Serie: Ich & mein Boot

Emma: Drascombe Lugger

An diesem Boot ist nicht nur das Luggerrigg ungewöhnlich. Doch Reinhold Heller schwört auf seinen englischen Drascombe Lugger

Emma ist anders. Das Boot wirkt wie ein Gegen­entwurf zu den meisten anderen Jollen, die am Hemmelsdorf See am Steg liegen. Spieren aus Holz statt aus Alu und eine Vielzahl an geschlagenen Fallen und Bändseln statt geordneter Trimmleinen und Strecker. Dazu noch Schwert und Ruderblatt aus grob verzinktem Stahlblech. An Deck liegen die Riemen in ihrer Ablage, die Dollen zum Pullen sind vorbereitet. Es ist ein echtes Arbeitsboot, das Reinhold Heller hier an dem See unweit von Lübeck unterhält.

Für Reinhold Heller ist Emma das perfekte Familien- und Tourenboot (Bild: Jan Maas)

„Ich wollte nie ein Plastikboot“, sagt der Eigner über seinen mehr als 20 Jahre alten Drascombe Lugger. Und dann ist es doch eins geworden. Das traditionelle Feeling hat ihn überzeugt. Eigentlich hatte er sich schon fast für einen Cornish Crabber entschieden. Doch auf der Suche nach einem Trailer stieß er auf einer Bootsausstellung auf den Importeur der britischen Drascombe-Boote. Dieser machte Heller ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte, und wenig später nannte er ein Ausstellungsstück sein Eigen.

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»Emma, das familientaugliche Arbeitsboot«

„Genau die richtige Größe mit drei Kindern“, sagt der Eigner. Mit nicht ganz sechs Metern leicht zu handhaben, durch das Steilgaffelrigg mit freiem Unterliek ohne einen Baum über dem Cockpit und vor allem mit einer tiefen Plicht. Anders als bei vielen anderen Jollen sitzt oder steht die Crew nicht auf dem Seitendeck, sondern mittendrin im Boot. So konnten die Kinder beim Segeln sogar schlafen, wenn es ihnen zu viel wurde oder sie einfach müde waren. „Einziger Nachteil: nur mit Sonnenhut“, meint Heller.

Die Steilgaffel ragt fast senkrecht über den Mast (Bild: Jan Maas)

Konstrukteur John Watkinson hat in dem Entwurf eigene Erfahrungen verarbeitet. Ursprünglich wollte der ehemalige Marineoffizier mit seiner Frau auf einem umgebauten Arbeitsboot um die Welt segeln, aber ihre Seekrankheit machte seinen Plan zunichte. Also entwarf er ein Schiff für Küstengewässer: einen Daysailer, für kleine Touren geeignet, robust, stabil und einfach zu handhaben in kabbeliger See und bei viel Wind. Die ersten Boote baute Watkinson selbst aus Sperrholz.

Konstrukteur John Watkinson wollte ein robustes Boot für Küstengewässer (Bild: Jan Maas)

Die Legende will es, dass er das erste Ausstellungsstück auf seiner ersten Messe weniger als eine halbe Stunde nach der Eröffnung verkaufte hatte. Watkinson hatte einen Nerv getroffen und erteilte 1968 eine Lizenz zur Serienfertigung seines Drascombe Luggers. Zunächst baute die Werft Honnor Marine das Boot und die Folgemodelle. Inzwischen liegt die Lizenz bei der Firma Churchouse. Insgesamt sind allein vom Lugger mehr als 2.000 Stück gebaut worden.

Hölzerne Belegnägel unterstreichen das Arbeitsboot-Feeling (Bild: Jan Maas)

Die meisten Drascombe Lugger befinden sich auf den Britischen Inseln, aber einzelne Boote sind auf der ganzen Welt verstreut. Besonders zwei Geschichten gelten unter Drascombe-Fans als Ausweis ihrer Seetüchtigkeit. Ein Brite namens David Pyle segelte 1969/70 – noch mit einem Sperrholzboot – von England nach Australien. Und zwischen 1978 und 1984 umrundete Webb Chiles fast die Welt auf zwei Drascombe Luggern. Das erste Boot musste er nach einer Havarie im Pazifik ersetzen.

Schwert aus ver­zinktem Stahlblech (Bild: Jan Maas)

So weit hat es Reinhold Heller nicht in die Ferne gezogen. Für ihn war Emma das perfekte Boot, um es mit in den Urlaub zu nehmen. In Kombination mit einem Ferienhaus machte das Boot einen Urlaub möglich, in dem alle segeln konnten, aber niemand musste. Dann kamen andere Wünsche, und das Boot bekam seinen festen Liegeplatz am See. Während der Rente soll es mit Emma auf eine lange Reise durch die Dänische Südsee gehen.

Das Boot

Länge über alles: 5,72 m
Länge Wasserlinie: 4,57 m
Breite: 1,90 m
Tiefgang: 0,25/1,22 m
Segelfläche: 12,26 m²
Gewicht: 340 kg
Konstrukteur: John L. Watkinson
Werft: Honnor Marine

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