Wirbelsturm im Mittelmeer: Wie entsteht ein Medicane?

Im Herbst tobte ein verheerender Tropensturm im Mittelmeer. Mancher Segler stellt sich nun die Frage, ob wir uns künftig öfter auf einen „Medicane“ wie „Sorbas“ einstellen müssen

Freitag, 28. September 2018. Vor unserem letzten Segeltag durch Süddalmatiens Inselwelt, zappe ich im Netz durch die Neuigkeiten. Dabei stoße ich auf die Meldung: „Hurrikan im Mittelmeer!“ Sofort öffne ich die Wetterkarte. Was mir die Windprognose zeigt, kann ich erst nicht glauben: Im südlichen Ionischen Meer dreht sich tatsächlich ein Tiefdruckwirbel um ein windstilles Zentrum! Der um das Auge rotierende Wind dürfte bereits Orkanstärke erreicht haben. Die Prognose sagt, dass er Richtung Nordost ziehen und sich noch vertiefen wird. Kap Maléas wird ihn zwar schwächen, doch kaum über der Ägäis, wird er wieder zulegen und über Kap Soúnion hinweg in die Inselwelt der zentralen Ägäis ziehen. Bei Izmir wird er auf das türkische Festland treffen. Schon bald wird man ihn „Sorbas“ nennen und von einem „Medicane“ sprechen.

(Bild: wikimedia commons)

Was unterscheidet einen Medicane von einem Hurricane?

Hurricanes sind tropische Wirbelstürme. So werden sie aber nur im Nordatlantik bezeichnet, im Pazifik nennt man sie „Taifune“ oder „Willy-Willys“, im Indischen Ozean „Zyklone“. Ihre Geburtsstätten sind die windarmen Bereiche dieser großen Ozeane, in denen die Temperatur des Oberflächenwassers beständig über 26 Grad liegt. Bedingt durch die hohen Temperaturen, steigen große Mengen Wasserdampf auf und erzeugen dabei ein Gebiet tiefen Drucks. In das strömt Luft aus nördlichen Breiten nach. Die von der Erdrotation bedingte Corioliskraft lenkt sie ab und sorgt für einen Drehimpuls, der das System in Rotation versetzt. Dabei werden feuchtwarme Luftmassen spiralförmig in große Höhen verfrachtet. Dort kühlen sie ab und breiten sich in der Folge auf bis zu 2.000 Kilometer im Durchmesser aus. Im Zentrum bildet sich ein Schlot, in dem kalte Luft absinkt; in diesem „Auge“ ist es wolkenlos und windstill. An dessen Rand hingegen werden die größten Windgeschwindigkeiten gemessen. Erreichen sie 118 km/h, wird das System als Klasse-Eins-Hurricane eingestuft.

Ein Hurricane wird erst schwächer, wenn seine Energieversorgung in Form des warmen Wassers versiegt und er auf Land trifft (Bild: Jan Bindseil)

In Hurricanes der Klasse fünf wurden schon über 300 km/h gemessen. Merkmal eines jeden tropischen Wirbelsturms ist, dass er selbständig entstehen und sich selbst erhalten und verstärken kann. Vorausgesetzt die Energiezufuhr ist gesichert. Trifft ein Hurricane auf Land, wird sie unterbrochen. Doch selbst dann reicht die in dem System gespeicherte kinetische Energie, um weite Landstriche zu verwüsten und mit enormen Regenmengen zu überfluten.

„Medicanes“ sind außertropische Wirbelstürme. Auch sie können sich nur bilden, wenn die Temperatur des Oberflächenwassers noch um die 26 Grad beträgt. Aber alle die dafür in Frage kommenden Gebiete sind zu kleinräumig und die Corioliskraft ist zu schwach, um die aufsteigenden warmen Luftmassen mit dem nötigen Drehimpuls zu versorgen. Deshalb kann ein Medicane nicht selbständig entstehen! Er braucht Starthilfe von außen. An der Vorderseite besorgt dies heiße Luft aus der Sahara, die von einem Schirokko nordwärts getrieben wird, an der Rückseite wird der Wirbel von atlantischer Kaltluft gepuscht, die ins westliche Mittelmeer strömt. Da Medicanes selten einen Durchmesser von mehr als 200 Kilometer erreichen und ihre Wärmezufuhr zu gering ist, fehlte es ihnen zudem an kinetischer Energie. Ein Medicane konnte sich daher (bisher!) nicht aus eigener Kraft erhalten oder gar verstärken!

