Bavaria Yachts

Bavaria nimmt wieder Fahrt auf

Für Bavaria geht das erste Geschäftsjahr unter neuer Führung zu Ende. Um sich neu auszurichten, setzt die Werft auf alte Stärken

Nach der Übernahme durch die Berliner Finanzinvestoren Capital Management-Partners (CMP) im Oktober 2018 gewährt Bavaria einen Blick hinter die Kulissen der Umstrukturierung nach der Insolvenz. Das Geschäftsjahr 2018/19 endet zum 31. Juli. Die Werft wird in diesem Zeitraum rund 350 Boote verkauft haben. Von den alten Zahlen um 700 Boote im Jahr ist der Betrieb in Giebelstadt damit zwar weit entfernt, doch CEO Michael Müller sagt: „Wir sind dort, wo wir geplant haben zu sein.“

Für das nächste volle Geschäftsjahr 2019/20 rechnet man mit 450 Booten und einer schwarzen Null. Die Neuausrichtung ist noch in vollem Gange. Dabei setzt die neue Geschäftsführung in erster Linie auf die Wiedergewinnung alter Stärken, die seit dem ersten Verkauf der Werft 2007 aus dem Blickfeld geraten waren. Im Zentrum steht das Alleinstellungsmerkmal von Bavaria schlechthin: das Preis-Leistungs-Verhältnis. Bei Bavaria bekam man immer viel Boot für sein Geld und das soll auch in Zukunft so sein.

Die Fließbandproduktion geht noch auf den Werftgründer Winfried Hermann zurück

Verantwortlich dafür war die effiziente Fließbandproduktion, die im Kern noch auf den Werftgründer Winfried Hermann zurückgeht. Kurze Wege am Band und Teilegleichheit über mehrere Modelle sorgten unter anderem dafür, dass der Personalkostenanteil in Giebelstadt niedriger war als bei den Wettbewerbern. Manche Entscheidungen in den letzten zehn Jahren unterliefen diesen Vorteil jedoch und machten ihn letztlich zunichte. Hier wird jetzt umgesteuert.

Das augenfälligste Beispiel dafür ist die Segelyacht C 65, die im letzten Oktober gar nicht erst mit übernommen wurde. Die C 65 war ursprünglich für die kroatische Salona-Werft konstruiert worden. Bavaria übernahm das Modell und überarbeitete es, ließ es aber weiterhin in Kroatien produzieren. Für den Standort in Giebelstadt war der Rumpf schlicht zu groß. Damit konnte die C 65 nicht zu den dortigen günstigen Bedingungen gebaut werden.

Die Bodensektion wird in eine Schale eingebaut

Die Produktion des Motorboots R 55 hat die neue Führung nach Giebelstadt geholt, sodass jetzt wieder alle Segel- und Motorboote in Franken produziert werden. Die einzigen Ausnahmen: Die E-Linie bei den Motorbooten wurde ganz eingestellt. Und die Katamarane werden weiterhin in Rochefort in Frankreich, in der Nähe von La Rochelle gebaut. Nach dem kurzen Intermezzo als Bavaria Catamarans werden sie inzwischen wieder als Nautitech vermarktet, gehören aber weiter zur Bavaria-Gruppe.

Christopher Marschka, Bereichsleiter Vormontage

„Wir beherrschen das Vakuuminfusionsverfahren genauso wie das Handauflegeverfahren.“

Bei den Segelyachten spielten auch die anderen Modelle der C-Linie die Stärken von Bavaria bisher nicht voll aus. Die Mehrzahl der Segelyachten geht an Charterunternehmen, die Optionsvielfalt der Modelle ist begrenzt. Im Charterbetrieb geht es vor allem um Einfachheit. Mit ihrer C-Linie dagegen zielt Bavaria in erster Linie auf Eigner. Überzeugt werden, sollten diese mit umfangreichen Optionen, was der ursprünglichen Gleichteilestrategie zuwiderlief und Arbeitszeit kostete.

Vorgefertigte Ruderblätter

Wolfgang Schöller, Bereichsleiter Schreinerei, sagt: „Die Teilegleichkeit kommt wieder.“ Die aktuelle Optionsvielfalt der C-Linie bewerkstelligt man mit der Modulbauweise. Alle Holzteile beispielsweise für ein Vorschiff kommen gemeinsam aus der Fräse, laufen durch den Lackierroboter und landen auf einem Wagen, den sich dann der entsprechende Mitarbeiter zwecks Montage heranzieht. Die zusätzliche Teilegleichheit soll diese Modulbauweise nun noch effizienter machen.

Die Modellpalette soll sich in Zukunft in dem Bereich zwischen 30 und 50 Fuß bewegen. Weitere radikale Schnitte wie bei der C 65 und der E-Linie sind allerdings nicht zu erwarten. Vielmehr sollen schwächere Modelle erst nach und nach durch neue ersetzt werden. Bei manchen Modellen wie dem Dauerverkaufsschlager Cruiser 46 sieht man aktuell gar keinen Handlungsbedarf. Das erste neue Modell unter der neuen Leitung soll auf der Bootsmesse in Düsseldorf 2020 vorgestellt werden.

Bavaria baut Boote sowohl im Handauflegeverfahren als auch mit Vakuuminfusion

Für die Entwicklung neuer Modelle hat die neue Geschäftsführung das Händlernetzwerk enger angebunden. Da die Werft die Boote nicht direkt vertreibt, spielen die rund 100 Händler in mehr als 50 Ländern schon lange eine herausragende Rolle bei Bavaria. Seit Ende November gibt es bei Bavaria einen festen Händlerbeirat, der regelmäßig zusammentritt und über Fragen des Service ebenso berät wie über die Entwicklung neuer Modelle, die vielen Ansprüchen genügen müssen.

