Flottillentörn ins Baltikum: South Coast Baltic Boating Rally 2018

Weiße Küsten, glanzvolle Bauten und ein bisschen Sowjetcharme: Die Flottille der SOUTH COAST BALTIC Boating Rally segelte von Danzig über Kaliningrad bis hoch ins Baltikum. Wir waren dabei und entdeckten einen Küstenabschnitt, der bunter wohl kaum sein könnte

Hoch über der Estrella leuchtet der wolkenlose Himmel noch blassblau, am Horizont längst kräftig orangerot. Steuerbord schimmern entfernt die fast weißen Strände der Kurischen Nehrung, backbord wogen bis zum Horizont die dunklen Wellen der Ostsee. Und für einen kurzen Augenblick stehen sich an diesem Sommerabend drei Tage nach Aufbruch in Danzig sogar die untergehende Sonne und der aufsteigende Mond gegenüber. Das einzige Manko: Der Wind zeigt sich launisch, hat wieder etwas nachgelassen. Frisch ist es trotzdem. So sei das hier nun mal, bemerkt Skipper Adam Walczukiewicz. Gelassen dreht er das Ruder um ein paar Grad, zieht den Reißverschluss seiner Jacke einfach ein Stückchen höher und hält Ausschau nach anderen Booten.

Sonnenuntergang nach einem langen Tag auf See – irgendwo zwischen Kaliningrad und Klaipėda (Bild: Philine Lehmann)

Die Crew kämpft gegen die Müdigkeit, aber diesen fast perfekten Segel-Moment will sich dann doch keiner entgehen lassen. Nach und nach klettern alle an Deck und zücken ihre Smartphones. Mit dem Verschicken der Bilder müssen sie sich allerdings ein wenig gedulden. Noch sind die Geräte ins russische Netz eingeloggt. Gebannt wird gemeinsam eine Weile aufs Meer geschaut – und dann schließlich belustigt spekuliert, ob Schlafmangel besonders anfällig für romantische Szenerien wie diese mache. Mehr als 18 Stunden am Stück befindet sich das achtköpfige Team des Leitboots nämlich inzwischen auf See, ebenso wie die Crews rund 20 anderer Boote, die an der diesjährigen, bereits dritten SOUTH COAST BALTIC Boating Rally teilnehmen.

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Skipper Adam Walczukiewicz ist auf der südöstlichen Ostsee zu Hause (Bild: Philine Lehmann)

Alle, die hier dabei sind, haben neben der Liebe zum Segeln mindestens eins gemeinsam: Sie wollen die südliche Ostseeküste mit dem eigenen Boot erkunden. Im Rahmen der Rally geht das für sie ganz bequem: Von der Route über die für die Teilnehmer kostenlosen Liegeplätze bis hin zum Landprogramm ist alles organisiert – jeder nur so viel er will, lautet dabei die Devise. Gleich drei Länder stehen für die knapp einwöchige Tour der internationalen Flottille auf dem Plan: Polen, Russland und Litauen, genau genommen die Regionen rund um Danzig, Kaliningrad und Klaipėda.
Peter Wattler ist mit zwei Freunden aus seinem Solinger Segelclub auf der Seewolf dabei und fasst zusammen, was die meisten Rally-Teilnehmer wohl sofort unterschreiben würden: „Ich brauchte nicht lange überlegen, ob ich bei der Rally mitmache, für mich hat sie nur Vorzüge: Ich muss mich um die Organisation nicht selber kümmern, lerne interessante Leute kennen und sehe nicht nur die Häfen, sondern auch eine ganze Menge von den Städten und ihrem Hinterland.“ Für ihn sei das besonders spannend, schiebt er nach, schließlich kenne er den südöstlichen Teil der Ostsee bisher noch gar nicht.

Danzig: Juwel der Ostseestädte

Tag 1, 22 Uhr, Marina Gdańsk: Nachdem sich der polnische Auftaktabend samt Musik und Snacks dem Ende zugeneigt hat, kehrt langsam Ruhe im Hafen ein. Zwischen den Booten eilen allerdings noch eifrig Segler hin und her. Fragen über Fragen an das SOUTH COAST BALTIC-Team, bevor die bunte Truppe am nächsten Morgen Richtung Kaliningrad aufbrechen will: Sind alle Reisepässe und Visa-Unterlagen da? Nicht mehr Alkohol an Bord als erlaubt? Und wo genau befindet sich eigentlich der russische Kontrollpunkt? Zum Abschluss des Tages gibt es an Bord der meisten Boote dann noch ein Gute-Nacht-Bier – mit direktem Blick auf das Krantor. Schon in ein paar Stunden wird es losgehen: Um vier Uhr früh öffnet die Zugbrücke in der Altstadt extra für die Rally-Boote.

