SBF-Schüler ja auch schon geschafft, bemerkt Reinhard, als er unsere Gesichter sieht. Okay, da hat er wohl recht.

Wir kämpfen uns also in den nächsten Stunden durch die Textaufgaben, lernen, Positionen abzulesen, in die Karte einzutragen, Entfernungen zu bestimmen, Geschwindigkeiten auszurechnen und, und, und. Ja, es ist natürlich machbar, aber beim ersten Mal auch ganz schön kompliziert. Ich bin heilfroh, da nicht allein durch zu müssen. Reinhard hat Merkblätter mit allen wichtigen Formeln vorbereitet und übt mit jedem Kursteilnehmer die Parallelverschiebung.

Auch hier merke ich wieder: Mit den ersten Erfolgserlebnissen kommt die Begeisterung für die Kartenarbeit ganz automatisch. Nach ein paar Durchgängen habe ich allmählich verstanden, was in den Aufgaben verlangt wird und schiebe Kurs- und Anlegedreieck – wie ich finde – äußert gekonnt über die Seekarten. Am liebsten würde ich jetzt sofort einen „realen“ Törn planen und lossegeln. Nur an der Genauigkeit hapert es noch ein bisschen. Hat Reinhard wirklich gesagt, die Abweichungen dürfen 0,1 Seemeilen beziehungsweise ein Grad nicht überschreiten? Ganz schön streng. Mein Bleistift muss schuld sein. Den habe ich zu Hause noch in letzter Minute hervorgekramt. Ein Relikt aus dem Kunstunterricht, das bereits am Morgen eher zu den stumpferen Exemplaren gehörte. Ich vermerke in meiner To-do-Liste: „Anspitzer kaufen“.

Nach ein paar Beispielaufgaben folgt schließlich die erste amtliche Kartenaufgabe – Nr. 6 von 15: Unser Sportboot befindet sich nahebei der Tonne „A2“, auf dem Weg von der Alten Weser in die Elbe. Mithilfe des Zirkels lesen wir am Kartenrand seine Position ab, und zeichnen anschließend den von dort abgesetzten Kurs in die Seekarte ein. Zirkel aufspannen, Striche zählen und die zwei Tonnen verbinden. Noch ist alles easy. Dann müssen wir den rechtweisenden Kurs (rwK) ablesen, also beide Tonnen mit dem Kursdreieck verbinden und das Anlegedreieck so weit verschieben, bis der Nullpunkt eine vertikale Linie berührt. Puh, die Parallelverschiebung ist vielen dann doch noch nicht ganz geheuer. Reinhard geht durch die Reihen und zeigt hier und da noch mal, welches Dreieck wohin gehört.

Insgesamt neun Teilaufgaben müssen wir pro amtliche Navigationsaufgabe lösen. Der von mir so gefürchtete Rechenteil ist zum Glück nie allzu groß – und ohnehin auch gar kein Hexenwerk. Wer es schafft, aus den Textaufgaben die richtigen Werte herauszulesen, braucht diese bloß noch in Rechentabellen und -formeln einzusetzen, die man schnell im Kopf hat. Der einzige Haken: Gerechnet werden muss dann ohne Hilfsmittel. Als ich meinen geliebten Handy-Taschenrechner schließe, bin ich tatsächlich ein wenig aufgeschmissen und ergänze meine To-do-Liste deshalb vorsorglich um einen weiteren Eintrag: „schriftliches Rechnen mit Kommazahlen üben“. Die Grundschule lässt grüßen.

Alle 15 amtlichen Prüfungsaufgaben schaffen wir heute natürlich nicht. „Setzt euch in den nächsten Tagen direkt an die restlichen Aufgaben“, empfiehlt uns Reinhard, „sonst vergesst ihr wieder, wie es geht.“ Ich nehme mir fest vor, seinem Rat zu folgen und glaube in diesem Moment auch wirklich noch daran.

Zum Abschluss des Seminartages geht es noch einmal um die Prüfungsanmeldung. Meine Unterlagen habe ich bereits zusammen: den Anmeldeantrag, die KFZ-Führerschein-Kopie, das Passbild und das ärztliche Zeugnis, das uns praktischerweise der „Stammarzt“ der Segelschule nach einer kurzen Untersuchung in der zweiten Sitzung direkt ausgehändigt hat. Ich möchte mich erst einmal nur für die Praxisprüfung anmelden und mir für das Lernen der Theorie noch ein wenig Zeit lassen. Inzwischen müssen ja zum Glück nicht mehr beide Teilprüfungen an einem Tag absolviert werden. So weit, so gut. Aber soll ich wirklich bereits den Prüfungstermin in zwei Wochen wählen?

Was mir Sorge bereitet: Die nächsten Übungsstunden finden erst wenige Tage vor der Prüfung statt, die Unterlagen für die Anmeldung müssen aber spätestens sieben Tage vor der Prüfung beim Prüfungsausschuss eingegangen sein. Was wenn ich beim Praxistraining merke, dass es mit dem Fahren gar nicht klappt? Dann gibt es in Sachen Prüfung kein Zurück mehr. Reinhard sieht das – wie immer – gelassen. Und bis jetzt lag er ja eigentlich jedes Mal richtig. Ich atme tief durch und beschließe, ausnahmsweise mal kein Schisser zu sein. Jetzt muss ich die Unterlagen nur noch abschicken, die Prüfungsgebühr überweisen, meinen Platz auf der nächsten Übungsfahrt reservieren – und dann werde ich schon in 13 Tagen und 15 Stunden – als Einzige aus unserem Kurs – mit einem Prüfer an Bord über die Bille schippern. Hoffentlich geht das gut.


Teil 1: Die erste Theoriestunde

Nächstes Mal: Die Praxisprüfung Leinen los!

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