Serie: Ich & mein Boot

Mildred: Gaffelkutter

Er macht eine Menge Arbeit, aber auch eine Menge Spaß. Und er ist über 100 Jahre alt – der Gaffelkutter Mildred in Kiel, um den sich eine Eignergemeinschaft kümmert

Ob, wann und wie man Boote umbenennen darf, ist umstritten. Völlig verboten ist es jedoch, wenn es sich um ein Falmouth Working Boat handelt. Das lernten die Eigner der Mildred bei ihrem ersten Besuch im heimatlichen Revier Cornwall. 1987 hatten die Brüder Andreas und Peter Köpke den Gaffelkutter in Brighton besichtigt, erstanden und im Sommer nach Deutschland überführt. Dort sollte ein neuer Name her. Mildred erinnerte die beiden an die Gattin des Altbundespräsidenten Walter Scheel (FDP).

Nach einer feuchten Anfangszeit ist die Kajüte inzwischen dicht (Bild: Jan Maas )

Das ging gar nicht, denn die neuen Eigner hatten keine Lust auf schnippische Fragen nach ihrer politischen Orientierung. Ohnehin fanden sie, dass der Name Turf – zu deutsch: Torf – viel besser zum Zustand des einen oder anderen hölzernen Bauteils passte. Trotz des teils beklagenswerten Zustands – das Boot machte ständig Wasser – waren die Brüder von ihrem Klassiker begeistert. Auf der ersten Rumregatta, an der sie teilnahm, zeigte die Turf gute Segeleigenschaften und schaffte es auf den zweiten Platz.

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Stolz besuchte die inzwischen um zwei Köpfe gewachsene Eignergemeinschaft 1990 Falmouth – und bekam dort gehörig den Kopf gewaschen. Sie erfuhr, dass Mildred nicht nur ein schöner englischer Gaffelkutter war, sondern ein echtes Falmouth Working Boat. Dieser Name steht als Oberbegriff für Segelboote zum Austernfischen. Ein Gesetz von 1868 schreibt nämlich vor, dass Austern in der Mündung des Fal River nicht mit mechanisch angetriebenen Fahrzeugen gefischt werden dürfen.

Die Patina von über 100 Jahren zeigt sich überall an Bord (Bild: Jan Maas )

Beim sogenannten Dretschen steuert der Austernfischer die Luvseite der Austernbank an und dreht dort bei. Über die luvwärtige Bordwand bringt er bis zu vier schwere spezielle Schleppnetze aus. Der Wind treibt das Boot langsam über die Bank, das Netz kratzt über den Grund und fängt die Schalentiere ein. An der Leeseite der Bank holt der Fischer die Netze wieder ein. Austern mit der Mindestgröße von 2 5/8 Zoll behält er, der Rest geht über Bord. Dann kreuzt der Fischer zurück nach Luv.

»Ein Boot mit Geschichte«

Das ist bis heute so, auch wenn nur noch wenige Fischer davon leben können. Daneben gibt es um Falmouth aber eine große aktive Szene, die sich um den Erhalt der historischen Boote kümmert – auch 1990 schon. So lernte die Eignergemeinschaft der Turf den Eigner ihres Schwesterschiffes Winnie kennen. Der führte sie in die Geschichte ein, machte deutlich, dass ironische Spielereien Marke Torf fehl am Platze seien und legte ihnen ans Herz, schleunigst den alten Namen wieder zu führen.

Hölzerne Blöcke weisen auf das Alter des Arbeitsboots hin (Bild: Jan Maas )

Zurück in Deutschland segelte das Boot noch eine Weile als Mildred ex Turf, aber bald verschwand der Verweis auf die Umbenennung völlig. 2008 gab der letzte der Köpke-Brüder seinen Platz in der Eignergemeinschaft auf, aber immer noch teilen sich vier Personen Unterhalt, Pflege und Reisen mit dem Boot. Dabei kommt der Crew zugute, dass die Falmouth Working Boats schon traditionell für kleine Crews ausgelegt gewesen sind. „Es geht allein, zu zweit geht es richtig gut“, sagt Andreas Linnemann.

Die Mildred wird von einer Eignergemeinschaft gesegelt (Bild: Jan Maas)

Die geteilte Segelfläche mit Gaffel- und Toppsegel und zwei Vorsegeln lässt sich den Windverhältnisse gut und schnell anpassen. So unternehmen die Eigner in den Sommermonaten Kettentörns von ihrem Liegeplatz im Kieler Museumshafen bis hoch nach Finnland. Inzwischen spricht sie auch niemand mehr auf den Namen Mildred an. Und wenn doch, dann erzählen sie voller Begeisterung bei einer Muck Tee die Geschichte von Mildred und den Falmouth Working Boats im englischen Cornwall.

Das Boot

Länge über Deck: 9,15 m
Länge über alles: 13,40 m
Breite: 3,05 m
Tiefgang: 1,75 m
Segelfläche: 76 m²
Verdrängung: 11,5 t
Heimathafen: Möltenort
Liegeplatz: Museumshafen Kiel
Baujahr: 1898

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