Mehr als ein Dutzend Nationen hofft auf Kieler-Woche-Medaillen

Es dauerte ein bisschen, bis das Segelprogramm von Schilksee am vorletzten Tag der Kieler Woche an Fahrt aufnahm. Der nächtliche Sturm mit über 40 Knoten Wind am Kieler Leuchtturm zeigte noch seine Nachwirkungen.

Erst gegen Mittag hatte sich das Geschehen auf dem Wasser soweit beruhigt, dass im Wechsel auf fünf Bahnen gesegelt werden konnte. Für die deutschen Crews lief der Tag nicht wunschgemäß. Vor den finalen Medal Races liegen lediglich Laser-Ass Philipp Buhl und die 49er-Frauen Tina Lutz/Susann Beucke auf einem Medaillenplatz. Chancen auf das Siegertreppchen gibt es allerdings noch bei den 470er-Frauen. 14 Nationen stehen nach dem Abschluss der Samstagswettfahrten unter den Top-Drei in den acht olympischen Disziplinen vor Kiel.

49er: Das Medal Race der 49er wird am Sonntag ohne deutsche Beteiligung gesegelt. In den beiden finalen Rennen der Finalrunde konnten Erik Heil/Thomas Plößel ihre Top-Ten-Platzierung nicht halten und rutschten auf Rang elf ab. Die besten Karten auf den Kieler-Woche-Sieg halten die Dänen Jonas Warrer/Jakob Precht Jensen in der Hand. Die Kombination aus der Erfahrung des Olympiasiegers von 2008 an der Pinne und des jungen Vorschoters, der für 2016 zum besten Nachwuchstalent in Dänemark ernannt wurde, harmoniert bestens. Mit neun Punkten Vorsprung auf die beiden spanischen Duos Federico Alonso/Arturo Alonso und Diego Botin le Chever/Iago Lopez Marra gehen die Dänen in die Medaillen-Entscheidung.

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49erFX: Tina Lutz/Susann Beucke lassen beim Kampf um das Gold von Kiel nicht locker. Nach neun Wettfahrten sind sie die ärgsten Verfolger der Olympiazweiten von Rio, den Neuseeländerinnen Alexandra Maloney/Molly Meech. Damit sind die Europameisterinnen allerdings die einzigen Deutschen im Medal Race, da es den WM-Dritten von 2016, Victoria Jurczok/Anika Lorenz, nicht mehr gelang, die Position entscheidend zu verbessern.

Tina Lutz und Susann Beucke sind in einer starken Position für das Finale. Foto: Sascha Klahn (Bild: Sascha Klahn/saschaklahn.com)

470er Männer: Ein deutsches Team schaffte es immerhin in das Sonntagsfinale, doch Chancen auf eine Medaille haben Simon Diesch/Philipp Autenrieth nicht mehr. Mit 22 Punkten Rückstand auf den dritten Rang können sie auch bei der doppelten Punktwertung des Medal Race nicht mehr in den Kampf um Gold, Silber oder Bronze eingreifen. An der Spitze halten die schwedischen Europameister Anton Dahlberg/Fredrik Bergström die Olympiazweiten von Rio Mathew Belcher/Will Ryan weiterhin mit drei Punkten auf Distanz. Für Kevin Peponnet/Jeremie Mion dürfte es mit einem Sprung nach ganz oben nur dann klappen, wenn sich das Top-Duo zu sehr ins Match-Race-Duell verwickelt und den Blick für die Flotte verliert. „Wir haben trotz guter Starts zu viel liegen lassen. Aber es ist ein guter Test für die Worlds in Aarhus, denn aus der Weltspitze fehlen nur ein, zwei Teams. Daher ist es ein echtes Kräftemessen auf WM-Niveau“, sagte Simon Diesch. Die Bedingungen kamen laut Philipp Autenrieth dem süddeutschen Duo entgegen: „Mehr Wind liegt uns mehr und ist einfach spaßiger, auch wenn wir im Winter mehr bei Schwachwind trainiert haben.“