Um in die Marina Gdańsk zu gelangen, müssen die Teilnehmer die Zugbrücke in der Altstadt passieren (Bild: Evelina Valaitytė | South Coast Baltic)

Besser gelegen könnte die Marina wohl kaum sein. Direkt gegenüber des Hunderte Jahre alten Wahrzeichens von Danzig, das am Vormittag übrigens besonders schön angeleuchtet wird, und nur einen Katzensprung vom malerischen historischen Kern der knapp 500.000-Einwohner-Stadt entfernt, der zwar im Zweiten Weltkrieg zerstört, aber hinterher wieder aufgebaut wurde. In nicht einmal fünf Minuten erreicht man zu Fuß die prachtvolle Langgasse, kann den Neptunbrunnen und das Rechtstädtische Rathaus bewundern. Die Marienburg (Burg Malbork), UNESCO-Weltkulturerbe, einstige Machtzentrale der Deutschen Ordensritter und größter Backsteinbau Europas, liegt etwa 50 Kilometer weiter südöstlich. Aber nicht nur, wer sich für die bewegte Geschichte der Region begeistert und sich an prachtvollen historischen Gebäuden nicht sattsehen kann, ist hier goldrichtig: Mit Sopot liegt in unmittelbarer Nachbarschaft Danzigs auch einer der beliebtesten Badeorte Polens. So viel herrlich feinen Sand wie an der südlichen Ostseeküste bekommt man wohl kaum irgendwo zu sehen.

Das mittelalterliche Krantor diente einst zum Be- und Entladen von Schiffen und war ursprünglich komplett aus Holz. Heute befinden sich Ausstellungsräume des Polnischen Schifffahrtsmuseums hinter den restaurierten Mauern (Bild: Philine Lehmann)

Kaliningrad: Russisches Kontrastprogramm

Etwa acht Stunden nach Aufbruch in Danzig trudeln die ersten Yachten in Baltijsk ein. Hier liegt er also, der russische Kontrollpunkt. So kurz vor dem Einklarieren steigert sich die Aufregung. Dass Baltijsk – deutlich sichtbar – auch Hauptstützpunkt der Baltischen Flotte ist, macht es nicht unbedingt besser. Jetzt bloß nichts falsch machen. Probleme gibt es heute aber keine. Ganz im Gegenteil: Der Empfang am Grenzkontrollanleger fällt herzlich, das Prozedere unkompliziert aus. Nicht einmal eine halbe Stunde lang werden Boot und Passagiere jeweils kontrolliert, bevor sie ihre Weiterreise durch den Seekanal antreten dürfen. Motor statt Segel heißt es nun allerdings. Egal, an Bord der Estrella wird die gemütliche Fahrt einfach für eine Stärkung genutzt – der polnische Skipper hat Żurek eingepackt, eine deftige Mehlsuppe mit Ei und Wurst. Noch circa 20 Seemeilen bis nach Kaliningrad.

Nach einem trüben Tagesbeginn in Danzig reißt am russischen Kontrollpunkt in Baltijsk endlich die Wolkendecke auf (Bild: Philine Lehmann)

Die Hauptstadt der gleichnamigen, von Polen und Litauen umgebenen Oblast ist unzweifelhaft die ungewöhnlichste Station der Rally: Unter dem Namen „Königsberg“ einst Hauptstadt Ostpreußens, nach dem Zweiten Weltkrieg dann Teil des sowjetischen Staatsgebiets und in diesem Sommer Austragungsort der Fußballweltmeisterschaft. Statt historischer Schönheit so weit das Auge reicht, wie in Danzig, gibt es hier Kontraste satt. Die Metropole und ihre Umgebung, die gerade einmal 500 Kilometer Luftlinie von Berlin entfernt liegen und den westlichsten Teil Russlands bilden, quellen fast über vor lauter Gegensätze, die spannende Entdeckungsreisen versprechen.

Kurz vor dem Start der WM-Vorrundenpartie Spanien – Marokko wird Kaliningrad von Fangesängen erfüllt. Einige Rally-Teilnehmer hatten Glück und konnten Karten für das Spiel ergattern (Bild: Philine Lehmann)

Vorbei an der Christ-Erlöser-Kathedrale mit ihren goldenen Kuppeln, dem gotischen Dom und modernen WM-Stadion, alten Fischersiedlungen, heruntergekommenen­ Sowjet-Plattenbauten und endlosen Wiesen fahren die Rally-Teilnehmer auf den Landausflügen unter anderem zum weltweit einzigen Bernsteintagebau nach Jantarny, an die wilde Steilküste von Swetlogorsk und von dort wieder zurück, mitten in die vor Fußballfreude nur so sprühende Stadt. Die Kurische Nehrung, die zum Weltnaturerbe der UNESCO zählt und hier an der Küste ihren südlichsten Punkt hat, passt da nicht mal mehr ins Programm.

