Interview: Wie genau ist die Wettervorhersage?

Das Wetter ändert sich und macht Prognosen schwieriger. Langfristvorhersagen sind unseriös, sagt Kieler-Woche-Wetterexperte Meeno Schrader. Relative Sicherheit gibt es bei einer Vorhersage von fünf Tagen. Im Interview erklärt der Diplom-Meteorologe, was hinter den Vorhersagen steckt.

Sagen Sie mal, Herr Schrader, gibt es 2019 wieder so einen Jahrhundertsommer wie im vergangenen Jahr?
Das lässt sich natürlich nicht sagen, ich bin ja kein Hellseher oder Glaskugelbeschwörer, und an der Auswertung von Bauernregeln oder Kaffeesatzinterpretationen beteilige ich mich auch nicht. Es ist schon schlimm genug, dass es studierte Meteorologen gibt, die solche Quartalsvorhersagen rausgeben. Das sind dann so allgemeine, ausweichende und konjunktiv durchtränkte Aussagen, die können Sie als Wetterlaie genauso gut niederschreiben. Aber im Ernst: Die Rechenmodelle gucken teilweise bis zu 16 Tage in die Zukunft, und dann wird das Rauschen schon deutlich hörbar. Mithilfe statistischer Verfahren sehen wir maximal vier Wochen in die Zukunft. Dabei kommt auch noch ein sehr vages Bild heraus, wie der Trend sein könnte. Aufgrund des Klimawandels werden genau solche Weitblicke noch schwieriger, als sie ohnehin schon waren. Eines halte ich allerdings für sicher: Sie sagen Jahrhundertsommer, demnach dürfte der nächste erst in 100 Jahren auftreten. Ich bin mir sicher, dass dieser Zeitraum erheblich kürzer ist. Der letzte zurückliegende Jahrhundertsommer war 2003. Ich rechne mit dem nächsten dieser Art in weniger als 15 Jahren.

Ein „Werkzeug“ früherer Wetterprognosen auf dem Land war der hundertjährige Kalender. Sind Zyklen wiederkehrender Wetterperioden über Jahrzente erkennbar, und wenn ja, auf welche Phase könnten wir zusteuern?
Bei allem Respekt gegenüber denjenigen, die den hundertjährigen Kalender zusammengestellt haben. Es war eine Fleißarbeit und immerhin, damals war es die einzige Möglichkeit, Vergangenheitswissen in die sehr nahe Zukunft zu transportieren zu versuchen. Wenn wir gucken, was hiernach im Feburar 2019 hätte passieren sollen, so waren „Schnee und große Kälte“ zu erwarten. In Wirklichkeit hatten wir an etlichen Orten, um gleich mehrere Grad höhere neue Temperaturrekorde – mit positivem Vorzeichen. In Schleswig-Holstein waren es bis zu 18 Grad, das Wasser war in diesem Winter 5 Grad warm und ist bereits im März bei 10 Grad gewesen.
Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob in Zeiten vor dem Klimawandel, also vor 30, 40 Jahren, Wiederkehrzyklen in der Größenordnung von Jahrzehnten beobachtet wurden. Sicher ist, dass der Klimawandel das Potenzial für Wiederkehrszenarien immer mehr mindert oder zumindest stark verändert. Ein Beispiel sind die sogenannten Singularitäten, sowas wie die Eisheiligen, die Schafskälte oder weiße Weihnachten, die eine gewisse statistische Eintrittswahrscheinlichkeit haben. Sie tauchen wohl noch ab und an auf, aber seltener, zeitlich verschoben, oder sie nehmen in der Ausprägung (wie in diesem Jahr die Eisheiligen gleich zwei Kältewellen über fünf Tage direkt hintereinander) skurile Formen an oder verschwinden sogar.


Seit 20 Jahren steht das Unternehmen WetterWelt mit Meeno Schrader für Kompetenz in Sachen Wettervorhersagen. Große Erfolge feierte er als Router der britischen Weltumseglerin Ellen MacArthur. Aber auch diverse Olympiateams „holten“ sich das Wetter aus Kiel. Im kommenden Jahr wird Meeno Schrader bereits seine sechsten Olympischen Spiele betreuen.