470er Frauen: Der deutsche Dreierpack, der zwischenzeitlich das 470er-Frauen-Feld zur Kieler Woche angeführt hatte, ist vor dem entscheidenden Rennen hinter die Podiumsplatzierungen abgerutscht. Die besten Chancen, tatsächlich noch eine Kieler-Woche-Plakette zu ergattern, haben die EM-Dritten Nadine Böhm/Ann-Christin Goliaß, die direkt vor ihren Nationalmannschaftskolleginnen Frederike Loewe/Anna Markfort und Fabienne Oster/Anastasiya Winkel platziert sind. Als Vierte führen sie die Jagd auf die drei führenden Teams an. Die EM-Achten Maria Bozi/Rafailina Klonaridou (Griechenland) sind in der besten Position auf Gold. „Heute war es auf der Bahn sehr unterschiedlich in der Windstärke und mit vielen Drehern. Da hat es ein bisschen gewürfelt. Aber vor Aarhus zu den Worlds werden wir ja ähnliche Bedingungen haben“, berichtete Anna Markfort von der Bahn, während ihre Steuerfrau Frederike Loewe die Marschroute für das Medal Race ausgab: „Einfach nur auf Angriff segeln!“ Das ist auch bei Böhm/Goliaß nicht anders: „Es ist alles super eng und damit noch alles drin“, sagte Steuerfrau Böhm. Die eigene Leistungsstärke überrascht selbst die deutschen Frauen: „Wir sind natürlich sehr zufrieden, da ich im Winter meine Grundausbildung bei der Bundeswehr gemacht habe und wir nicht trainieren konnten. Vielleicht tut so eine Pause ganz gut“, so Anna Markfort. Auch Böhm/Goliaß mussten verletzungsbedingt pausieren. „Wir hatten unsere Ziele daher deutlich runtergeschraubt. Das hat offenbar den Kopf frei gemacht“, sagte Ann-Christin Goliaß.

Laser Standard: Der Angriff auf die Spitze von Philipp Buhl wurde nach einem guten ersten Rennen ausgebremst. War der Kieler zunächst an dem Briten Elliot Hanson vorbeigesegelt, gab es im Anschluss die Rolle rückwärts. Die Chance auf Platz eins ist weiterhin da für Buhl. So wird es in der letzten Wettfahrt am Sonntag einen Zweikampf geben. Doch das spielte für Deutschlands besten Laser-Segler am Abend keine Rolle: Er hatte sich vielmehr geärgert, dass es kein weiteres Rennen mehr gegeben hatte und kritisierte die aus seiner Sicht zu sehr auf Vorsicht bedachten Entscheidungen der Wettfahrtleitung: „Wir sind zum Teil bei Premiumbedingungen nicht gesegelt. Ein Laser ist bei 25 Knoten und auch bei Fünf-Meter-Welle noch zu beherrschen. Und sollte mal eine 35-Knoten-Böe durchgehen, dann bricht man das Rennen eben ab und startet es neu.“ Der Kieler-Woche-Organisationsleiter Dirk Ramhorst sagte: „Bei den Entscheidungen der Wettfahrtleitung spielen auch die Sicherheit der Teilnehmer und das weitere Segelprogramm eine Rolle. Wir werden Philipp um ein Gespräch bitten. Unser Interesse ist die Weitentwicklung der hohen Qualität der Kieler Woche.“

Philipp Buhl hätte gern auch bei den heftigen Böen gesegelt. Foto: Sascha Klahn (Bild: Sascha Klahn/saschaklahn.com)

Laser Radial: Svenja Weger hat sich im letzten Flottenrennen ins Medal Race der besten Zehn gerettet. Nachdem sie zum Tagesauftakt mit Platz 16 ihr bisher schlechtestes Ergebnis dieser Kieler Woche einfuhr, punktete sie in der zweiten Wettfahrt als Dritte und schaffte so als Gesamt-Neunte den entscheidenden Cut. Bisher nicht bekannte Schwächen zeigte Maxime Jonker aus den Niederlanden. Nach fünf Siegen in Folge musste sie sich am vorletzten Tag mit einem sechsten und einem zwölften Platz in den beiden Einzelwettfahrten begnügen. Dennoch verteidigte sie ihre Gesamtführung. Allerdings hat sie vor der Entscheidung nur noch einen Punkt Abstand auf die Verfolgerinnen aus Skandinavien.

Finn: Der Brite Ed Wright hat sich vor dem Abschluss aus der neuseeländischen Umklammerung befreit. Die beiden Kiwis Josh Junior und Andrew Maloney patzten im letzten Flottenrennen und ließen so den Weltmeister von 2010 auf Platz eins passieren. Diese Position zu verteidigen, wird im Medal Race allerdings ein schweres Stück Arbeit.

Nacra 17: Der Höhenflug der deutschen Kat-Crews endete vor dem Medal Race. Als 13. und 14. sind Paul Kohlhoff/Alica Stuhlemmer und Johannes Polgar/Carolina Werner nur Zuschauer, wenn es am Sonntag um die Medaillen geht. Auf den Sieg kann das führende Team John Gimson/Anna Burnet mit inzwischen sieben Punkten Vorsprung auf die zweitplatzierten Olympia-Medaillengewinner Jason Waterhouse/Lisa Darmanin (Australien) hoffen. Für den ehemaligen Starboot-Segler Gimson wäre es der Höhepunkt der bisherigen Nacra-Karriere. Zwar hat er schon einige internationale Top-Ergebnisse eingefahren, ein Sieg fehlt aber noch in der Liste.

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