Nachteile moderner Rümpfe: Junges Design, eitel Sonnenschein?

Ist nun alles besser geworden, da die Kabinen größer geworden sind, mehr Licht und Luft ins Innere dringt und sich die Raumaufteilung variabel gestalten lässt?

Die Vorteile, die moderne Rümpfe und Interieurs bieten, sind mannigfaltig, dennoch gibt es etliche Nachteile, die nicht wegzudiskutieren sind.

Hohes Freibord

Wer von einem 35 bis 45 Fuß großen Schiff viel Platz unter Deck erwartet, der muss in Kauf nehmen, dass das An-Bord-Kommen mit Klettern verbunden ist, weil das Freibord so hoch ist. Ebenso, dass er bei Lage auf der Luv-Kante hoch über dem Wasser schwebt, denn mehr Komfort wird nicht nur durch zusätzliche Höhe, sondern auch durch eine größere Breite erworben. Andere negative Begleiterscheinungen, darunter Windanfälligkeit, können durch effektive Kielformen und Ruderanlagen und den Einbau von Bug- und Heckstrahlrudern gemildert werden.

Große Rumpffenster

Fenster im Rumpf sorgen für gute Sicht und bringen Licht und Luft ins Schiff. Allerdings schwächt jeder Einschnitt die Stabilität der Rumpfschale, erst recht, wenn er im Bereich der Wanten erfolgt. Diesem Problem begegnen mehr und mehr Werften, indem sie unterhalb der Fenster zusätzliche Stringer einlaminieren (Bavaria C 45). Weil diese für Sicherheit sorgen, stört es nicht, dass ein wenig Staufläche in den Bett- und Sofa-Kästen verloren geht.

Auffallend ist, dass Fensteranzahl und -größe immer weiterwachsen. Zusätzlich zu den Salon- und Rumpffenstern werden aktuell jede Menge Skylights eingesetzt (mit dem nützlichen Nebeneffekt, dass man aus der Kajüte heraus ins Rigg schauen kann), außerdem erhalten mehr und mehr Kajütfronten riesige Panoramascheiben.

Keine Bilge mehr

Manch angepeiltes Design-Ziel lässt sich zudem nur erreichen, indem verzichtet wird. Bei kleinen Yachten, die eine passable Steh- bzw. Sitzhöhe und eine gute Performance bieten sollen, ist das die Bilge. Legt man keinen „Keller“ an, wird der Raum zwar höher, aber alles Wasser, was in den Innenraum dringt oder dort kondensiert, muss weggewischt oder abgepumpt werden.

Besetzter Stauraum

Ähnliche Probleme kann man sich mit Gebrauchsgegenständen einhandeln, die das Bordleben angenehmer gestalten oder das Handling erleichtern sollen. Extras wie Bug- und Heckstrahlruder, Heizung, zusätzliche Batterien oder doppelte Wasser- und Treibstofftanks besetzen Räume, die früher zum Stauen von Lebensmitteln, Kleidung etc. genutzt wurden. Um dieses Problem zu lösen, werden auf modernen Yachten extra Staukammern eingerichtet.

Wohin mit der Elektrik und Elektronik?

Auch die zahlreichen elektrischen und elektronischen Instrumente / Geräte sind nicht nur Segen, sondern auch Fluch. Am deutlichsten lässt sich die verzwickte Situation am Beispiel elektrischer Winschen erklären. Damit die Winschen optimal positioniert werden können, müssen Deckslayout und Interieur akribisch aufeinander abgestimmt werden, denn nichts ist ärgerlicher, als dass man sich jedes Mal den Kopf am Motorsockel stößt, sobald man die Achterkabine betritt.

Die Kabelbündel werden immer dicker und müssen doch bis in die hintersten Winkel sorgsam verlegt werden. Wie gut, dass die meisten Werften an einer vollwertigen Navi-Ecke festhalten, obwohl kaum noch jemand mit Papierkarten navigiert.

1 Comment

  1. Der Artikel beschreibt nur die Eisbergspitze der heutigen Konstruktionscrux:
    Staufächer für Bücher, Kleidung, Gläser, Flaschen, diverse Lampen, Ersatzbettzeug fehlen gänzlich oder werden in Fachzeitschriften – vom Hestellerprospekt übernommen und als modern bezeichnet. Statt Klappfächer oä werden Netze als Hit bezeichnet. Wochenend- bzw. Langzeitsegler haben ihre großen Probleme. Sie sind gezwungen, eine Koje für fehlenden Schrank-Stauraum zu opfern. – Große Fensterflächen erzeugen im Innern auch erheblich mehr Wärme, obwohl Fensteröffnungen immer geringer werden: Segeln im Mittelmeer fordert im Juli/August Tribut: Schlaflose Nächte! – – Der Eisberg wurde nur gering geliftet.

Kommentieren
*Pflichtfelder. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht