Windeffekte an der Küste

An der Küste brist der Wind plötzlich auf, ändert seine Richtung oder verschwindet ganz. Was willkürlich anmutet, folgt Regeln. So können Sie die Windeffekte deuten und für sich nutzen

Statt einer angenehmen Brise kachelt es plötzlich auf die Nase, die Gischt tanzt über das Deck und die Segel schlagen im Wind. Stimmt der Wetterbericht nicht? Oft ist nicht der Wetterfrosch dafür verantwortlich, dass es im Küstenberich plötzlich ganz anders weht, als vorhergesagt. Vielmehr handelt es sich ein lokales Wind-Phänomen wie den Kapeffekt. Wenn es beispielsweise aus West bei Bagenkop um die Südecke von Langeland herum weht, passiert das Gleiche wie am Kap Hoorn: Der Wind verstärkt sich. Für den Weg nach Marstal kann das in der Nähe der Spitze eine Verstärkung von drei auf fünf Beaufort bedeuten. Und wenn dann der Wind hinter der Huck wie zu erwarten nach rechts gebogen wird, kommt der Druck plötzlich genau von vorne.


Inhalt

  1. Der Kapeffekt
  2. Die Düse
  3. Einseitige Stauchung
  4. Land- und Seewind
  5. Konvergenz
  6. Abdeckung

Solche Erlebnisse können vermieden werden. Man muss vor dem Törn nur etwas genauer auf die Seekarte sehen. Gerade dann, wenn man in Landnähe segelt. Also in Revieren, die besonders beliebt sind. Die etwas fürs Auge bieten: Zwischen kleinen Inseln, verwunschenen Buchten, abenteuerlichen Küsten und atemberaubenden Steilhängen. Hier wirken sich Windeffekte besonders aus. Land beeinflusst die Luftbewegung extrem. Sie wird gequetscht, geleitet, getunnelt, muss steigen oder fallen. Besonders durch die rauere Oberfläche im Vergleich zum Wasser kommen die Luftpakete in Schwung. Wenn Wind über Wälder, Wolkenkratzer oder auch das flache Watt streicht, wird die Bewegung stärker abgebremst als über den Wellen. Die Reibung ist größer. Und da die Erde permanent rotiert, wird auch der Luftstrom davon abgelenkt (Corioliskraft).

Dabei geraten nicht nur die großen Druckgebiete in Bewegung, die das Wetter machen – sie können inzwischen beeindruckend genau vorhergesagt werden – auch im Kleinen spielen sie eine Rolle. Hinter Ecken und Kanten bilden sich Wirbel, Flauten oder Böen, die im kleinen Seegebiet von keinem Wetterbericht erfasst werden. Wenn sie einmal groß sind, haben auch diese Windphänomene die Chance, berühmt zu werden. So wie der Düseneffekt zwischen Korsika und Sardinien in der Straße von Bonifacio oder bei Gibraltar zwischen Spanien und Afrika. Dem gleichen Prinzip zufolge wird der Wind zwischen Alpen und Cevennen-Gebirge durch das Rhonetal kanalisiert und stürzt sich dann als Mistral ins Mittelmeer. Diese topographisch verstärkten Phänomene sind in den Wettervorhersagen deutlich als Wind-Verstärkung zu erkennen, wie auch die sturmumtosten großen Kaps.

Aber das Prinzip gilt eben auch für das Segeln im Kleinen. Nur wird es in keinem Wetterbericht erwähnt werden. Schon die Passage der großen Belt Brücke mag überraschen, wenn es verstärkt zwischen den Pfeilern düst. Dann kann das Wissen um die Gesetzmäßigkeiten der Windeffekte vor bösen Überraschungen schützen, zumal sich die Wasserströmung nach den gleichen Prinzipien verhält.

