Kompletter Medaillensatz für das deutsche Team

Philipp Buhl ist der Mann der Millimeter-Entscheidungen. Vor wenigen Wochen sicherte er sich vor Marseille auf den letzten Metern den Worldcup-Sieg, jetzt wiederholte das deutsche Laser-Ass das Kunststück zur Kieler Woche.

Mit dem Zieldurchgang überholte er den Esten Karl-Martin Rammo und brachte damit das entscheidende Boot zwischen sich und den Briten Elliot Hanson. Damit verdrängte er trotz des siebten Rangs im Medal Race noch Hanson mit einem minimalen Vorsprung von einem Punkt vom Gold-Rang und sicherte sich seinen fünften Sieg zur Kieler Woche.
Gold im Laser für Philipp Buhl. Foto: www.segel-bilder.de / Kieler Woche

Es blieb in den olympischen Disziplinen das einzige deutsche Gold, da direkt im Anschluss an das Laser-Finale die deutschen Skiff-Seglerinnen Tina Lutz/Susann Beucke die top-gesetzten Neuseeländerinnen Alexandra Maloney/Molly Meech nicht mehr angreifen konnten und auch den 470er-Frauen der Weg an die Spitze versperrt blieb. Die 24 Medaillen in den acht olympischen Disziplinen von Kiel wurden an Sportler aus 14 Nationen vergeben. Mit jeweils zweimal Gold setzten sich Neuseeland und Dänemark an die Spitze des Medaillenspiegels. Deutschland und Großbritannien gewannen jeweils einen kompletten Medaillensatz. In den drei internationalen Klassen des zweiten Kieler-Woche-Teils gab es drei deutsche Siege.

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Zufriedenheit zeigten sich nach dem Abschluss der Wettfahrten auf den Gesichtern von Organisatoren und DSV-Verantwortlichen. „Wir konnten die Medal Races noch bei guten Bedingungen segeln, der Einbruch des Windes kam später als befürchtet. Nach einem stürmischen zweiten Teil der Kieler Woche war es dann ein entspanntes Ende“, sagte Dirk Ramhorst. Nach der Kieler Woche werde man in die Manöverkritik gehen, denn die langen Tage haben auch gezeigt, dass das Ehrenamt an seiner Leistungsfähigkeit angelangt sei.

Sportlich freute sich Nadine Stegenwalner, die Sportdirektorin des Deutschen Segler-Verbandes, über den komplettes Medaillensatz: „Das zeigt mit den anderen guten Ergebnissen, dass die Trainer und Sportler gut gearbeitet haben.“ Für die Worlds in Aarhus sei das Ziel nun, möglichst viele Nationenplätze für die Olympischen Spiele 2020 zu ergattern. „Das wird in einigen Klassen eine echte Herausforderung.

Olympische Klassen:

49erFX Frauen: Die Hoffnung auf ein erneutes Gold vor Kiel erhielt für Tina Lutz/Susann Beucke, die Kieler-Woche-Siegerinnen von 2013 und 2016, feste Nahrung, als sie nach der ersten Runde des Medal Races die Neuseeländerinnen Alexandra Maloney/Molly Meech hinter sich lassen konnten. Doch beim zweiten Aufkreuzen gaben sie die Kontrolle aus der Hand. Maloney/Meech segelten den größten Speed im Feld, arbeiteten sich noch bis auf Rang zwei in dieser Wettfahrt vor und feierten somit eine gelungene Vorbereitung für den Showdown bei der Weltmeisterschaft in Aarhus im August. „Es war großartig, hier zu sein und gegen das große Feld zu segeln. Es war eine gute WM-Vorbereitung unter anspruchsvollen Bedingungen“, sagte Alexandra Maloney. Molly Meech ergänzte: „Wir sind rausgegangen, um das Rennen zu gewinnen, und sind sehr zufrieden.“ Lutz/Beucke freuten sich schließlich, als Sechste des Medal Races noch die Silbermedaille vor den Schwedinnen Julia Gross/Hanna Klinga verteidigt zu haben. „Ich bin zufrieden. Jetzt werden wir uns runterfahren und dann auf die EM und WM vorbereiten“, sagt Tina Lutz. Ihre Vorschoterin Susann Beucke hätte zwar gern noch die Neuseeländerinnen angegriffen, konnte dann aber auch mit dem Ergebnis gut leben: „Vor der Kieler Woche habe ich gesagt, dass ein Platz in den Top-5 gut ist, denn das Feld war so gut wie bei einer WM.“

