Jenetta: Wiedergeburt eines Klassikers

Bei Robbe und Berking in Flensburg entsteht der versunkene 12er Jenetta neu. Bei der WM in Newport im Sommer soll die Yacht zeigen, ob sie wirklich die schnellste ihrer Art ist

Die Historie

Jenetta gehörte ursprünglich dem Engländer Sir William Burton. Sie war seine vierte und letzte 12mR-Yacht. Burton handelte mit Zucker und war Geschäftspartner und Freund des Teehändlers Sir Thomas Lipton. Beide teilten die Leidenschaft für das Segeln. 1920 steuerte Burton – hoch umstritten – als erster Amateur am Ruder eines America’s-Cuppers Liptons 12mR-Yacht Shamrock IV. Fast mit Erfolg: US-Verteidigerin Resolute schlug Shamrock IV knapp mit drei zu zwei Siegen.

(Bild: Jan Maas)

Danach stieg Burton selbst in die 12mR-Klasse ein. 1924 orderte er einen ersten 12er namens Noresca bei dem Norweger Johan Anker. Drei Jahre später bestellte er bei Camper & Nicholson einen zweiten, die Iyruna. 1934 beauftragte Burton, inzwischen Präsident der „International Yacht Racing Union“ (heute: World Sailing), Alfred Mylne mit seinem dritten 12er: Marina. Sie gewann fast jede Wettfahrt, zu der sie antrat. Ihr schottischer Konstrukteur war einer der Väter der Meterklassen.

Alfred Mylne hatte mitverhandelt, als sich 1906 die europäischen Seglernationen in London auf neue Bestimmungen zum Bau von Rennjachten einigten.

(Bild: Jan Maas)

Die neue Formel wahrte die Balance zwischen Freiraum und Begrenzung. Daher können sich die Jachten der Meterklassen stark unterscheiden. Die 1939 ebenfalls von Alfred Mylne entworfene Jenetta war mit 21,70 Metern Länge über alles der längste je gebaute 12er und beeindruckte mit ihrer Geschwindigkeit. In der kurzen Saison vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs segelte sie nicht nur ihrer Vorgängerin Marina davon, sondern schlug auch Vim, die damals als schnellste Yacht ihrer Klasse galt.

Die Bergung

Jenetta war nach dem Zweiten Weltkrieg nach Kanada überführt worden und langsam in Vergessenheit geraten. Über viele Jahre lässt sich die Geschichte der Yacht bisher gar nicht mehr nicht rekonstruieren. Fest steht, dass sie Anfang der 2000er an einem Bootssteg am Pitt Lake in der Nähe von Vancouver lag. Seereling und Blumenkästen zierten die einst elegante Rennyacht. In diesem Zustand entdeckte sie der Flensburger Werftchef Oliver Berking und trat in Kaufverhandlungen ein.

Wie die Klassikerszene insgesamt, so erleben auch die alten Meterklassen, insbesondere die 12er, seit Anfang der 2000er eine Renaissance. Daran hat die Werft Robbe und Berking Classics durch diverse Projekte keinen kleinen Anteil. Der Clou ist, dass jede Yacht, die für die Meterklassen entworfen worden ist, nur einmal existieren darf. Viele Boote sind seit der Hochzeit der Meterklassen verloren gegangen. Entsprechend selten sind Originale wie Jenetta, mit denen ein Anrecht auf Wiederherstellung verbunden ist.

(Bild: Jan Maas)

Noch während der Verhandlungen versank Jenetta im Pitt Lake – für Oliver Berking das Zeichen, dass höchste Eile geboten war. 2009 erwarb er das Wrack und ließ es ein Jahr später so vorsichtig wie möglich heben und auf einem Ponton absetzen. Die Betrachtung ergab jedoch, dass die Planken nahezu komplett morsch waren. Zudem war der Rumpf durch einen unsachgemäßen Bergungsversuch unrettbar beschädigt. Jenetta war ein Fall für die sprichwörtliche Kettensäge geworden.

Dass die Yacht trotzdem wiederersteht, ist einer Regel zu verdanken, deren Auslegung manchmal zu langen Diskussionen zwischen Puristen und Pragmatikern führt. Danach kann man von einer Restaurierung sprechen, wenn mindestens die Hälfte des Boots erhalten wird. Doch die Hälfte wovon? Pragmatiker Berking nimmt für sich in Anspruch, durch die Verwendung des Originalballastkiels mehr als die Hälfte des Gewichts erhalten zu haben und somit die Regel zu erfüllen.

Die Restaurierung

Für damalige Verhältnisse war sie ein Leichtbau. Und außerdem Technologieträgerin: ein früher Kompositbau mit einer Mischung aus Holz- und Stahlspanten. Auch die neue Jenetta erhält Stahlspanten zur Verstärkung – im Vor- und Achterschiff ist jeder dritte Spant aus Stahl, im Mastbereich jeder zweite. Allerdings wird dieses Mal eine nichtrostende Variante verwendet. Eine behutsame Anpassung an moderne Standards ist bei Robbe und Berking erlaubt.

(Bild: Jan Maas)

Ähnlich verfahren die Bootsbauer bei den Planken. Wie das Original wird auch die restaurierte Variante aus Vollholz aufgeplankt, doch anders als vor 80 Jahren werden die Planken zusätzlich verleimt. Die höhere Festigkeit im Rumpf ist nötig, weil die modernen Materialien für Riggs und Segel viel größere Kräfte in den Rumpf eintragen als früher üblich. Und mit Baumwollsegeln möchte bei aller Liebe zur Tradition heute wohl niemand mehr segeln. Gebaut wurde der Rumpf kieloben. Zuerst wurden die Stahlspanten gebogen und aufgestellt. An diesem Grundgerüst befestigten die Bootsbauer Hilfsplanken. Diese boten die Form, in der sie dann die Holzspanten aus mehreren Schichten verleimten. Auch diese Methode ist eine vorsichtige Modernisierung gegenüber früheren Zeiten, als die Holzspanten gebaut oder eingebogen wurden. Allerdings gibt es auch bei Jenetta Bauteile, die gedämpft und gebogen wurden.

(Bild: Jan Maas)

Im Achterschiff verdrehen sich die Planken so sehr, dass die Bootsbauer sie gedämpft und verleimt haben, damit sie die Drehung mitmachen. So gibt Jenetta, obwohl sie für manche Angestellte der dritte 12er ist, den sie bauen, Rätsel auf: Wie haben die Kollegen vor 80 Jahren ohne moderne Leime das hinbekommen? Inzwischen ist der Rumpf geschlossen und umgedreht. Im Juli soll Jenetta bei der WM der 12er in Newport in den USA an den Start gehen und ihre legendäre Geschwindigkeit unter Beweis stellen.

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