Klaipėda: Wilde Weite

An Tag 5 sind morgens um halb drei alle hellwach, nicht ganz freiwillig allerdings. Es herrscht Aufbruchsstimmung. Litauen wartet – genauso wie die Eisenbahnbrücke im Hafengebiet von Kaliningrad, die nun schon zum zweiten Mal extra für die vielen Rally-Boote geöffnet wird. Als sie sich langsam hochschiebt, quietscht und knarrt es. Ansonsten ist es vollkommen still. Nacheinander gleiten die Boote hindurch und dann weiter kanalauswärts an großen Kränen und Hallen vorbei. Ihre Masten spiegeln sich im glatten Wasser. Richtig dunkel ist es auch jetzt nicht. Wie so oft auf dieser Reise. Die Sommersonnenwende macht sich hier deutlicher bemerkbar als an der deutschen Küste.

Die Marina im Museum des Weltozeans liegt hinter einer Hubbrücke, die nur nachts geöffnet wird (Bild: Evelina Valaitytė | South Coast Baltic)

Klaipėda, Litauens einzige Hafenstadt, ebenfalls lange ostpreußisch und damals „Memel“ genannt, liegt am nördlichen Ende der knapp 100 Kilometer langen Kurischen Nehrung und bildet die letzte Station der Rally. Mit ihren nicht einmal 200.000 Einwohnern ist die Stadt zwar deutlich kleiner als Danzig und Kaliningrad, ihre Atmosphäre aber quirlig und weltoffen. Die kompakte Altstadt mit den vielen restaurierten Fachwerkhäusern sollte bei einem Besuch daher genauso auf dem Programm stehen wie das atemberaubende Umland mit seinen berühmten Sanddünen, den riesigen Wäldern und der einmaligen Vogelwelt.

Traditionelle Kurenkähne können dank ihres geringen Tiefgangs auch die seichtesten Stellen des Haffs befahren (Bild: Philine Lehmann)

Praktisch: Segler können sowohl im Kastellhafen im Herzen der Stadt als auch gegenüber, direkt auf der Kurischen Nehrung festmachen, zum Beispiel im Smiltynė Yachtclub oder Yachthafen Nida. Für die Rally-Teilnehmer bildet Smiltynė zwar die Basis, kreuz und quer durch die Region geht es für sie zwei Tage lang aber trotzdem: Mit der Fähre hinein in Klaipėdas Zentrum, im Reisebus wieder hinaus zur ornithologischen Station nach Ventė, per Boot rüber nach Juodkrantė, zu Fuß hinauf auf die höchste Sanddüne Europas und schließlich mit dem Kurenkahn das Kurische Haff hinab. Trotz allgemeiner Erschöpfung sind sich hinterher alle einig: Das hat richtig Lust gemacht auf mehr.

Das Kurische Haff ist durch die Kurische Nehrung von der Ostsee getrennt. Da sich hier keine großen Wellen aufbauen, kann auch bei starkem Wind noch ganz bequem gesegelt werden (Bild: Evelina Valaitytė | South Coast Baltic)

Am allerletzten Rally-Tag, auf einem kleinen Abstecher nach Nida, erlebt die Crew der Estrella dann doch noch ihren komplett perfekten Segel-Moment: Kurz vor dem kleinen Küstenort zeichnet sich der Sand der Kurischen Nehrung nicht mehr nur als heller Streifen am Horizont ab, sondern türmt sich direkt neben der Estrella meterhoch auf. Vom Himmel strahlt die Nachmittagssonne hinab in die Gesichter, in den Bäuchen schwappt die warme litauische Fischsuppe vom Mittagessen leicht hin und her und hält die Kälte zumindest für eine Weile ab – und der Wind bläst mit bis zu 30 Knoten.


SOUTH COAST BALTIC

SOUTH COAST BALTIC ist eine Initiative der Regionen Vorpommern (DE), Bornholm (DK), Zachodniopomorskie (PL), Pomorskie (PL), Kaliningrad (RU) und Klaipėda (LT) zur Vermarktung der südlichen Ostseeküste als Wassersportregion. Neben dem grenzüberschreitenden Austausch und der Qualitätsentwicklung von Häfen und Marinas ist es Ziel des EU-geförderten Projekts, den Bekanntheitsgrad der Wassersportregion zu steigern – etwa durch die sommerliche Boating Rally und einen kostenlosen Hafenführer, der zur boot 2019 in überarbeiteter Neuauflage erscheinen wird. Mehr Infos zur Initiative und dem Wassersportrevier südliche Ostseeküste unter: www.southcoastbaltic.eu.


Infos zur Einreise in die Region Kaliningrad gibt’s hier.

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