Interview: Wie gefährlich ist die Munition in Nord- und Ostsee?

Sechs Fragen an Claus Böttcher vom Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digitalisierung des Landes Schleswig-Holstein (MELUND)

Wann kam das Gros der Munition ins Meer?
Das Gros der Munition gelangte nach dem Zweiten Weltkrieg in die deutsche Nord- und Ostsee. Bis etwa 1948 waren es über eine Million Tonnen. Auch nach dem ersten Weltkrieg wurde insbesondere Kampfstoffmunition im Meer versenkt, die Mengen sind aber nicht vergleichbar.
Auch heute gelangt noch Munition im Zusammenhang mit militärischen Schießübungen der Bundeswehr ins Meer, doch für Übungszwecke wird heute keine ‚scharfe‘ Munition verwendet. Vor allem nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurden große Mengen Munition, auch „Giftgasmunition“ – also Munition gefüllt mit chemischen Kampfstoffen – zur Entwaffnung Deutschlands im Meer versenkt. Ein Teil der Munition wurde jedoch bereits auf der Fahrt dorthin eingebracht, und die Alliierten des Zweiten Weltkrieges haben auch einen Teil ihrer eigenen Bestände dort ‚entsorgt‘.
Diese Praxis war bis in die 1970er-Jahre üblich. Zusätzlich wird von einer flächenhaften Verteilung von Altmunition aus den Unrein-Gebieten heraus, insbesondere durch die Schleppnetzfischerei, ausgegangen.

Welche Art Munition liegt in Nord- und Ostsee und welche ist besonders problematisch?
Nachweislich befinden sich derzeit bis zu 1,6 Millionen Tonnen konventionelle Munition auf dem Meeresgrund, davon 1,3 Millionen Tonnen in der deutschen Nordsee. Hinzu kommen noch etwa 170.000 Tonnen chemische Munition in der Nordsee und 42.000 bis 65.000 Tonnen in der Ostsee.
Besonders problematisch sind die Bestandteile der chemischen Waffen, die sich im Meerwasser nicht auflösen, hier vor allem ‚Senfgas‘, das am Meeresboden oft radiergummiartige Körper bildet.
Für die deutschen Küsten erscheinen der krebserregende und erbgutschädigende Sprengstoff TNT und der ebenfalls krebserregende Zuschlagstoff ‚Kaisergelb‘ (Hexanitrodiphenylamin) besonders relevant. Diese Chemikalien bilden einen großen Anteil der chemischen Bestandteile konventioneller Munition, wie sie auch recht dicht an den deutschen Küsten am Meeresboden lagert.

Ist das höchste Gefahrenmoment schon erreicht oder müssen wir uns darauf einstellen, dass in den nächsten Jahren noch viel mehr Schadstoffe ins Meer und an den Strand gelangen, weil die Munitionskörper mehr und mehr verrosten, sich in Einzelteile auflösen, an Land gespült werden oder verstärkt Giftstoffe abgeben?
Eine allgemeine Prognose ist hier nicht möglich. Eine rechtliche Verpflichtung zur speziellen Untersuchung der Meeresumwelt auf die Freisetzung von Inhaltsstoffen versenkter Munition besteht nicht. Um die Umweltauswirkungen näher zu erforschen, wurde auch auf Initiative Schleswig-Holsteins das durch den Bund finanzierte Forschungsprojekt UDEMM auf dem Weg gebracht. Ziel ist es, eine Überwachung von munitionsbelasteten Meeresgebieten im generellen, aber auch vor und während einer Kampfmittelbeseitigung zu erreichen.
Eine rechtliche Verpflichtung zur routinemäßigen Überwachung der Meeresumwelt (Monitoring) besteht im Rahmen des Übereinkommens zum Schutz der Meeresumwelt des Nordostatlantiks (OSPAR), des Helsinki-Übereinkommens von 1992 über den Schutz der Meeresumwelt des Ostseegebiets sowie der Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie und der Wasserrahmenrichtlinie der EU zur Beurteilung der Qualität der Meeresumwelt im Allgemeinen.

Es gibt bekannte Seegebiete, in denen Munition gezielt versenkt wurde, sie sollten eigentlich in den Seekarten verzeichnet sein. Trifft das auf alle zu diesem Zweck genutzten Gebiete zu?
Es trifft zu, dass sogenannte Unrein-Gebiete mit dem Zusatz ‚Munition‘ in amtliche Seekarten eingetragen sind. Ob diese vollständig sind, lässt sich derzeit nicht sagen – die 2011 bekannten Seegebiete wurden jedoch eingezeichnet. Bei Untersuchungen zeigte sich aber, dass die Außengrenzen der gemessenen Munitionsbelastung örtlich nicht überall mit den Angaben in der Seekarte übereinstimmen. Bei Messungen der Marine (2012) mit modernster Ortungstechnik im Untersuchungsgebiet Kolberger Heide in der Kieler Bucht zeigte sich beispielsweise, dass die Munitionsbelastung über die in den Seekarten verzeichneten Unrein-Gebiete hinausreicht. Die Messfahrten der Marine erfolgten dabei als Amtshilfe für die damalige Wasser- und Schifffahrtsdirektion Nord. Die Signatur des Unrein-Gebietes ‚Kolberger Heide‘ im amtlichen Seekartenwerk wurde daraufhin wiederholt vergrößert und an die jeweils aktuelle Erkenntnislage angepasst.
Wichtig ist noch, dass ein direkter Zusammenhang zwischen konkreter Gefährdung des Schiffsverkehrs und Altlastenmunition nicht erkennbar ist. Allein durch das Überfahren der Altlastenmunition werden keine Explosionen ausgelöst. Inwieweit das Ankern zu Schadensfällen führen kann, ist durch Ermangelung tatsächlicher eingetretener Vorfälle nicht bewertbar. Es besteht lediglich eine theoretische Wahrscheinlichkeit, dass ein Ankerwurf eine Zündung auslöst. Überwiegend haben die Munitionsteile keine funktionsfähigen Zünder, wie Bergungen gezeigt haben.

Orte, an denen Munition einfach so ins Meer gekippt wurden, gibt es natürlich auch. Sind die meisten davon inzwischen lokalisiert und entsprechend in den Seekarten gekennzeichnet?
Wie oben dargestellt, ist die Kartierung der Munitionsfunde ein laufender Prozess. Bislang sind noch nicht alle Orte erfasst. Wie der Bericht ‚Munitionsbelastung der deutschen Meeresgewässer‘ der Arbeitsgemeinschaft Bund/Länder-Messprogramm für die Meeresumwelt von Nord- und Ostsee zeigt, ist die Informationslage zu der tatsächlichen Munitionsmenge, deren Korrosionszustand und Lage, insbesondere für den Ostseeraum, lückenhaft, und es gibt keine offiziell überprüfte Aufstellung von Unfallereignissen mit Munitionsaltlasten in deutschen Küstengewässern und der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ).

Panikmache ist sicher nicht angesagt, dennoch sollten Segler und Strandspaziergänger aufmerksam sein. Gibt es Tipps, damit sie sich möglichst geringer Gefahr aussetzen?
Vermeintliche Bernsteine sollten zunächst immer in feuerfesten metallenen Behältern, Dosen, Schachteln oder Eimern gesammelt werden, auf keinen Fall aber in eine Tasche der Kleidung gesteckt werden. Entzündet sich der Fund trocken und bei ‚Raumtemperatur‘ nicht, so ist es jedenfalls kein Weißer Phosphor.

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