Hilfsbereitschaft statt Hafenkino?

Gegenseitige Hilfe auf dem Wasser und im Hafen sollte eigentlich selbstverständlich sein, doch immer häufiger erlebt man das Gegenteil. Ein Plädoyer für mehr Miteinander unter Seglern

Täglich Happy Hour, Beisammensitzen im Cockpit und gemeinsames Grillen am Strand – für viele Segler ist das der Inbegriff des ‚Cruiser Lifestyle’. Das Miteinander am Ankerplatz oder in der Marina ist in unseren heimischen Revieren vor allem ein Spaß-Ritual. Seinen praktischen Ursprung findet es aber in der Langfahrtszene. Abseits von jeder Infrastruktur stößt früher oder später jeder an eine Grenze, an der er nicht weiter weiß und braucht dann eine Gemeinschaft. Das funktioniert genauso in unseren heimischen Revieren.

Beispielsweise berichtete ich einmal einem englischen Segler beiläufig von Problemen mit meinem Motor. Am nächsten Nachmittag tauchte neben dem Cockpit plötzlich ein wildfremder Mann im Overall auf. Jemand hatte ihm erzählt, dass „the German over there“ Motorsorgen hat. Er kannte mich nicht, aber er kannte sich mit Motoren aus. Also zog er seine Arbeitskleidung über und kam, um zu fragen, wie er helfen könnte.

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Kaum war das Problem auf die Sprit­pumpe eingegrenzt und eine vorübergehende Lösung gebastelt, wollte ich mich dankbar zeigen. Er aber antwortete: „Irgendwann kommt jemand mit einem Problem zu Dir, bei dem Du helfen kannst. Dann wirst Du an heute denken und einfach helfen.“

Und genau das kann in der dänischen Südsee zwischen Bagenkop und Flensburg oder vor der Küste Kroatiens passieren. Gerade hier, beim Alltagssegeln aber, trifft man zuweilen eher auf das Gegenteil von einem Miteinander unter Seglern. Immer wieder ist von Ignoranz oder auch Besserwisserei zu lesen. Höchste Zeit, das Miteinander aus dem Cruiser-Lifestyle zurück in unsere Ostsee- und Mittelmeerhäfen zu holen.

Denn passt die Stimmung im Hafen nicht, schmälert das die gemeinsame Erfahrung jedes Törns. Dabei macht einander zu helfen obendrein auch noch Spaß und führt nicht selten sogar noch neue Freundschaften zutage.

Sich helfen lassen

Die Zutaten, aus denen so ein Miteinander entsteht, finden sich aber nicht nur in der Bereitschaft selbst anderen zu helfen. Die ist in den meisten von uns durchaus vorhanden. Doch um sie zu aktivieren, müssen wir als erstes unsere eigene Scheu überwinden, überhaupt um Hilfe zu bitten. Das Annehmen von Unterstützung bedeutet nicht mangelnde Fähigkeiten einzugestehen. Hilfe angeboten zu bekommen, nicht automatisch mangelndes Zutrauen.

Häufig wissen an Land stehende Crews gar nicht, ob ihre Hilfe überhaupt gewünscht ist. So entsteht ein Abwarten, bis sich die Ereignisse überschlagen und als ausgewachsenes Hafenkino darstellen. Die Folge: Unsicherheit bei der Crew, übereilte Reaktionen im Cockpit, idealerweise begleitet von einer Serie gut gemeinter, aber oft auch inhaltlich gegenteiliger Ratschläge von den Umstehenden am Steg. Am Ende bleibt schnell Chaos und Frust auf allen Seiten. Die Helfer fühlen sich ignoriert, Crew und Skipper bevormundet.

All dem kann man am besten mit Zeit vorbeugen. Es lohnt sich daher, bereits beim Einlaufen in eine Boxengasse nach anderen Seglern am Steg Ausschau zu halten und zu signalisieren, dass man bereit ist, Hilfe anzunehmen. Es ist auch keineswegs eine Schande, direkt jemanden anzusprechen, ob er bei fünf Windstärken quer zur Box eventuell eine Leine übernehmen kann. In Jahrzehnten habe ich niemanden getroffen, der das jemals abgelehnt hätte.

Braucht dieser Helfer etwas Zeit, um auf den Steg zu gelangen, lässt sich in Ruhe noch eine Runde im Hafenbecken drehen. Eine Gelegenheit, auch gleich die Vorschiffscrew zu instruieren. Wirft die ohne Anweisungen einfach nur ein Knäuel Leinen auf den Steg, ist jede Kontrolle über das Anlegemanöver verloren.

Am einfachsten haben es dabei oft Einhandsegler. Sie sorgen allein durch den Umstand, dass eine zweite Person auf dem Vorschiff fehlt, bereits für Aufmerksamkeit. Alle, die meist mit Crew segeln, schauen gespannt zu und warten: „Wie geht es allein?“

Aus dieser Position heraus, ist es dann ein Leichtes, eine Leine anzunehmen. Das liegt aber auch daran, dass Einhandsegler meist mit viel Bedacht und gut vorbereitet in einen Hafen fahren und es ihren Helfern damit leichtmachen. Hängen beidseitig die Enden vorbereiteter Vorleinen über dem Bugkorb, braucht es fast ein Übermaß an Ignoranz, keine davon zu greifen. Potenzielle Helfer sehen sofort, wie sie unterstützen können.

Wer aber schnell um eine Hafenmole biegt, geradewegs in die erste Box fährt, darin dann vertreibt, weil die Leinen nicht klariert sind, und sich dann beschwert, dass niemand half, ist nicht weniger egoistisch als der mit verschränkten Armen dastehende Zuschauer dieses Hafenkinos.