Der Kapeffekt

Der Kapeffekt entsteht an in das Meer hineinragende Landspitzen (Bild: Jan Bindseil)

An jeder kleinen Huk ist der Kapeffekt zu beobachten, wenn sie seitlich vom Wind angeströmt wird. Die Fließrichtung passt sich der Landform an. Dabei kommt es zu einer Ablenkung im Vergleich zum Gradientwind und der Luftstrom wird zusammengepresst. Es sieht aus, wie bei verengten Isobaren. Eine Verstärkung von gut zwei Beaufort kann die Folge sein.
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Die Düse

Gerade in Meerengen weht der Wind oft viel stärker als auf See (Bild: Jan Bindseil)

Den Düseneffekt kann man gut nachvollziehen, weil er nach dem selben Prinzip funktioniert, mit dem man einen Wasserstrahl im zusammengepressten Schlauch beschleunigt. Er tritt auf zwischen Landmassen, die einen engen Spalt aufweisen. Dabei kann der Wind um drei Beaufort zunehmen. Ablandig wird er auch zwischen Felseneinschnitten massiv auf Tempo gebracht und kann Ankerlieger überraschen.
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Einseitige Stauchung

Trifft der Wind auf eine große Landmasse, folgt er in der Regel dem Küstenverlauf (Bild: Jan Bindseil)

Eine Windverstärkung kann auch erfolgen, wenn die Luft einseitig von einer erhöhten Landmasse abgelenkt wird. Das Phänomen ist bei Westwind an der Küste Sardiniens bis zu 16 Meilen nach Luv auf See zu beobachten. Die Luft wird gequetscht, der Strömungsquerschnitt verringert sich, und das führt zu einer Zunahme des Windes.
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Land- und Seewind

Duch unterschiedliche Oberflächentemperaturen entstehen unterschiedliche Luftdrücke – Wind entsteht (Bild: Jan Bindseil)

Der Effekt entsteht, weil sich die Temperatur des Wassers deutlich langsamer ändert als die des Landes. Dadurch kommt es zur sogenannten Land-Seewind-Zirkulation. Am Tag heizt sich das Land schneller auf als das Wasser. Die wärmere Luft dehnt sich aus und steigt wegen ihrer geringeren Dichte auf. Der Mangel wird durch eine auflandige Luftströmung ausgeglichen. Die über dem Wasser fehlende Luft wird aus den oberen Schichten ersetzt. So kommt etwa zur Mittagszeit eine Windzirkulation in Gang, weil dann die Sonne ihre stärkste Kraft entwickelt. Wenn der Seewind aus der gleichen Richtung wie der Gradient weht, kann es zu einer Verstärkung des für den Segler relevanten Windes in Küstennähe kommen. Stehen sie gegeneinander, wird es flau. In der Nacht dreht sich der Effekt um. Das Land kühlt schneller ab.
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Konvergenz

Aufgrund von Reibung und der Erdrotation kann es in Küstennähe Winddreher bis zu 20 Grad geben (Bild: Jan Bindseil)

Bei Windeffekten spielt die verstärkte Reibung der bewegten Luft über Land im Vergleich zum Wasser eine große Rolle. Sie wird durch die rauere Oberfläche gebremst. In Küstennähe kann daraus eine Windrichtungsänderung erfolgen, weil die Corioliskraft durch die Erddrehung Einfluss nimmt. Die Luft über Land und Meer bewegt sich aufeinander zu (konvergiert), wenn parallel zur Küste wehender Rückenwind herrscht und das Land auf der rechten Seite liegt. Der Landwind kann im Vergleich 20 Grad rechts gedreht sein. Die Luftströme nähern sich in Küstennähe an und verstärken sich. Der Effekt reicht bis zu fünf Meilen auf das Wasser. Weht der Wind ins Gesicht, kommt es zur Divergenz. Es wird flauer.
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Abdeckung

An Steilküsten lauern oft heimtückische Fallböen (Bild: Jan Bindseil)

Bei ablandigem Wind kommt es hinter Steilküsten, stark bebauten oder bewachsenen Gebieten zu weitreichenden Abdeckungseffekten. Der Luftstrom wird über der rauen Oberfläche so stark abgebremst, dass er sich dahinter auf dem Wasser deutlich abschwächt. Bei hohen Küsten tritt dieses Phänomen auch auf, weil die Windströmung abreißt, verwirbelt und deutlich verlangsamt. Es gilt die Daumenregel, dass im Abstand der fünffachen Höhe der Küste der Wind nicht einmal mehr halb so stark weht wie draußen auf See. Aufpassen muss man im Bereich der Zone, wo die Windpakete wieder auf das Wasser treffen. Dort können sie unregelmäßig als sogenannte Fallböen einschlagen.
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