Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee

Man weiß es, will es aber nicht wahrhaben. Unter den Oberflächen von Nord- und Ostsee ticken Zeitbomben

Als sich der 67-jährige Steinesammler den kleinen Stein im Januar 2014 in die Hosentasche steckt, ahnt er noch nicht, dass er in wenigen Minuten um sein Leben kämpfen wird. Das Fundstück entzündet sich aus dem Nichts, brennt mit 1.300 Grad Celsius und kann mit Wasser nicht mehr gelöscht werden. Denn was sich der Mann am Strand östlich von Kiel in die Tasche steckte, war weder ein Stein noch Bernstein, sondern Weißer Phosphor aus den Brandbomben des Zweiten Weltkriegs. Der Unfall des Steinesammlers reiht sich ein in eine Vielzahl von Vorfällen mit Munitionsresten. In unseren Meeren liegen gigantische Mengen alter Munitionskörper, die während und nach den beiden Weltkriegen dorthin entsorgt wurden. Nach Angaben des Ministeriums für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digitalisierung des Landes Schleswig-Holstein lagern allein in deutschen Meeresgewässern mehr als 1,6 Millionen Tonnen konventioneller Munition. (Stand: August 2017), davon circa 1,3 Millionen Tonnen in der Nordsee, der Rest in der Ostsee. Verladen auf einen Güterzug wäre dieser mehr als 3.000 Kilometer lang und würde von der Spree in Berlin bis an den Nil in Ägypten reichen.

Jahrzehnte hat die Regierung weggeschaut oder das Problem verdrängt, obwohl längst bekannt war, dass große Gefahren von den Munitionsaltlasten ausgehen. Für die zögerliche Problemlösung gibt es viele Gründe. Trefflichster: Die Aufgabe war und ist riesengroß und schwer zu bewältigen, wie an einem Beispiel deutlich wird. Allein im Versenkungsgebiet Kolberger Heide vor Heidkate, wo die Wassertiefe rund 20 Meter beträgt, stapeln sich Minen bis zu einer Höhe von sechs Metern. Die Sprengkörper wurden nach dem Zweiten Weltkrieg einfach mit Schuten dort hingebracht und abgekippt.

In der Kieler Bucht wurde nach dem Krieg besonders viel Munition versenkt (Bild: Jan Bindseil)

Viel zu viel

Zunächst hoffte man wohl, dass Kampfmittel, einmal im Meer versenkt, auf immer und ewig keinen Schaden mehr anrichten würden. Außerdem sorgten Tauchteams vom Kampfmittelräumdienst dafür, dass zumindest die Häfen größtenteils bombenfrei wurden. Und bekannte Versenkungsareale erhielten entsprechende Warnhinweise. Eine systematische, flächendeckende Räumung fand bislang allerdings nicht statt. Zu zeit- und kostenaufwendig und technisch schwer lösbar. Das Problem: Suche und Räumung selbst stellten (und stellen immer noch) große Gefahren für Taucher und Umwelt dar. Und die Suche wird immer umfangreicher, weil sich die abgekippte Munition durch Zerfall, Meeresströmungen und Schleppnetze über immer größere Flächen verteilt.

Doch spätestens seit Strandurlauber nicht mehr unbeschwert nach Bernstein suchen können, weil sie Angst haben müssen, die goldgelben Klumpen mit Weißem Phosphor zu verwechseln, ist klar: Die Vogel-Strauß-Taktik, die die Verantwortlichen seit Jahrzehnten an den Tag legen, darf nicht mehr weiterverfolgt werden, denn unter Wasser tickt eine Zeitbombe. Niemand weiß, wann sie zündet, wie groß ihre Sprengkraft ist und was für Gifte sie weiterhin ins Meer abgeben wird.

Nach mindestens 70 Jahren im Salzwasser sind viele Munitionsummantelungen durchgerostet oder stehen kurz vor der Auflösung. Zersetzt in Einzelteile metamorphosieren runde Minenkugeln zu Spielbällen für Wellen und Strömungen und nehmen dabei bizarre Formen an, die die Neugier von Strandspaziergängern wecken. Dass es sich um Minenfragmente handelt, die hochgefährlich sein können, wird von vielen nicht erkannt. Vermutet ein Strandspaziergänger aber doch, Munitionsreste entdeckt zu haben, sollte er sich vom Fundort entfernen, andere Strandspaziergänger warnen und schnellstens bei der Polizei, Strandwacht oder Kurverwaltung Bescheid sagen.

