Nadelöhr Nord-Ostsee-Kanal

Kaum irgendwo in unseren Revieren treffen Berufs- und Sportschifffahrt auf so engem Raum zusammen wie rund um den Nord-Ostsee-Kanal. Doch Hilfestellungen für Sportskipper sind rar. Ein Profi gibt Tipps

Herr Westphal, Sie sind eine an der Küste seltene Mischung: Berufs- und Sportbootskipper. Sie kennen also beide Seiten, und sie arbeiten vor Brunsbüttel auf der Elbe. Was erleben sie dort in der Wassersportsaison?
Nur zu oft erlebe ich in beiden Kreisen Unwissenheit und Unverständnis über die jeweils andere Seite. Vielleicht ist das vergleichbar mit Truckern und Autofahrern. Sowohl auf der Straße als auch auf dem Wasser führt dieses gegenseitige Unwissen zu teilweise sehr gefährlichen Situationen.

Sven Westphal fährt Lotsenversetzboote auf der Elbe und segelt in seiner Freizeit eine Marieholm 26 (Bild: Sven Westphal)

Woran zeigt sich das Unverständnis der Berufsschiffer für die Sportbootskipper?
Ob jemand auf seiner Brücke schimpft, bekommt ja niemand mit. Jedoch sind auch mal Kommentare im Funk zu hören, die nicht nur gegen die Funkdisziplin verstoßen, sondern einen ohnehin schon angespannten Sportskipper nicht gerade zum Besseren beeinflussen.

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Wie sieht es auf der Seite der Sportbootskipper aus?
Es wird mit den falschen VHF-Kanälen hantiert, Boote kreuzen mitten über die Schleusenzufahrtswege und viele dümpeln mitten vor dem oder sogar im Vorhafen der großen neuen oder kleinen alten Schleusen. Ohne Übertreibung kann man hier teilweise von Lebensgefahr sprechen.

Der Reihe nach: Woher weiß der Sportbootskipper die richtigen VHF-Kanäle für den NOK?
Die richtigen Kanäle stehen nicht nur in den Handbüchern, sondern sind auch in den meisten Seekarten eingetragen.

Nehmen wir mal an, der Skipper hat nicht in die Karte geguckt oder einfach vergessen, sich die VHF-Kanäle zu notieren. Hat er vor Ort im Stress noch eine Chance, sich über die richtigen Kanäle zu informieren?
Leider beginnt das Problem oft schon ab der Schlüsseltonne. Da wird mit aller Kraft am Kanal 16 festgehalten. Hier erreicht man allerdings eher Bremen Rescue oder andere Yachties. Die Verkehrslenkung ist von Tonne 1 bis 53 auf Kanal 71 und ab da auf Kanal 68 zu erreichen. Um einen Überblick über die Verkehrssituation zu behalten, sollte man hier auf jeden Fall dabei sein. Wer dennoch auf Kanal 16 bleiben möchte, dem sei die Dual-Watch-Funktion seines Funkgerätes angeraten.
Nebenbei kann man die Verkehrslenkung auch als Yachtie um Hilfe bitten, wenn man zum Beispiel das Fahrwasser kreuzen will und sich nicht sicher ist, wohin die Schifffahrt aus den Schleusen oder hinter einem gerade will. Lieber einmal zu viel gefragt, als eine große Einheit zu einem gefährlichen Notstopp zu zwingen.

Zum nächsten Punkt: Woher weiß der Sportbootskipper, wo die Schleusenzufahrtswege verlaufen und wo er sich aufhalten darf?
Da sind wir wieder bei den Handbüchern und Seekarten. Und hier gibt es trauriger Weise auch keine echte Alternative. Am Molenkopf 4 in Brunsbüttel hängt ein einziges nicht aussagekräftiges Schild. Es ist völlig veraltet. Die Kennungsbezeichnung ‚Ubr weiß‘ gibt es schon sehr lange nicht mehr und heißt heute internationalisiert ‚Occ‘. Zudem fehlt mindestens ein englischsprachiger Text. Aber wie dem auch sei: Der Wartebereich für Sportboote ist östlich der Linie Mole 1 – Tonne 60.

