Klassenporträt: Hansa-Jolle

1947 zeichnete der legendäre Henry Rasmussen die Hansa-Jolle und ermöglichte vielen Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zu segeln

Es hat etwas von einem Agententhriller, der sich vor 70 Jahren in Hamburg zuträgt. Der deutsche Segelsport liegt nach dem Zweiten Weltkrieg am Boden, viele Boote sind von den Alliierten konfisziert. Die Briten, in deren Besatzungszone Hamburg liegt, zeigen besonderes Engagement bei der Beschlagnahmung von Sportbooten. Und so treten im Jahr 1947 einige Segler, darunter der Reeder Erich F. Laeisz, Vorsitzender des Norddeutschen Regattavereins (NRV), an Werftchef und Konstrukteur Henry Rasmussen heran: Sie bitten ihn, ein kleines Boot zu konstruieren, das den militärischen Auflagen entspricht und mit dem man sowohl Flüsse als auch Watt befahren kann. In der Saison 1948 möchte man schließlich wieder segeln. Rasmussen, schon immer ein Freund der kleinen Boote, entsinnt sich einer Konstruktion aus dem Jahr 1920, die er damals für einen Freund entwarf, die Viska. Dieses Boot dient als Vorlage für den neuen, knapp sechs Meter langen Typ Kielschwerter, der auf den Namen Hansa-Jolle getauft wird. Doch ein großes Problem bleibt: Wie soll der Bau der Boote bezahlt werden, zu einer Zeit, in der das Geld und auch das Material knapp ist.

Tauschgeschäft: 12mR gegen Hansa-Jolle

Im NRV in Hamburg wird ein Plan geschmiedet: Die 12mR-Yacht Sphinx konnte vor den Zerstörungen des Kriegs und vor der Beschlagnahmung durch die Briten bewahrt werden. Allerdings kann mit Sphinx auf absehbare Zeit nicht gesegelt werden, da das Boot gemäß der geltenden Militär-Statuten nicht genutzt werden darf. Also wird nach einem Käufer für die Yacht gesucht. Mit dem Erlös erhofft man sich, beim NRV den Bau der neuen kleinen Boote zu finanzieren. Diese sollen später an Clubmitglieder verkauft werden, um mit dem Geld den Wiederaufbau des zerstörten Clubhauses an der Alster zu bezahlen. In dem Hamburger Holzhändler Hans Freudenberg findet man einen potenziellen Käufer. Dieser hat einen chilenischen Pass, was es ihm erlaubt, Sphinx anschließend unter chilenischer Flagge legal in Deutschland segeln zu dürfen. Der Clou: Als Holzhändler haben Freudenberg und sein Bruder die Möglichkeit, an Holz zu gelangen. Zuerst wird Sphinx vom NRV an Abeking & Rasmussen in Lemwerder bei Bremen verkauft. A&R verkauft sie anschließend an die Freudenbergs. Und diese bezahlen den Kauf der Sphinx mit einer Waggonladung dringend benötigtem Holz: Eiche, Lärche und Mahagoni. Der NRV wiederum soll als Bezahlung erhalten: zwölf Hummelboote, fünf Piraten, zwei kleine Kielboote und eben acht Hansa-Jollen. Im Frühjahr 1948 werden schließlich die ersten beiden Hansa-Jollen an den Norddeutschen Regattaverein geliefert.

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Bei den frühen Hansa-Jollen ist das Deck weiß (Bild: Ekkehard Erben)

Kielschwerter statt Jolle

Der Name Hansa-Jolle täuscht etwas über ihre Segeleigenschaften hinweg. Denn die Hansa-Jolle ist ein Kielschwerter und mit einem 160 Kilogramm Ballastkiel, zu Beginn aus Eisen, später aus Blei ausgestattet. Bei einer Verdrängung von 510 Kilogramm macht das einen stattlichen Ballastanteil von knapp über 30 Prozent aus. Zusätzlich verfügt sie über ein Schwert aus Eisen. Im Vorschiff und achtern ist sie mit abgeschlossenen, ausgeschäumten Räumen versehen, die sie unsinkbar machen. Dies trägt dazu bei, dass die Hansa-Jolle zu einem sicheren, ausgeglichen und gutmütig segelnden Boot wird, das auch mehr Wind verträgt. Gebaut wird in Karweelbauweise. Rasmussen begründet diese Entscheidung damit, dass sie gegenüber dem Klinkerbau zwar teurer sei, man das Boot aber besser sauber halten und konservieren könne. Die ersten Hansa-Jollen entstehen noch aus Lärche oder Eiche auf Eichenspanten. Erst später wird mit teurem Mahagoni beplankt.

Langfahrt mit Rollo Gebhard

Die zahlreichen dokumentierten Reisen führen Hansa-Jollen-Segler durch den gesamten Ostseeraum und auf die Nordsee, zum Beispiel sogar nach Helgoland. Und auch weitere Reisen werden mit Hansa-Jollen unternommen: Der berühmte Rollo Gebhard ließ sich 1958 seine Solveig bei Abeking & Rasmussen bauen. Mit ihr begann seine Segelkarriere auf dem Starnberger See. Später befuhr er das Mittelmeer und segelte sogar bis ins Rote Meer und in den Golf von Aden. Wilfried Erdmann unternahm im Jahr 2003 einen mehrmonatigen Törn durch die Ostsee und beschreibt diese Reise in seinem Buch ‚Ein deutscher Segelsommer’.

Schritt in die Klassenvereinigung

Im Jahr 1960 wird beschlossen, aus der Werftklasse, die bisher ausschließlich bei A&R gebaut wird, eine nationale Klasse des Deutschen Segler-Verband zu schaffen. Dafür gibt A&R die Bauvorschriften frei, was anderen Werften die Möglichkeit gibt, die Hansa-Jolle ebenfalls zu bauen. Ein Jahr später, 1961, wird die Klassenvereinigung der Deutschen Hansa-Jollen Segler (DHJSV) gegründet. Bei Abeking & Rasmussen werden noch bis 1969 Hansa-Jollen gebaut, insgesamt 214 Stück. In den folgenden Jahrzehnten bieten verschiedene Werften immer mal wieder Hansa-Jollen zum Bau, doch an die Stückzahlen von Abeking & Rasmussen reichen diese nicht heran. Aktuell bietet die Werft Fricke & Dannhus die Hansa-Jolle wieder an. Gebaut wird entweder mit Rumpf aus GFK und Sperrholzdeck oder mit einem formverleimten Holz-Rumpf.

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