So ist es zum Beispiel in Skandinavien üblich, mit Heckanker und dem Bug an einer Schäre festzumachen. Dafür ist ein entsprechendes Geschirr am Heckkorb hilfreich. Im Mittelmeer dagegen liegen die Yachten überwiegend mit dem Bug an einer Muring und mit dem Heck zur Pier. Dort würde so ein Heckankergeschirr stören. Um diese widersprüchlichen Anforderungen unter einen Hut zu bekommen, stimmen sich Händler enger mit den Verantwortlichen aus Konstruktion und Produktion ab.

Wolfgang Schöller, Bereichsleiter Schreinerei

„Die Teilegleichheit kommt wieder.“

Genau für solche Prozesse sind Stellen wieder geschaffen worden, die in der Vergangenheit abgebaut worden waren. Insbesondere das Engineering findet jetzt wieder im Haus statt, um die Vorteile der Serienproduktion voll ausschöpfen zu können. Pascal Kuhn, der früher schon für Bavaria gearbeitet hatte und nun als Produktmanager Segelboote daran beteiligt ist, sagt: „Bavaria ist wieder Bavaria, aber wir lassen uns nicht in die Karten gucken.“

Für Wirbel sorgten im Frühjahr Pressemeldungen über Kurzarbeit und Stellenabbau. Tatsache ist, dass Geschäftsführung und Betriebsrat über ein neues Arbeitszeitmodell verhandelt haben. Dessen Ziel ist, den Anteil der Leiharbeiter möglichst auf Null herunterzufahren und mit der Arbeitszeit des Mitarbeiterstamms flexibler umgehen zu können. Anders als früher baut Bavaria nicht mehr auf Vorrat Boote, sondern nur noch auf Bestellung.

Die Belegschaft soll bei 550 Arbeitnehmern gehalten werden

Wie auf anderen Werften auch ist daher im Sommer relativ wenig zu tun und im Winter relativ viel. Dem begegnet man dadurch, im Winter Plusstunden aufzubauen und im Sommer wieder abzubauen. Um ohne Minusstunden in dieses Modell starten zu können, wird es diesen Sommer noch einmal Kurzarbeit geben. Den im Frühjahr abgebauten 24 Stellen stehen offene Stellen unter anderem für Elektriker gegenüber. Alles in allem, bestätigt CEO Müller, soll die Anzahl der Stellen bei Bavaria bei 550 erhalten bleiben.

Außerdem betont Michael Müller, dass das Know-How der Mitarbeiter ein entscheidender Faktor für ein stabiles Qualitätsniveau sei. Mit wechselnden und immer wieder neu anzulernenden Leiharbeitern sei dieses kaum zu halten. Derzeit liegt die durchschnittliche Betriebszugehörigkeit bei über zehn Jahren. Das deutet auf ein hohes Maß an Identifikation mit dem Betrieb in den Reihen der Stammbelegschaft. Auch die eigenen Auszubildenden sollen übernommen werden.

Die Schreinerei ist und bleibt eines der Herzstücke in Giebelstadt

Auf dem Prüfstand steht neben dem Arbeitszeitmodell auch das Produktionsverfahren. Die Werft hat 2016 das Vakuuminfusionsverfahren für die jüngsten Modelle eingeführt. Dabei werden Glasfasern und Schaum trocken in die Form eingebracht. Das Harz wird später durch ein Vakuum in die Form gezogen. Das erfordert spezielle Formen. Parallel arbeitet Bavaria bei einer Vielzahl von Modellen weiterhin mit dem traditionellen Handauflegeverfahren.

Den Stand der Dinge nach drei Jahren fasst Christopher Marschka, Bereichsleiter Vormontage, so zusammen: „Wir beherrschen das Vakuuminfusionsverfahren genauso wie das Handauflegeverfahren.“ Die Erfahrungen mit den beiden Verfahren sollen im Laufe des Jahres ausgewertet werden, um zu entscheiden, welcher Weg in Zukunft weiter verfolgt werden soll. Jedenfalls sollen nicht auf Dauer beide Verfahren angewendet werden.

Pascal Kuhn,
Produktmanager Segelboote

„Bavaria ist wieder Bavaria, aber wir lassen uns nicht in die Karten gucken“

Grundlage aller Aspekte der Neuausrichtung ist die Überzeugung, dass Bavaria stabil wachsen kann. Michael Müller: „Es kann nicht sein, dass man mit vernünftigen Prozessen, vernünftigen Produkten und einer hervorragenden Marke in einem Kernmarkt nicht wieder neu starten kann.“ Doch entscheidend sind letztlich die Kunden. Deren Wünsche sollen Bavarias erfüllen. Siep Keizer, Produktmanager Motorboote: „Man kauft sich nicht nur ein Boot, man kauft sich Quality Time.“

Teilegleichheit bedeutet, dass baugleiche Teile wie Türen in allen Modellen genutzt werden können

CMP ist auf mittelständische deutsche Unternehmen in Schwierigkeiten spezialisiert. Im Schnitt behält CMP die Firmen fünf bis sechs Jahre. Dr. Ralph Kudla, von CMP für die Restrukturierung in die Geschäftsführung von Bavaria entsandt, sagt: „Wir sind darauf eingestellt, dass es hier länger dauert. Die Produktpalette auf Vordermann zu bringen, braucht Zeit.“ Wenn das Kerngeschäft wieder läuft, sieht Dr. Kudla Wachstumsmärkte beispielsweise in Asien. Aber dann eventuell schon mit einem neuen Investor für Bavaria.

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