Tina Lutz/Susann Beucke freuten sich über die Silbermedaille. Foto: segel-bilder.de (Bild: Christian Beeck © segel-bilder.de)

49er Männer: Mit einer unspektakulären, aber souveränen Leistung brachten die Dänen Jonas Warrer/Jakob Precht Jensen ihre Führung ins Ziel. Im Medal Race, das bei den Skiffs ohne deutsche Beteiligung stattfand, waren sie zu jeder Phase in der Lage, die spanischen Kontrahenten zu kontrollieren. Ein dritter Platz in dieser Wettfahrt reichte schließlich, um den Gold-Rang zu verteidigen. „Ich kenne die Bedingungen hier sehr gut, bin wohl schon 20 Mal hier gewesen“, sagte Jonas Warrer, der Olympiasieger von 2008, und ergänzte: „Kiel ist so etwas wie mein zweites Zuhause.“ Umstellen musste er sich zu dieser Saison dennoch. Denn mit dem 19-jährigen Precht Jensen segelt er erst in der dritten Regatta zusammen. Trotz des Erfolges zur Kieler Woche bleibt das Duo in Hinblick auf die Worlds auf seinem Heimatrevier in Aarhus zurückhaltend. „Wir wollen dort ins Medal Race. Aber hier zu gewinnen, ist natürlich eine tolle Sache“, so Precht Jensen. Silber ging nach Spanien an Federico Alonso/Arturo Alonso Tellechea, Bronze nach Polen Lukasz Przybytek/Pawel Kolodzinski.

470er Frauen: Die Entscheidung bei den 470er-Frauen wurde zu einer Rechnung mit vielen Unbekannten. Denn mit dem Start ging die Flagge für Einzelrückruf hoch. Doch kein Team fühlte sich angesprochen, wieder hinter die Startlinie zurückzusegeln, um einen Frühstart zu bereinigen. So segelten die Polinnen Agnieszka Skrzypulec/Jolanta Ogar und die Schwedinnen Olivia Bergström/Lovisa Karlsson munter mit, um schließlich im Ziel zu erfahren, dass sie zu früh über die Linie waren. Diese Ungewissheit führte aber auch im weiteren Feld zu Zurückhaltung ob der Endergebnisse. Die Spanierinnen Silvia Mas/Patricio Cantero fuhren ohne Jubel hinter dem polnischen Duo über die Ziellinie. Erst nach einigen Minuten konnten sie den Kieler-Woche-Sieg feiern: „Wir wussten nicht, wer den Frühstart hatte, daher mussten wir noch warten“, so die spanische Steuerfrau, die sich über ihren ersten Sieg überhaupt in einem Seniorenfeld der 470er freute. Allerdings hat sie an Kiel beste Erinnerungen. Vor zwei Jahren gewann sie hier die WM-Goldmedaille der Junioren. Silber ging an die Griechinnen Maria Bozi/Rafailina Klonaridou, und durch die Frühstarts der anderen Teams rückten noch Nadine Böhm/Ann-Christin Goliaß auf Rang drei vor. „Unser Start war bescheiden und wir mussten das Feld von hinten aufrollen. Unser Vormwind-Speed hat sich am Ende ausgezahlt“, sagte Ann-Christin Goliaß. Steuerfrau Nadine Böhm legte die Marschroute für die kommenden Wochen fest: „Starten üben!“

Nadine Böhm/Ann-Christin Goliaß bissen sich im letzten rennen noch zur Bronzemedaille durch. Foto: segel-bilder.de (Bild: Christian Beeck © segel-bilder.de)