Hilfe anbieten

Damit man am Steg aber überhaupt Helfer finden kann, müssen die sich auch hilfsbereit zeigen. Eine Rolle, die ebenfalls jedem von uns zukommt, nachdem wir festgemacht haben.

Es ist dabei verständlich, dass man in strömendem Regen geneigt ist, lieber unter der Kuchenbude zu bleiben. Andererseits sind es gerade diese Momente, in denen die Kultur des Miteinanders und der Hilfsbereitschaft ihre Größe zeigt. Wer in so einem Moment seine Ölzeugjacke überstülpt und mit anfasst, gewinnt vielleicht einen Freund fürs Leben, vor allem aber motiviert er auch dazu, diesen Gefallen anderen zurückzugeben. Die Chance, dass uns selbst später in so einem Augenblick geholfen wird, steigt.

Zusätzlich macht auch Helfen gerade dort am meisten Spaß, wo die Hilfe wirklich eine Erleichterung bedeutet. Da darf man seiner Freude auch mal Ausdruck verleihen. Wer schon vom Regen patschnass ist, darf gern lachen, wenn die Leine auch beim dritten versuchten Wurf nicht den Steg erreicht. Der Vorschiffscrew hilft das oft mehr, als jeder gutgemeinte Ratschlag.

Im Hafen

Auch die Häfen selbst können viel dazu beitragen, das Klima an ihren Stegen zu stärken und Segler zusammenzubringen. Denn wer sich kennt, reicht sich auch schneller eine helfende Hand. Regelmäßigkeit führt dabei zum Erfolg. Statt einmal im Sommer ein Hafenfest für die Schiffe zu veranstalten, die zufällig gerade da sind, schafft ein sonnabendliches gemeinsames Grillen eine vertraute Atmosphäre, und auch einen Mehrwert bei der Auswahl anzusteuernder Häfen. Der Aufwand dafür ist vergleichsweise gering: Zwei Sack Grillkohle und ein großer Grill genügen. Laufend im Hafen angekündigt und mit etwas Liebe kommuniziert, münden solche Veranstaltungen nicht selten in lange Abende mit buntem Buffet, zu dem jeder gern etwas beisteuert.

Es wirkt gegen die in vielen Häfen herrschende Anonymität. Heute, wo in sozialen Netzwerken ein nie dagewesener virtueller Austausch der Segler stattfindet, sind reale Begegnungen für das Wohlfühlen wichtig. Und wer sich an einem Ort wohlfühlt, wird den Keim einer entstehenden Gemeinschaft aufnehmen und weiterwachsen lassen.

Wie weit man das treiben kann, zeigte mir ein kanadischer Marinabesitzer am Lake Ontario. Dort gab es Toastbrot, Bagles, Marmelade und frischen Kaffee im Hafenbüro. Etwa 15 Segler kamen jeden Morgen dazu. Als Gastlieger kannte ich bereits nach einem Tag viele Segler im Hafen vom Sehen. Aus dem „Woher, wohin?“-Smalltalk entstanden bis heute bestehende Kontakte.
Auch für die Marina lohnt sich so eine Investition übrigens. Der Hafenbetreiber erklärte mir damals, dass es für ihn nicht nur Kundenbindung sei. Er stand auch viel besser mit Eignern in Kontakt, die ihm nun von Problemen im Hafen berichteten, bevor sie wirklich zum Tragen kamen.

Vor allem in skandinavischen Häfen hat man das früh erkannt und sich bis heute einen guten Ruf mit einfachen, aber liebevoll eingerichteten Aufenthaltsräumen erarbeitet. Die sind ein Segen für Familien, wenn es an Bord während eines regnerischen Hafentags immer enger zu werden scheint. Gerade in Zeiten völlig unterschiedlicher Altersstrukturen haben Marinas mit Familienangeboten eine Chance, sich aus der Masse der Häfen abzuheben: Ein Bollerwagen für den Strandaus­flug, ein flacher Steg zum Krebsfischen sind schnell gemacht und sorgen dafür, dass Gäste immer wieder kommen.

Gemeinsam mit den Seglern kann so ein Umfeld entstehen, in dem man sich mehr denn je gegenseitig hilft. Eine Gemeinschaft, in der man gern segeln geht.

2 Comments

  1. Ein sehr gutes Plädoyer, vor allem die Betrachtung von Helfern und Hilfesuchenden!
    Zwar biete ich gerne Hilfe an und schaue im Hafen bei einlaufenden Booten immer nach, ob da helfende Hände angebracht sein könnten, aber ich werde trotzdem versuchen, aufmerksamer zu sein und vor allem die Ideen für das soziale Miteinander sind ebenso toll wie eigentlich selbstverständlich!

  2. Aus der Seele gesprochen. Seit 10 Monaten besitze ich den ersten eigenen (recht betagten) Kiel nach 2 Jahrzehnten Chartern und Crewjobs. Auch ohne Fremdsprachenkenntnisse hilft Zeichensprache, egal von Anlegemanöver bis Einladung zum Kaffee. Erst kürzlich profitierte ich davon, als eine Motorboot(mit)fahrerin sich auf den Weg machte, um mir 3 Stege entfernt im ansonsten ziemlich menschenleeren Hafen beim Anlegemanöver die Leinen anzunehmen… Ich hab mich einfach nur gefreut! Inzwischen hab ich auch die italienischen Stegnachbarn kennengelernt. Wir helfen uns u.a. mit Google Übersetzer und viel Lachen 🙂

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