Wer von der Nordsee kommt, muss doch die Zufahrtswege kreuzen, um zur Wartezone zu gelangen.
Völlig richtig. Am stressärmsten ist es, schon ab der Kugelbake hinter dem roten Tonnenstrich zu fahren, also auf der Nordseite der Elbe. Aber auch auf der Nordwestreede ist viel los. Die Zugänge zu den Schleusen bekommen hier ihre Kanallotsen, sie drehen eventuell gegen den Strom, um auf ihre Schleuse zu warten oder gehen vor Anker. Hier bleibt man möglichst weit unter Land, um der Berufsschifffahrt aus dem Kinken zu gehen.
Wer die Elbe auf der grünen Seite aufkommt, der kann von der Südreede direkt zur Wartestelle auf der Nordostreede. Aber auch hier gilt: den Rundumblick für die Schifffahrt nicht verlieren. Auch auf dieser Reede werden Schiffe von Lotsenversetzbooten angefahren, Schiffe gehen vor Anker, Verkehr vom oder zum Elbehafen kreuzt die Reede.

An der Einfahrt zum NOK ist einiges los. Bei der Annäherung an die Wartezone sollte der Funk immer abgehört werden (Bild: Jan Bindseil)

Was ist das Problem damit, sich vor dem oder im Vorhafen aufzuhalten? Ist der nicht zum Warten da?
Abgesehen von der trägen Manövrierfähigkeit größerer Schiffe ist zu bedenken, dass diese durch den zeitweise sehr beachtlichen Strom auf der Elbe gezwungen sind, eine bestimmte Geschwindigkeit zu laufen. Ansonsten würden sie sich im Stromschnitt der Vorhäfen drehen und in der Böschung landen. Nicht zuletzt darum ist der Aufenthalt in den Vorhäfen nur nach Aufforderung erlaubt.

Sie haben bisher von der Einfahrt in den NOK in Brunsbüttel gesprochen. Wie sieht es denn bei der Ausfahrt in Brunsbüttel aus?
Hier ist es für alle Beteiligten sehr hilfreich, sich erst einmal auf den Reeden von den Schleusen zu entfernen. Da die Sportboote als erste aus den Schleusen ausfahren, laufen sie Gefahr, einen Moment später von den Großen eingeholt zu werden. Denn wenn die erst einmal in Fahrt sind, sind sie deutlich schneller als jedes Sportboot. Wer dann segelsetzender Weise die Elbe kreuzt, wird fast zwangsläufig zum Verkehrshindernis.

In Kiel-Holtenau steht ja kein Strom. Ist die Situation dort besser?
In Holtenau ist die Situation tatsächlich etwas entspannter. Seit ein paar Jahren noch verstärkt, weil die alten Schleusen außer Betrieb sind und damit der Wartebereich größer ist. Aber auch hier gilt: Funkgerät auf Kanal 12, Kielkanal 4 rufen und erst nach Aufforderung die Schleuse anlaufen.

Was sollten Sportbootskipper beim Schleusen mit der Berufsschifffahrt generell beachten?
Wenn die Berufsschiffe fest sind, dann werden die Sportboote rein und nach vorne gelassen, da sie ja als erste auslaufen sollen. Gerade bei Schiffen mit Verstellpropellern drehen die Schrauben weiter und sorgen zum Teil für beachtliche Strömungen. Wenn die Tore aufgehen, die Kammer zügig verlassen. Wer erst anfängt, seine Festmacher und Fender zu sortieren, wenn die Tore schon weit offenstehen, der zieht mit Sicherheit den Unmut anderer auf sich.

Was sollten Sportskipper sich unbedingt über die Berufsschifffahrt im NOK und in seinen Zufahrten merken, damit sie die Passage sicher meistern?
Es ist vor jeder Passage hilfreich, sich mit der grundsätzlichen Verkehrssituation vertraut zu machen: Von wo nach wo fahren Schiffe, gerade auf der Elbeseite. Alle Berufsschiffe fahren unter Zeitdruck. Ein Bulkcarrier im Ballast ohne Bugstrahl kann einfach nicht manövrieren wie eine Motoryacht. Darum sind Sicherheitsabstände rund um die Schiffe wichtig.

Und was können Sportbootskipper selbst tun, um sich nicht in Gefahr zu bringen?
Das besondere am NOK ist das sehr dichte und unmittelbare Zusammenkommen von Berufs- und Sportschifffahrt. Wer die Berufsschifffahrt beobachtet – und dabei kann auch das Mithören auf den entsprechenden Funkkanälen gut helfen – der wird vielleicht die eine oder andere Situation im Voraus kommen sehen.
Rechthaberei ist fehl am Platz. Sportboote sind die Schwächeren und so sollten sie sich defensiv verhalten.
Aufgestoppte Schiffe in den Weichen können die meisten Sportboote übrigens auch hinter den Dalben passieren. Das schützt einen selber und sorgt für ruhigen Puls bei Lotsen und Besatzungen der Berufsschiffe.