Auch Fischer haben ihre liebe Not mit explosivem Beifang. Einmal an Bord, will der Weitertransport wohlüberlegt sein. Einfach zurück ins Meer werfen, geht nicht, denn dabei könnte die Bombe explodieren. Schnellstmöglich im nächsten Hafen abgeben, kommt auch nicht in Frage, weil strengsten verboten, zumindest ohne vorher die Genehmigung der zuständigen Behörde eingeholt zu haben. Abgesehen von den eigentlichen Gefahren, die durch austretende Gase oder durch mögliche Detonationen bestehen, haben die Fischer die Last mit dem Ab- beziehungsweise Weitertransport.

Leider kommt es immer mal wieder vor, dass sich Fischer beim Aufholen des Munitionskörpers durch austretendes Gift oder Giftgas verletzen. In Dänemark gehört deshalb ein entsprechendes Notfall-Set zur Bordausstattung. Generell ist es aber für Laien schwer zu erkennen, mit welcher Art von Giftstoff man es zu tun hat. Sollte sich ein Segler durch einen sehr unglücklichen Zufall verätzen oder verbrennen, beispielsweise weil er beim Anker-auf-Manöver Munitionsreste an Bord gehievt hat, ist er gut beraten, sofort den Rettungsdienst zu informieren und sich beim nächstmöglichen Giftnotdienst Rat einzuholen. Schwere oder gar tödliche Unfälle durch von Altmunition ausgelöste unkontrollierte Explosionen hat es in Deutschland in jüngster Zeit glücklicherweise nicht gegeben, jedoch zahlreiche Verletzungen durch harmlos aussehendes Strandgut.

Direkt am Ausgang eines der größten Yachthäfen an der Ostseeküste erstreckt sich eine große munitionsbelastete Fläche

Fünf vor zwölf

Mit dem heutigen Wissen, dass Rost den meisten Munitionskörpern bereits schwer zugesetzt hat und die dort austretenden Gifte und Sprengstoffe das Wasser langfristig verseuchen, ist schnelles Handeln angesagt. Erste Schritte für eine flächendeckende Deponien-Kartierung und für effektive und umweltschonenden Räum-Methoden sind eingeleitet, doch die bürokratischen Mühlen mahlen bekanntlich langsam.

Vor einigen Jahren hat das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) eine große Studie herausgebracht, die alle damals bekannten Munitions-Lagerstätten und -Mengen erfasste und auf Karten übertrug, wohl wissend, dass im Laufe der kommenden Jahre weitere Gebiete hinzukommen würden. Man weiß, dass Munition auch an Stellen ‚verklappt‘ wurde, die nicht speziell dafür ausgewiesen waren, und diese können natürlich überall liegen. Dafür sprechen regelmäßig auftretende Zufallsfunde, die für zusätzliche Räumaktionen sorgen und die Karten verändern. Ein vollständiges Fundstellenbild wird es sicher niemals geben, denn je länger die Munition im Meer liegt, desto mehr verteilt sie sich leider.

Länderübergreifend

Weitere Studien-Aufgaben betrafen die von den Altlasten ausgehenden Gefahren und mögliche Problemlösungen. Um herauszufinden, wie stark das Wasser in der Nähe großer Munitionsdepots wirklich kontaminiert ist, wurden Versuche mit Muscheln gestartet. Nicht großflächig, sondern zunächst einmal im Versenkungsgebiet Kolberger Heide. Weil man weiß, dass Muscheln nicht nur Nährstoffe, sondern auch giftige Substanzen filtern, hat man nahe der Deponie Netze mit Muscheln angebracht, diese einige Monate im Wasser gelassen und später im Labor auf Schadstoffe untersucht.

Die Altlast-Problematik brennt verständlicherweise auch unseren Nachbarn unter den Nägeln, denn verseuchtes Nord- und Ostseewasser und Phosphorklumpen schwappen nicht nur in Deutschland an die Strände. Weil die Probleme immer deutlicher zutage treten, haben sich Deutschland und seine Anrainer auf eine Zusammenarbeit in Form von länderübergreifendem Monitoring geeinigt. Es soll über die Belastung mit Sprengstoff-Abbauprodukten Auskunft geben. An der Entwicklung arbeitet unter anderem das renommierte Kieler GEOMAR Helmholtz Forschungszentrum mit. Noch ist der Startschuss nicht gefallen, doch die Vorbereitungen laufen bereits.

Einsatz von Robotern

Seit verstärkt Offshore-Windparks gebaut werden, wird auch verstärkt in die Entwicklung von Robotern investiert. Für Baufirmen ist es teuer, den Meeresgrund allein durch Taucher absuchen und unter großen Sicherheitsvorkehrungen sprengen zu lassen. Effektiver arbeiten sogenannte Remotely Operated Vehicles (ROV). Dabei handelt es sich um ferngesteuerte Unterwasserfahrzeuge, die alte Munition aufsammeln und abtransportieren können.

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