Das Wetter wird also chaotischer. Sind Prognosen schwieriger geworden als noch vor einigen Jahren, und wie weit kann man seriös vorausblicken?
Das Wetter ist ja bereits ein Chaos, das zumindest in den ersten fünf bis zehn Tagen (je nach Wetterlage) einigermaßen gut geordnet berechnet werden kann. Ich hatte eingangs ja auch schon Zeiträume von 16 Tage bis ein Monat erwähnt. Zum Verständnis: Ich spreche bereits ab sieben Tagen in der Regel von einem Trend, um die vorhandene Ungenauigkeit auf diese Zeiträume zum Ausdruck zu bringen. Es hängt ohnehin von den verwendeten Rechenmodellen ab, wie gut die Prognose ist. Bei uns bekommt der Kunde z.B. über unsere Törnplanungssoftware SEAMAN PRO Zehn-Tage-Vorhersagen angeboten, aber eben auch Zwei- und vor allem Fünf-Tage-Vorhersagen. Das hier hinterlegte Vorhersagemodell ist das weltweit beste und liefert meist selbst über die fünf Tage noch eine gute, zuverlässige Vorhersage.
Grundsätzlich gilt aber, dass Vorhersagen in dem Bereich, der sehr interessantest ist, z.B. kleinräumige Gewitter und deren Intensitäten, schwieriger sind, wo sie sich denn genau entwickeln und langziehen. Zieht es zwei oder drei Seemeilen an einem vorbei, ist bereits alles okay, und ich kann z.B. auf der Kieler oder der Travemünder Woche Grünes Licht zum Starten geben oder es im Tagesregattaverlauf grün belassen. Wichtig ist hier neben bestimmten Vorhersagetechniken auch eine wachsame und sehr detailierte persönliche Auswertung.

Welchen Einfluss hat eine längerandauernde Trockenheit, wie wir sie im vergangenen Jahr und in diesem Frühjahr hatten, auf die Wetterentwicklungen?
Einen großen Einfluss. Die Trockenheit, an Land wäre der Begriff Dürre zutreffender, verändert ja den gesamten Wasserhaushalt – bis hin zu den Zuflüssen, den großen Flüssen, die auf Niedrigwasser umgeschaltet haben. Sowohl von oben als auch von den Seiten ist signifikant weniger Wasser vorhanden. Die Böden verlieren ihr Wasser, das nun nicht mehr verdunsten kann. Damit fehlt eine wichtige Quelle für die Wolkenbildung und schließlich auch die Entstehung von Regenwolken. So verlieren eben auch manche Fronten ihre Wetterwirksamkeit, fallen plötzlich in sich zusammen. Das habe ich in 2018 und in 2019 bereits oft beobachtet.

In den vergangenen Jahren konnten wir vergleichsweise warme Winter in Europa und dafür eisige Temperaturen in Nordamerika registrieren. Verschieben sich da möglicherweise Klimazonen oder ist es nur eine gesteigerte mediale Wahrnehmung von singulären Ereignissen?
Es gibt einen gewissen Zusammenhang, wenn sich bestimmte Muster in der Höhenströmung einstellen, dann liegen Nordamerika und Europa so phasenverschoben zueinander, dass es dort sehr kalt und bei uns sehr mild ist. Das funktioniert aber auch andersherum. Wie sich das langfristig entwickelt, ist zu beobachten, da durch den Klimawandel auch hier Temperatur- und Salzgehaltsgefüge (Stichwort: Verlangsamung des Golfstroms) und wiederum der Wasserhaushalt (Eisschmelze Arktis) so verändern werden, dass durch die Erderwärmung Kettenreaktionen ausgelöst werden. Heute ist eher noch eine gesteigerte mediale Wahrnehmung, die statistische Signifikanz ist noch nicht abgesichert. Auf baldige Sicht aber werden sich auch hier oben im Norden Klimazonen verschieben, die Erwärmungsraten sind ja gerade in den nordpolaren Breiten mit drei bis fünf Grad gegenüber dem Zustand Ende des 19 Jahrhunderts enorm.

1 Comment

  1. Falsch, Unwahr und in keinster Weise belegt ist die Aussage von Meno Schrader, dass seine Firma das beste Vorhersagemodell der Welt hätte.

    Mehrere Kunden von ihm, die mir pesönlich von ihren Erfahrungen mit seaman pro berichtet haben, sind entäuscht von der Leistung und haben wieder gekündigt, da die Vorhersagen sogar schlechter waren, als die frei zugänglichen Vorhersagemodelle.
    Wer von sich selbst sagt, dass er der Beste ist, kann, muss es aber nicht sein…..
    Marketing und Glaubwürdigkeit stehen hier im Konflickt.
    Beste Grüße
    Marco Haß

Kommentieren
*Pflichtfelder. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht