Wassereinbruch: Methoden der Leckabwehr im Test

Auf See können herausgefallene Propellerwellen oder gebrochene Seeventile den Untergang des Schiffes bedeuten – wenn die Crew mit der Situation überfordert ist. Aber wie kann man sich im Falle eines Lecks am besten helfen? Wir haben verschiedene Leckabwehrmethoden am Steg getestet

Ein harter Schlag an der Bordwand, ein knirschendes Geräusch – Bücher fliegen aus den Schapps, das Navigationsbesteck rutscht auf den Boden und in den Schränken zerbirst Geschirr: eine Kollision! Das Gurgeln und Rauschen einströmenden Wassers versetzt die Crew in höchste Alarmbereitschaft, Adrenalin fließt in Strömen. Doch wo ist das Leck? Von wo wird das Schiff geflutet? Erst als eine Wasserlache unter einem Pantryschrank hervorsickert, lässt sich das Leck genauer verorten. Eine aufgerissene Schranktür bringt in den hektischen Sekunden endlich Gewissheit: auf etwa 30 Zentimeter Länge zieht sich ein verzweigter, drei Millimeter breiter Riss durch die Bordwand, Wasser sprudelt ins Boot.

Auf offener See könnte die Stimmung der Crew jetzt in Panik umschlagen – bei unserem Versuch ist alles unter Kontrolle. Der Wassereinbruch findet am Steg und bei ruhiger See statt, mit fernbedienbaren Ventilen ließe er sich jederzeit stoppen. Vielleicht nur 15 Zentimeter hoch sprudelt die Wasserfontäne durch ein faustgroßes Loch im Boden unseres Testschiffes, trotzdem schafft es die elektrische Bilgepumpe nicht, das Wasser schnell genug nach außenbords zu befördern: der Pegel steigt, Bodenbretter schwimmen langsam auf.

Oft jedoch ist die Ursache des Wassereinbruches nicht so klar. Läuft das Boot ohne vorherige Kollision oder Grundberührung voll, muss das Leck schnell lokalisiert werden. Einen ersten Anhaltspunkt gibt eine kurze Geschmacksprobe: schmeckt das Wasser süß, ist im Idealfall nur die Leitung vom Frischwassertank abgesprungen. Ist es salzig, kommt es von draußen. Dann muss man alle Durchlässe, Seeventile, die Saildrive-Manschette oder die Stopfbuchse der Welle checken.

Und Action! Wenn es im Boot nass wird, sind Schnelligkeit und Improvisationstalent gefragt. Als
Erste-Hilfe-Mittel eignet sich fast alles in Reichweite. Spezialprodukte haben aber deutliche Vorteile
(Bild: Gerald Sinschek)

Ist das Leck entdeckt und zugänglich, hilft sofortiger Körpereinsatz: Mit Finger, Hand, Fuß oder Hosenboden kann der Wasserschwall meist schon deutlich reduziert werden. Wenn durch diese Sofort-Maßnahme etwas Ruhe eingekehrt ist, sollte nach Möglichkeit die Form der Leckage ertastet werden, um eine geeignete Methode vorzubereiten. Das Loch selbst sieht man schlecht, während Wasser hindurch sprudelt. Dieser Schritt ist für die Wahl der Dichtmethode überaus hilfreich, wie wir bei unseren Versuchen erkannt haben. Denn ein runder Propfen schließt ein eckiges Loch schlecht und mit einem großen Keil lässt sich ein Riss kaum abdichten. Mit etwas Überlegung spart man sich viele vergebliche oder unzulängliche Dicht-Versuche.

Material für die Leckabwehr findet sich überall an Bord: Lappen, Kissen, Polster, Küchenbretter, spezielle Keile oder Stopfen, Sturmsegel, aber auch Bordmittel aus der Pantry wie Kartoffeln oder Möhren können zum Einsatz kommen. Um ausreichend Druck auf das abgedichtete Leck auszuüben, lässt sich oft ein ausziehbarer und passend eingestellter Bootshaken zwischen der Schadstelle und der Decke oder verschiedenen Einbauten spannen. Je nach Situation darf man dabei keine Rücksicht auf die Unversehrtheit der Einrichtung nehmen: fehlt beispielsweise ein Widerlager, um den Haken zu verkeilen, kann man dieses vielleicht mit einer angeschraubten Leiste schnell erstellen. Ebenso kann es bei der Lecksuche erforderlich sein, Einbauten vollständig oder teilweise zu entfernen, um an das Loch zu gelangen. Notfalls mit der Axt.

Fragen an Richard Jeske von Well Sailing

Was sind die wichtigen ersten Schritte bei der Leckbekämpfung?
1. 2. 3. Pumpen und schöpfen, 4. Salz-/Süßwasserprüfung durchführen, 5. Leck lokalisieren – dabei zuerst die Seeventile, Durchlässe, Stopfbuchse oder Saildrivemanschette prüfen, wenn es keine Kollision gab. Ist das Leck gefunden, sofort „angreifen“. Also mit Körpereinsatz abdichten. Dann erst sollte man nachdenken, wie man das Leck dauerhaft dichten könnte, 6. Lecktrimm (kann das Leck durch eine Veränderung des Trimms an oder gar über die Wasseroberfläche geholt werden, ist viel gewonnen). Die Reihenfolge hängt davon ab, ob die Lage des Lecks bekannt ist. Eventuell wird der Lecktrimm vorgezogen.

Im Voraus über Möglichkeiten der Leckbekämpfung nachzudenken, hilft im Notfall viel

Welche Fehler kann man machen?
Ersteinmal nachdenken und dann handeln ist falsch. Es muss sofort gehandelt werden, weil die Zeit gegen einen arbeitet. Also Pumpen/Trimmen und Suchen möglichst gleichzeitig. Wer pumpt, gewinnt, wer nicht pumpt, hat verloren. Wenn der Wasserspiegel innen die gleiche Höhe wie außen hat, erhöht sich die Chance, den Wassereinbruch in den Griff zu bekommen. Dann nehmen der Wasserdruck und die Zuflussmenge deutlich ab. Dabei darf man den Gesamtüberblick nicht verlieren – einer muss sich trotz der ernsten Lage um die Bootsführung kümmern.

Gibt es ein Universalmittel der Wahl?
Nein, verschiedene Lecks erfordern verschiedene Maßnahmen. Frühstücksbretter, Lappen, Polster, Kissen, das Dichtmittel Stayafloat, Holzpropfen oder der rote Kunststoffkegel – alles kann helfen. In den allermeisten Fällen muss beim Abdichten Druck aufgebaut werden. Man braucht also Stützen wie Bootshaken oder Paddel und Holz, Keile und einen Hammer.

Wie sollte man sich auf den Ernstfall vorbereiten?
Auf jeden Fall praktisch! Dabei auch das Anbringen eines Lecksegels üben. An Bord sollten außerdem Holzkeile, Säge, Axt (zum Zerschlagen der Einrichtung, um das Leck zu lokalisieren) und weitere potenzielle Hilfsmittel vorhanden sein. Psychisch: Sich gedanklich rechtzeitig mit dem Thema auseinandersetzen und ein Training z.B. bei uns absolvieren. Praxis ist alles!

6 Leckabwehrmethoden im Test

So haben wir gestestet: Gemeinsam mit der Segelschule „Well Sailing“ aus Hamburg und dem Yachtversicherer Pantaenius konnten wir ein einmaliges Projekt realisieren: Eine ausgediente Seamaster 27 bildet dabei die Basis für ein Boot, das kontrolliert geflutet werden kann.

Die GFK-Kästen lassen sich ferngesteuert öffnen und schließen (Bild: Gerald Sinschek)

Hierfür wurden drei Leckagen – ein Riss in der Bordwand an Steuerbord in den Pantry-Schränken, ein faustgroßes Loch im Boden unter der ehemaligen Dinette an Backbord sowie ein defekter Borddurchlass für den Wasserzulauf in der Nasszelle – mit von außen vorlaminierten GFK-Kästen gesichert. In diese Kästen sind großlumige Seeventile eingebaut, die sich vom Niedergang und dem Cockpit aus mit Bowdenzügen über Einhebelschaltungen öffnen und schließen lassen. Außerdem ist ein großes Ventil im Vorschiffsbereich unter den Kojenauflagen platziert.

Über die Fernbedienungen kann der Wasserzufluss exakt gesteuert werden. Durch die unterschiedlichen Platzierungen und Formen der Lecks sind Voraussetzungen für verschiedene Abdichtungs-Methoden geschaffen. Um die Leckbekämpfung nicht zu sehr zu erschweren, wurden Einrichtungsgegenstände wie der Tisch, Matratzen oder Pantryausstattung aus dem Boot entfernt.

Brett und Schwammtuch:

Meistens schon an Bord und in jeder gut sortierten Pantry zu finden. Ansonsten für kleines Geld erhältlich.
Fazit: Die bekannte Kombination aus einem Schneidbrett aus Kunststoff oder Holz und einem oder mehreren Lappen hat sich vielseitig einsetzen lassen. Ein Kunststoffbrett bietet durch seine Flexibilität Vorteile, da es sich in gewissem Maße auch an Rundungen in der Bordwand anpassen lässt. In Kombination mit diesem Allerweltshilfsmitteln ist immer etwas zum Festkeilen erforderlich. Zum Beispiel der Bootshaken.

Kartoffel und Möhre:

Gemüse in allen Varianten findet sich – schon auf kurzen Törns – ebenfalls meistens in der Pantry.
Fazit: Härteres Gemüse wie beispielsweise Kartoffeln oder Möhren haben sich bei runden Leckagen wie defekten Borddurchlässe oder Ventilen als sehr gute Lösung offenbart. Wenn der Durchmesser einigermaßen stimmt, sind die Leckstopfen vom Acker schnell per Hand oder mit wenigen Hammerschlägen in das Leck getrieben – und dichteten in unserem Test, ohne ein Tröpchen hindurch zu lassen.

Fock oder spez. Lecksegel:

Zum Beispiel über die Segelwerkstatt Stade, www.segelwerkstatt-stade.de
Fazit: Für größere Leckagen im Vorschiffsbereich kann ein Sturmsegel oder ein speziell angefertigtes Lecksegel mit zahlreichen Ösen und Befestigungspunkten eine Lösung sein. Allerdings erfordert das Anbringen des Tuches gewissen Zeitaufwand und Übung. Insbesondere dann, wenn es sich nicht um ein Spezialsegel handelt, muss man sich Gedanken über die Positionierung der vielleicht unterschiedlich langen Lieken machen.

Holzpropfen:

Zum Beispiel über AWN, www.awn.de
Fazit: Für relativ klar definierte Lecks wie Seeventile, Schlauchanschlüsse oder eine herausgefallene Propellerwelle sind die Holzstöpsel sehr gut geeignet, wenn denn der passende Durchmesser an Bord ist. Die Propfen lassen sich auch gut mit Lappen oder Tüchern kombinieren. An potenziell gefährdeter Stellen sollten sie in unmittelbarer Nähe angebändselt werden, um immer griffbereit zu sein.

Dichtmasse/Stayafloat:

Zum Beispiel über Frisch, www.frisch.de
Fazit: Das wachsähnliche und leicht mit den Fingern formbare Dichtmittel aus den USA hat sich als Universalretter für kaputte Ventile, Risse oder größere Löcher präsentiert. Das Produkt haftet sogar auf nassen, schmutzigen und verölten Flächen. Wenn der Hafen erreicht ist, kann das nicht aushärtende Stayafloat sogar abgekratzt und wiederverwendet werden Eine Dose hiervon sollte für alle Fälle an Bord sein.

Schaumstoffkegel/Truplug:

Zum Beispiel über Sailtec/Forespar, www.sailtec.de
Fazit: Zwiespältig waren die Erlebnisse mit dem flexiblen Schaumstoffkegel. Einerseits ließ er sich so formen, dass nicht nur runde Löcher sicher dicht waren, sondern auch das große Leck im Boden. Andererseits gelang das nicht jedem Crewmitglied im Test. Außerdem ist der Kegel bei vertikaler Anwendung sehr kopflastig und muss fixiert werden; das Hineinstopfen in ein scharfkantiges Bodenloch ist verletzungsträchtig.

Schlussfolgerung

Nicht lange denken, handeln heißt die Devise. Als vielseitig einsetzbar haben wir die Abdichtung mit Lappen oder Schwammtüchern und einem Schneidbrett aus der Pantry erlebt. Egal, ob für das Loch im Boden oder den Riss in der Bordwand: mit einer Möglichkeit zum Verkeilen ließ sich der Wassereinbruch auf ein Minimum reduzieren. Sehr gut funktioniert hat auch das Gemüse am abgebrochenen Ventil. Sowohl mit der Kartoffel als auch mit der Möhre konnte der Ventilstumpf schnell und sicher gestopft werden. Klassische Holzpropfen erfüllen ihren Zweck ebenso. Der Schaumstoffkegel „Truplug“ hat einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen. Er lässt sich für verschiedene Öffnungen verwenden, wenn er passend vorgeformt wird. Bei dem Bodenloch reichten die Ergebnisse von „klappt gar nicht“ bis zu „perfekt dicht“. Wenn Leckposition und Rumpfform es erlauben, ist ein nicht zu großes Vorsegel gut geeignet, um Leckagen im Bugbereich zu schließen. Als sehr guter Allrounder hat sich das wachsähnliche „Stayafloat“ erwiesen: Die formbare Masse haftet sicher auf nassen, glatten und öligen Untergründen. Am besten hat man eine Nottasche mit verschiedenen Materialien griffbereit an Bord, quasi eine „Grab-Bag“ gegen Wassereinbruch. Um auf den Ernstfall vorbereitet zu sein, ist ein Training sinnvoll. Das bietet zum Beispiel die Segelschule „Well Sailing“.

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