Im Mittelmeer wird das Entstehen eines Wirbelsturmes durch die vielen Landmassen gestört, er zerfällt in der Regel bereits nach wenigen Stunden (Bild: Jan Bindseil)

Bei einem Hurricane erreicht der Wind seine größte Stärke um das windstille Zentrum, bei einem Medicane entlang der Spiralarme seiner Fronten, vor allem bei deren Okklusion. Nach der Okklusion beginnt der Motor meist zu stottern, das System zerfällt oft schon Stunden nachdem es sich gebildet hat. Bei „Sorbas“ hingegen schien es, als würde der Wind immer enger um das Auge kreisen. Bewirkt haben könnte dies die Temperatur Wasser im Ionischen Meer. Noch im September war sie so hoch, dass manche Prognosemodelle die Bildung eines tropischen Wirbelsturms im Mittelmeer nicht mehr ausschließen konnten. Deshalb könnte „Sorbas“ der erste Medicane gewesen sein, der sich selbst über längere Zeit erhalten konnte. Sollte die Klimaerwärmung weiter so fortschreiten, wird er nicht der letzte gewesen sein.

Ein Medicane kann nicht von selbst entstehen, sondern braucht etwas Starthilfe in Form heißer Luft aus der Sahara (Bild: Jan Bindseil)

Medicane

Ein „Medicane“ – (Mediterranean Hurricane) – ist ein einem Hurricane ähnliches Sturmtief im Mittelmeer. Je nachdem in welchem Seegebiet ein Medicane entsteht und welche Fronten ihn antreiben, bildet er seine eigene Struktur und sein eigenes Verhalten aus. So wie ein Hurricane hat auch ein Medicane ein windstilles Auge. Seine größten Windstärken erreicht er jedoch nicht im Umkreis dieses Auges, sondern bei der Okklusion von Kalt- und Warmfront.

Bei einem Medicane liegen die stärksten Windgeschwindigkeiten nicht rund um das Auge wie bei einem Hurricane, sondern in der Okklusion (Bild: Jan Bindseil)

Medicanes entstehen meist im Herbst, wenn sich das Wasser noch nicht abgekühlt hat und die ersten polaren Fronten tief ins Mittelmeer vorstoßen. 24° bis 26° Oberflächentemperatur sind notwendig, damit genügend Wasser verdampfen und sich der Wolkenwirbel mit Hilfe eines Höhentiefs ausbilden kann. September und Oktober gelten als gefährlichste Monate. Medicanes drehen sich, wie jedes andere Tiefdruckgebiet auf der Nordhalbkugel auch, gegen den Uhrzeigersinn. Sie erreichen maximal die Windgeschwindigkeiten eines Klasse-Eins-Hurricanes. Ebenso gefährlicher wie der Wind sind die großen Regenmengen, die sie mit sich führen. Die Zugrichtung von Medicanes wird von der Westwinddrift bestimmt. Deshalb ziehen sie in östliche Richtungen und nicht wie ihre Verwandtschaft westwärts über die Ozeane.

Ähnlich wie bei Hurricanes, wurde auch bei Medicanes eine Klassifizierung eingeführt:

  • Mediterranean Tropical Depression: Windgeschwindigkeiten unter 63 km/h
  • Mediterranean Tropical Storm: Windgeschwindigkeiten von 64 bis 111 km/h
  • Mediterranean Hurricane: Windgeschwindigkeiten ab 112 km/h

Seit Beginn der Aufzeichnungen wurden an die zwanzig Medicanes dokumentiert. Ähnlich wie bei Hurricanes, gab es auch Jahre in denen sie vermehrt auftraten und solche die völlig frei von diesen außertropischen Wirbelstürmen waren.

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