Unter welchen Umständen sind die Weichensignale überhaupt von Bedeutung für die Sportskipper?
Im Grunde ist das sehr einfach: Nur wenn alle Lampen rot zeigen, dürfen Sportboote nicht aus der Weiche auslaufen. In sehr seltenen Fällen kann einem auch ein rotes Funkelfeuer das Einfahren in die Weiche verbieten. Es kann allerdings nur von Nutzen sein, auch die Signale und zugehörigen Verkehrsgruppen der Berufsschifffahrt zu kennen. So weiß ich schon im Voraus, welcher der großen Pötte gleich aufstoppen oder sich in Bewegung setzen wird.

Was erwarten Sie vom Betreiber des NOK, um gefährliche Situationen gar nicht erst auftreten zu lassen?
Auf der Kieler Seite gibt es eine leuchtende Lauftextanzeige für aktuelle Informationen am Warteplatz für Sportboote. So ein relativ einfaches Mittel könnte bestimmt auch in Brunsbüttel eine Menge Probleme mildern. Wenn dann das Schleusenpersonal auch noch gut mit der englischen Sprache vertraut wäre, würde sich der Kaiser-Wilhelm-Kanal dem 21. Jahrhundert ein gutes Stück annähern.

1 Comment

  1. meine Beobachtung ist, daß sich die meisten Sportboote regelkonform verhalten, auch wenn manchmal in der Tat der Blick in die Handbücher und Seekarten Fragen über Funk vermeiden würde. Allerdings ist des öfteren der Umgang des Schleusenpersonals mit den “Kunden” unterirdisch. Nicht zum ersten Mal verlor ich gerade wieder in Kiel beim Ausschleusen 2,5 Std. mit unnötigem Warten (owohl kaum Berufssschiffahrtsverkehr war), und habe dabei den Eindruck, daß einige Schleusenmeister einen regelrechten Haß auf Sportboote ausleben:
    Nachdem schon eine Ausschleusung mit einem Bulkcarrier und einem Kümo dahinter ohne Sportboote durchgeführt worden war (obwohl die 5 wartenden Boote problemlos am Bulker vorbei hätten nach vorne fahren können), wurde nach 1,5 Std. die nächste Schleuse erst für das Dampfschiff Freya und dann für die Sportboote freigegeben. Alle fuhren ein, das Tor zum Kanal schloss sich, und es passierte nichts. Die andere Schleuse war mittlerweile auch zum Kanal offen und es näherte sich ein weiterer Bulker – langsam. Ich fragte mich, ob die Schleusen wohl irgendwie zusammenhängen, kam aber auf keine logische Erklärung. Es vergingen wohl so 45 min, der Bulker war inzwischen fest, das Tor zum Kanal aber noch offen, da kam vom Schleusenpersonal die lapidare Ankündigung, man würde jetzt doch das Tor zur Förde mal öffnen. Keine Erklärung, keine Kommunikation warum wir so lange warten mußten. Aus den Durchsagen auf der Freya war auch ein gewisser Unmut der Passagiere herauszuhören.
    Und noch ein Punkt: sowohl bei unserer Schleusung, als auch bei der Schleusung in die andere Richtung davor wurden die Sportboote gegen die Regel nicht zuerst ausfahren gelassen, was der Kümo über Funk auch kurz kommentierte. Er hatte offenbar Angst um die Sportboote in seinem Schraubenwasser. Auch als die Freya ausfuhr wurden die Sportboote vom Schraubenwasser am Steg durcheinandergewürfelt.
    Es gibt aber auch andere Schleusenmeister, die sehr nett sind und auch mal ein Sportboote allein durch die großen Schleusen nehmen.
    Bei der angespannten Lage in Kiel durch den Wegfall der alten Schleusen sollten die “Sportboothasser” einmal auf ihre Funktion als Dienstleister im Kiel Canal hingewiesen werden. Sie sind in der heutigen Zeit nicht mehr der verlängerte Arm der Obrigkeit im Kaiser-Wilhelm-Kanal.
    Mit freundlichem Gruß

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