470er Männer: Der Hauch eines deutschen Sieges schwang beim 470er-Erfolg von Mathew Belcher/Will Ryan aus Australien mit. Belcher hat mit der ehemaligen 470er-Seglerin Friederike Belcher nicht nur eine deutsche Ehefrau, sondern startet auch für den NRV Hamburg. Gemeinsam mit seinem Partner Will Ryan landete der Olympiasieger von 2012 in der letzten Wettfahrt auf der Kieler Außenförde den großen Coup. Während die schwedischen Europameister Anton Dahlberg/Fredrik Bergström als Achte des Medal Races strauchelten, passierten Belcher/Ryan die Ziellinie als Erste und machten damit aus einem Drei-Punkte-Rückstand auf die Schweden einen Elf-Punkte-Vorsprung. Bronze ging an die Franzosen Kevin Peponnet/Jeremie Mion. Simon Diesch/Philipp Autenrieth kletterten zum Abschluss noch auf Rang sechs.

Finn Männer: Das Abschlussrennen der Finns brachte das Klassement der athletischen Segler noch einmal kräftig durcheinander. Ed Wrigth, der sich am Vortag zurück in die Top-Position gebracht hatte, brachte die Vorgabe nicht ins Ziel. Stattdessen rutschte der Brite durch einen achten Platz zum Abschluss auf Rang drei ab. Josh Junior (Neuseeland) nutzte die Chance, um den 40-Jährigen seinen möglichen dritten Sieg vor Kiel zu entreißen, und sich selbst das Gold zu sichern. Mit Anders Pedersen landete auf Rang zwei ein Norweger, der sich im Verlaufe der Serie meist vornehm zurückgehalten hatte. Als bester Deutscher hatte Phillip Kasüske auf Rang 13 das Finale knapp verpasst.

Laser Radial Frauen: Im letzten Rennen der Serie rief Svenja Weger als einzige Deutsche im Finale ihr bestes Ergebnis ab. Mit dem zweiten Platz im Medal Race kletterte die Kielerin noch auf Platz fünf und lag nur knapp hinter den Medaillenplätzen. Wie eng die gesamte Flotte beieinander lag, zeigte sich auch in der Person von Maxime Jonker. Die Niederländerin hatte das Feld in der Vorrunde durch fünf Siege in Folge souverän angeführt. Als die stärksten Starterinnen dann aber in der Goldflotte zusammenkamen, konnte sie diese Ergebnisse nicht mehr landen und nur noch knapp die Führung in das Medal Race retten. Dort war sie dann aber chancenlos, wurde Letzte der zehn Besten und musste damit ohne Kieler-Woche-Plakette nach Hause fahren. Die Dänin Anne-Marie Rindom sicherte sich dagegen Gold mit dem Sieg im Finale vor der Norwegerin Line Flem Höst und Josefin Olsson aus Schweden.

Laser Standard Männer: Das erwartete Match-Race-Duell zwischen dem Briten Hanson und Philipp Buhl blieb im finalen Rennen zunächst aus. Nach dem Start trennten sich die Wege der beiden Gold-Konkurrenten, die sich lediglich aus der Ferne belauerten. Der Vorteil lag in der ersten Runde beim Deutschen. Doch auf der zweiten Kreuz gab er die Trumpf-Karten aus der Hand. Die Wahl der rechten Seite erwies sich als Missgriff. Nur noch direkt vor dem Briten auf dem vorletzten Platz des zehn Boote großen Feldes konnte sich Buhl um die Bahnmarke retten und war damit auf Hilfe von außen angewiesen, um noch einen Angriff starten zu können. „Ich hätte zum Abschluss gern ein besseres Rennen gesegelt, als hinter dem Feld hinterher zu fahren“, sagte Buhl. Doch er gab die Hoffnung auf seine Chance nicht auf – und bekam sie, als der Kroate Tonci Stipanovic kurz vor der letzten Bahnmarke kenterte und der Este Karl-Martin Rammo kurz darauf einen Penalty aufgebrummt bekam. „Dass ich durch die Einflüsse der Jury noch eine Chance bekomme, darauf will ich mich eigentlich nicht verlassen. Aber es ist immer möglich, dass jemand eine gelbe Flagge bekommt, und das ist passiert. Ich hatte so eine Möglichkeit immer im Kopf.“ Diese Situationen öffneten die Tür zum Sieg nur um wenige Millimeter, doch Buhl schlüpfte hindurch, passierte Rammo mit dem Zieldurchgang, gewann damit die entscheidenden Punkte und geht nun mit breitem Selbstvertrauen in die Worlds von Aarhus. „Die Vorbereitung auf Aarhus ist sehr gut gelungen – unabhängig von Platz eins oder zwei hier. Zwei Generalproben gewonnen zu haben, gibt Selbstbewusstsein.“ Silber ging an Hanson, Bronze an Filip Jurisic (Kroatien).

Nacra17: Ein Wechselspiel auf Foils lieferten die Nacra17-Katamarane ab. Mit Abstürzen von den Foils, Tonnenberührung und ständigem Führungswechsel boten die Mixed-Teams noch mal eine bunte Palette ihres Sports. Und alles kumulierte an der letzten Luvtonne: Der Spanier Iker Martinez flog auf den Foils an die Dänen Cenholt/Lübeck heran, setzte eine enge Wende an der Tonne und schien zu entschwinden. Die Dänen blieben dagegen an der Bahnmarke hängen und mussten einen Extrakringel drehen. Den Sieg allerdings konnte Iker Martinez nicht feiern, denn auf dem letzten Kurs zeigten die US-Amerikaner Gibbs/Chafee die beste Flugshow und sicherten sich diesen Etappensieg. Im Medaillenrennen spielten Amerikaner, Spanier und Dänen indes keine Rolle. Die Briten John Gimson/Anna Burnet retteten sich trotz eines sechsten Platz im Finale zu Gold vor Jason Waterhouse/Lisa Darmanin (Australien) und den Kieler-Woche-Titelverteidigern Thomas Zajac/Barbara Matz (Österreich).

Internationale Klassen:

420er: In der Qualifikationsphase sah es unter den rund 100 Teams der jugendlich geprägten 420er-Klasse noch nach einer US-amerikanischen Dominanz aus. Doch in den fünf Wettfahrten der Finalrunde rückten Felix Kaiser/Jonas Royla (Bayerischer YC) diesen Eindruck zurecht. Nach drei Siegen und einem siebten Rang konnten sie sich zum Abschluss als Neunte sogar ihr Streichresultat erlauben, um die internationale Konkurrenz aus acht Nationen auf Distanz zu halten. Die US-Duos Hermus/Henry, Hall/Gavula sowie Cowles/Cowles folgten kompakt auf den nächsten Plätzen.

J/70: Ein hanseatischer Kampf auf absoluter Augenhöhe gab es bei den J/70. Nach neun Wettfahrten waren die Crews um Björn Beilken (Bremen) und Michael Grau (Hamburg) punktgleich, hatten jeweils in der Abschlusswettfahrt ihren Streicher eingefahren und ließen sich nur durch die größere Anzahl an Wettfahrtsiegen (3 gegenüber 2 für Beilken) voneinander unterscheiden. Für Beilken und Crew hieß es in der Abschlusswettfahrt: zittern, rechnen, hoffen! Nach dem Start auf der linken Seite näherte sich von rechts eine Front, und das Gros der Flotte von 45 Booten zog durch. „An der Luvtonne haben wir dann keine Lücke gefunden“, berichtete Bernd Beilken von der Zitterpartie, die für die Bremer letztlich aber gut ausging, da auch die Hamburger Konkurrenten nicht weit genug nach vorn fahren konnten. „Wir wussten schon, dass wir vorn mitfahren können. Letztes Jahr waren wir aber noch im letzten Rennen aus den Podiumsplätzen gefallen. Daher hatten wir noch eine Rechnung offen mit der Kieler Woche. Die ist jetzt beglichen.“ Den dritten Platz nahm durch die Blankeneser um Tobias Feuerherdt eine weitere Hamburger Mannschaft ein.

J/80: Wie in den vergangenen acht Jahren war die Spitze der J/80 durch die Mannschaft von Martin Menzner besetzt. Doch diesmal musste sich die Mannschaft des Kieler YC auf dem Revier vor der eigenen Haustür ordentlich strecken. Denn mit Arne Wilcken vom Schilkseer YC kam die Konkurrenz am letzten Tag bis auf einen Punkt heran. Die weiteren Gegner hielten da schon mehr Respektsabstand. Klassenboss Torsten Voss aus Flensburg landete schließlich auf dem dritten Platz.

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